Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 24 (13.6.1902)
- Date
- 1902-06-13
- Page
- Seite 288 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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288 Daß mein Abenteuer mit der schrecklichsten der „Maksen" mir genug Spott eintrug und ebenso belacht wurde wie die Angst meines kleinen Bruders, der, zum Baden im „kleinen Bächel" gezwungen, angsterfüllt ausrief: „Ja, wenn ich das Büchel zu Haus hätt!" ist selbstredend. Aber ein noch größeres Gaudium war es, als der furchtsame kleine Kerl, sich zaghaft einer Katze nähernd, diese, bebend vor Angst, mit zitternden Knien anredet: „Sag mir Katzerl, wie heißt du?" — Heute ist er ein Naturforscher und weiß sehr gut, wie alle Katzen heißen. Litterarische Mittheilungen. — I. H. Ritter: Die jüdische Neformgemeinde zu Berlin und die Verwirklichung der jüdischen Resorrnidee innerhalb derselben. Herausgegeben von Dr. S. Samuel, Berlin 1902. Emil Apolant. Man darf dem Herausgeber und der Familie dasür dankbar sein, daß sie den vierten Theil der „Geschichte der Reformation" von Jmmanue^ Heinrich Ritter veröffentlicht hat. Der erste Theil handelt von Lessing und Mendelssohn, der zweite von David Friedländer und der dritte von Samuel Holdheim. Es mußte also noch ein vierter Theil folgen, indem die Verwirklichung der Ideen, welche Holdheim angestrebt hatte, dargestellt wurde. Ritter, der mit Holdheim länger als 15 Jahre zu» sammen amtirte, war gewiß dafür geeignet, diese Ideen und An» schauungen zu schildern. Darüber hinaus hat aber seine Arbeit noch einen bedeutenden selbstständigen Werth; sie führt uns auf der Brücke von der Vergangenheit zur Gegenwart bis zu den Grundlagen, auf welche die Neformgemeinde basirt; sie tritt der gehässigen Deutung, als wenn es sich hier nur um eine Nützlichkeit^ oder Bequemlichkeitsreform handeln würde, mit Schärfe entgegen, sie sucht nachzuweisen, daß die ganze Idee der Neformgemeinde, ihre Entstehung und Aus» bildung, mit innerer Naturnotwendigkeit aus dem Geiste des Judentums hervorgegangeu sei, sie führt uns endlich die ersten leitenden Geister der Gemeinde vor, S. Stern und A. Bernstein, sie stellt schließlich die Grundsätze der Gemeinde, so wie sie im veränderten Kultus und in der Beseitigung von Ceremonien zum Vorschein kommen, geschickt zusammen. Man kann über die Prinzipienfrage verschiedener Meinung sein — und wir haben nie ein Hehl daraus gemacht, daß wir auf einem anderen Standpunkt stehen, — man wird aber trotzdem, wenn man nur einen Funken von Objektivität besitzt, anerkennen müssen, daß aus diesen Ausführungen ein klarer und tiesreligiöser Geist zu uns spricht, der mit den humanistischen Ideen der klassischen Periode erfüllt ist und mit tiefer Liebe an seinem Iudenthum hängt. Das fünfte Kapitel gehört eigentlich nicht mehr in die Geschichte der jüdischen Reformgemeinde. Es hätte besser den Anhang eröffnet, in dem noch einige werthvolle Arbeiten aus dem Nachlasse Ritters über Mendelssohn und Herder zum Abdruck gelangen. Sehr interessant sind das Vorwort und die Biographie, in welcher Dr. Samuel, obwohl auch er auf einem ganz anderen Standpunkt steht als derjenige Ritters war, über den trefflichen Mann handelt. Wenn er aber dort die Reform die unzeitgemäßeste Bewegung im Judenthum nennt, so scheint er uns nur zum Theil recht zu haben, und wenn er sagt, daß es heute kein gefährlicheres Wort bei uns Juden gebe als Reform, so können wir ihm nicht beistimmen. Allerdings für den Standpunkt der süddeutschen Orthodoxie erscheint die Resormbeweguug unzeitgemäß, und für die Blätter dieser Partei ist das Wort Reform versehmt. Aber es gähnt eine tiefe Kluft zwischen den religiösen Anschauungen der Majorität der deutschen Juden und denen, welche in den jüdischen Seminaren, Schulen, auf vielen Kanzeln und in den meisten jüdischen Zeitschriften zun: Ausdruck kommen! Eine Enquete darüber, wenn eine solche möglich wäre, würde unseren jüngeren Theologen gar wundersame Enthüllungen machen über das, was selbst ihnen unzeitgemäß oder verfehmt erscheint. Unter solchen Umständen ist es wirklich ein Math, der Anerkennung verdient, daß einer unserer jungen Theologen Immanuel Heinrich Ritter gerecht zu werden wußte. Dieses Verdienst hat sich Samuel durch seine vorzügliche Biographie erworben. Er führt uns das Leben und Schaffen Ritters in seiner ganzen Entwickelung vor; er zeigt uns das Gemein, same und Uebereinstimmende, er steht aber auch keinen Augenblick an, sich da von ihm zu trennen, wo seine historische von der weltbürgerlich humanistischen Anschauung Ritters oder Holdheims 'abweicht. Zu der Biographie selbst hätten wir nur einige kleine unwesentliche Einzelheiten zu bemerken. Aus Seite 1 heißt es, daß die Mutter Ritters dem „in Krakau ansässigen Zweige der Mendelssohnschen Familie entstammte". Das ist nicht richtig, denn die Familie Mendelssohn in Krakau hatte absolut keine Verwandtschaft mit der Familie Mendelssohns. Seite 12 ist die Rede von „einem Dr. Gottheil". Das ist aber der bekannte und geschätzte Newhorker Prediger Dr. Gustav Gottheil, der von hier nach Manchester und von da nach Newyork ging, wo er über ein Vierteljahr-Hundert als Rabbiner der „TemPle-'Emanuel-Kongregation" eine gedeihliche Wirksamkeit entfaltet und eine große Popularität erlangt hat. Aber solche Kleinigkeiten können natürlich nichts an dem Urtheil über die Gesammtdarstellung ändern, die eine wahrhaft vornehme, geistvolle und gediegene ist. Die vielen Freundedie der sel. Dr. Ritter hatte, werden aufrichtig erfreut darüber sein, daß Dieser einen so verständnißvollen Biographen gefunden hat. ---- Die illustrirte Monatsschrift „Ost und West", herausgegeben von D. Tri et sch und Leo Winz, welche im Verlage von S. Cal- Vary <L Co., Berlin RW.. nun schon im zweiten Jahrgang erscheint, schreitet auf dem einmal betretenen Wege rüstig vorwärts und erfreut sich wachsender Theilnahme. Das jüngste Heft war eine Israels- Nummer zu Ehren des bekannten holländischen Malers. Sie enthält eine Anzahl Zeichnungerl nach seinen Bildern und einen werthvollen Aufsatz von Dr. G. Kutna über den Künstler selbst. Auch sonst sind in dem Heft verschiedene lesenswerthe Artikel. M. Kayserling schreibt über Oskar S. Strauß, den früheren amerikanischen Gesandten bei der Pforte, Dr. Franz Oppenheimer über die Anfänge des jüdischen Kapitalismus, Mathias Acher über jüdische Statistik und deren Werth, Fabius Schach über die Ausländerfrage in Deutschland, Hermann Burchardt über die Juden in Uemen. Die Illustrationen zu diesem interessanten Artikel sind nach Originalaufnahmen des Verfassers gemacht worden. Der illustrative Theil des Heftes ist. meist sehr schön, die Ausstattung desselben gut. Bis ans eine hier und da stark durchschimmernde Tendenz kann man der Leitung des Blattes volle Anerkennung zollen. Sprechsaal. Geehrter Herr Redakteur! s wird Ihre Leser zweifellos interessiren, etwas über den Ursprung der Familie Ottolenghi zu vernehmen, der der gegenwärtige Kriegsminister Italiens angehört. Die Familie stammt wahrscheinlich aus Oettingen im Nies. Aber schon um die Mitte des 16. Jahrhunderts lebte in Cremona der gelehrte Joseph Ottolenghi, der dort ein talmudischeS Lehrhans eröffnete und in Riva di Trenta (von 1559—1562) zahlreiche rabbinische Schriften drucken ließ. Vgl. Ersch und Gruber, Encyklopädie, sec!. II. B. 28. S. 46. Aus derselben Familie stammte auch der Rabbiner von Venedig Samuel b. David Ottolenghi, ein bekannter kabbalistischer Schriftsteller, dessen Auszug aus dem berühmten Schelob unter dem Titel „Mell Schemuel" 1701 daselbst erschienen ist. Auch andere asketisch-kabbalistische Werke sind von ihm herausgegeben worden. Hochachtungsvoll Sehr geehrte Redaktion! (Mn der letzten Nummer der „Allgemeinen Zeitung des Judenthums" bringen Sie die Nachricht, daß von den hiesigen städtischen Behörden das Schächten verboten ist. Gestatten Sie mir, Sie wissen zu lassen, daß hier an jedem Montag und Donnerstag geschächtet wird Die jüdische Gemeinde hierselbst, deren Beamter ich bin, hat also keine Ursache, eine diesbezügliche Verordnung anzufechten. Bütow, 6. Juni 1902. Hochachtungsvoll S. Frank. Druck und Verlag von Rudolf Masse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.