Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 19 (9.5.1902)
- Date
- 1902-05-09
- Page
- Seite 228 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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228 „Gott, welch komische Musik! Schade, daß mein Chaim sie nicht hören kan»! Wie würde er sich ihrer freuen! Er ist ja ein ganzer Musikant." Dabei wiegt sie den Kopf nach allen Richtungen, und von der frischen Luft und den vielen Eindrücken übermannt, schläft sie plötzlich ein. Und im Schlafe träumt sie wuuderbare Zaubertrüume. Da ist eine große grüne Wiese, ganz in Licht und Wohlgerüche getaucht, und über diese Wiese kommt ... sie selbst, die leibhaftige Rhfka. Nicht die Rhska von jetzt: alt, gebeugt und häßlich, sondern die von ehemals, da sie 15 Jahre alt und schön war wie die Rose von Jericho, weiß wie die Lilien aus den Saronsthälern, mit den tiefen, klaren Augen, die an des ewigen Jordan Wellen erinnerten. Da konimt ein schöner Jüngling 1 ihr entgegen. Er trägt weiße Gewänder und hält in der Hand eine Harfe mit goldenen Saiten. Es muß der König David sein, von dem ihr „Tate" (Vater), ein frommer Talma bist, ihr so viel Wunderbares erzählt hatte. Der schöne Jüngling streckt die Arme nach ihr aus und flüstert Liebesworte, so glühend heiß wie die Sonnenstrahlen oben, und so wvhldustend wie etwa diese Feldblume»; Worte, die Rhfka nie in der Wirklichkeit gehört hatte, nie! ... Plötzlich wird sie aus ihrem Schlafe durch ein Geräusch geweckt. Sie schlägt die Augen ans, sieht sich nm-der Eierkorb ist nicht mehr da, und in der Ferne dort sieht sie einige Dorfburschen mit ihrer Beute davoneilen. „Os, weh! mir!" ruft sie und läuft den Fliehender« nach. Recht kindisch > sah sie aus, wie sie so den Buben nacheilte, klein, gebeugt und! an allen Gliedern zitternd; sie erinnerte dabei an einen Naben, l welcher seine gebrochenen Schwingen wieder zum Fliegen! bringen mochte. Da verschwindet das Gesindel unter Spott- und Schimpfrufen, und Rhska läßt sich rathlos und verzweifelt auf einen Stein nieder. Aus ihrem Mnnde, der vor einem Augenblick von einem süßen, fast kindlichen Lächeln umspielt war. ergießt sich jetzt ein Strom wilder, ätzender Fluchworte, die schließlich in ein furchtbares, herzzerreißendes, dumpfes Weinen übergehen. * * Dieses Ereigniß hat Rhfka ein für allemal derartige Exkursionen abgewöhnt, die sie nur für gefährlich und nutzlos ansieht. Manchmal steigt zwar das Bild der stillen dämmernden Felder mit den smaragdgrünen Wiesen und der lieben, guten Sonne in ihrem Gedächtnisse auf, aber sie schämt sich solcher sie selten genug noch heimsuchenden Visionen. Was ging eigentlich damals mit ihr vor? Sie ist am Wege eingeschlafen wie eine gemeine, betrunkene Bäuerin. Und bestehlen hat sie sich lassen. Rhfka Pischtschyk sich bestehlen lassen! . . . Sie spuckt, vor Abscheu und Entsetzen zitternd, vor sich selber aus. und will diese Gedanken für immer verscheuchen. Und so sinkt dieser einzige goldene Lichttag ihres Lebens, der einzige, den sie wirklich gelebt, langsam in die grauen, sumpfigen Tiefen ihrer trostlosen Existenz hinab . . . An Oarnren Sylncr! Sylt am schönen Nordseestrand, Im stillen, grünen Haideland, Fernab vom Weltgetose, Da liegt ein Ort, der Nutz umschließt, Der traurig süß den Fremdling grüßt: „Heimath für Heimathlose." Hier ruht der Erdenmüde aus, Hier fand er heim ins Vaterhaus, Liegt schlummernd unterm Moose — Kein herb Geschick mehr rust ihn fort, Ihn grüßt das hehre Dichterwort: „Heimath für Heimathlose." O Wort, voll edlem, tiefem Sinn, Dich schuf die hohe Königin, Die edelste der Frauen, Die es verstand, in Freud und Schmerz In jedes arme Menfchenherz Mit Dichterknnst zu schauen. Nicht nur die Fürstenkron' dich ziert, Die Dichterkrone dir gebührt Und auch der Liebe Rosen! Wie strebst du nach des Volkes Glück. Gewährst mit deinem güt'gen Blick „Heimath den Heimathlosen Doch horch, was tönt so trüb und bang, Wie jammervoller Klagesang'. „Weh uns, wir sind verstoßen!" So schluchzt, umzingelt von Gefahr, Im Land des Iudenvölkleins Schaar, „Weh uns, wir Heimathlosen!" Und Keiner hört ihr klagend Wort: „Was quält man uns so fort und fort, Die wir nur leben wollen. Wenn euer Glauben Liebe lehrt Laßt unser Fleh'n nicht unerhört Und endet euer Grollen!" O Kölligin, so mild und groß, Denk ihrer, die gar heimathlos, Still' ihrer Thränen Fluthell! Sieh, wie sie all' mit Weib und Kind So liebearm und sreudenblind Im tiefsten Schmerz verbluten!! Das willst du nicht, o Königin, j Gewähr' in deinem Edelsinn Erleichterung ihrem Lose, Gieb, daß dies arme Völklein fand Barmherzigkeit in deinem Land! „Heimath für Heimathlose!" k. 6. Fitterarische MittheUrmgen. Dr. M. H. Friedländer: Das Talmndstndium in der ersten Hälfte des 10. Jahrhunderts. — Alls dem Leben und Wirken der hervorragendsten rabbinischen Autoritäten Prags. Wien 1902. Moritz Waizner. In diesen beiden Schriften führt der gelehrte Historiker seinen Lesern hervorragende Erscheinungen des rabbinischen Indenthums vom 16. bis 19. Jahrhundert in populärer und ansprechender Weise vor. Die erstere Schrift enthält die Biographie von Markus Benedikt. Akiba Eger und Moses Soser, die letztere ist die ausführlichste. Alle drei Biographien sind von lebhaftem Interesse. Im Anhang kommt der Verfasser auf die veränderten Zeitverhältnisse zu sprechen und verherrlicht namentlich Mannheimer als den Reformator der Synagogen und Begründer der deutschell Kauzelrede in den israelitischen Gotteshäusern Oesterreichs. In der zweiten Schrift wird uns die Prager Gemeinde in ihrer vollen Bedeutung für die Pflege des Talmudstndinms vorgeführt. Es tritt eine Reihe von Lichtgestalteu ans, die in der Geschichte des Judenthums Bedeutung haben. Der Anhang enthält eine Art Autobiographie des Verfassers, die einen interessanten Rückblick auf bestell vierzigjährige unermüdliche Tätigkeit als Schriftsteller und Rabbiner bildet. Beide Arbeitern verdienen die Aufmerksamkeit weiterer Kreise. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauch Witz in Berlin.