Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 19 (9.5.1902)
- Date
- 1902-05-09
- Page
- Seite 227 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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227 das erste Buch Samuel. Aber er erliegt dem Machtrausch aller orientalischen Despoten. Von David an nimmt der / Sultanismus immer krassere Formen an, in genauer Parallelität mit der Verarmung der Volksmasse und der Erhebung der reichen Grundbesitzerklasse, mit der, wie in allen Monarchien, das Hofbeamtenthum zu einem neuen Adel verschmilzt. (Schluß solgt.) Ml.l.LT'OlM Nyfka Wschtschyk. Aus dem Polnischen von Anna Brümami. CK hinab. 'üde und von der schweren Last ihres mit ländlichen Produkten überfüllten Korbes niedergebengt, geht Rhfka Pischtschyk langsam die lange und schmale Landstraße Ihre leblosen, von zahlreichen Furchen umränderten Augen drücken Staunen und Neugier aus. Und diese Neugier ist wohl berechtigt, denn es ist zum ersten Male, daß die nun dreißigjährige Ryska sich auf dem Lande befindet. Sie ließ heute früh ihren „Kram", welcher sich in der unter dem hochpoetischen Namen „Sumpf" bekannten Straße befindet, unter der Aufsicht ihrer zehnjährigen Tochter Bajla und begab sich frohen Muths ans den Weg. Man darf aber nun nicht gleich denken, daß Ryfkas Herz plötzlich von einem Sehnsnchtsgefühl zur Natur ersaßt worden war; denn ich muß mit Beschämung gestehen, daß ein derartiges Gefühl meine arme Rhfka nie heinigesucht hatte, und zwar aus dem einfachen Grunde, weil ihr die ganze Natur so unbekannt und so fremd war, wie unseren Astronomen zum Beispiel das Leben und Treibeil der Marsbewohner. Sie trieb ganz einfach der Wunsch aufs Land, eine günstige Transaktion zu vollführen, denn sie hoffte dort einige Handelsartikel zu billigeren Preisen als auf dem Markt „Vor dem eisernen Thor" einkaufen zu können. „Vielleicht gelingt es mir, einige Kopeken zu verdienen, so bezahle ich Miethe und stopfe den Kindern die Mäuler," dachte Ryska, indem sie, einem modernen Jason gleich, sich auf diesen ihr ungewohnten Ausflug begab. Ueberhaupt ist das „Mäulerstopfeu" die wichtigste Sorge liuserer wenig interessanten Heldin, wie auch das einzige Argument, womit sie manche ihr oft gemachte Vorwürfe ethischer Natur zu entkräften suchte. Den moralischen und intellektuellen Mängeln meiner Rhfka muß ich leider noch einen physischen hinzufügen, nämlich daß sie häßlich war, und zwar so abstoßend häßlich, daß sich jeder ästhetisch gebildete Mensch von ihr abwenden würde. Zwar sah sie einst anders aus, einst, wie sie als sünfzehnjähriges Mädchen bei ihrer Großmutter (der „Gabete") lebte; damals war sie schön wie die Rose von Jericho, ihr Teint war weich lind zart wie die Lilien aus den Saronsthälern, und ihre Augen hatten etivas von der Tiefe und Klarheit der Wellen des Jordan. Aber die verzehrende Noth des schmutzigen jüdischen Stadtviertels zerstörte rasch ihre junge Schönheit und machte die kaum Dreißigjährige zu einem häßlichen, widerlichen Weibe. Null geht Rhfka den schmalen Landweg weiter und schaut sich neugierig um. Als sie heute Morgen die Stadt verließ und dem gewünschten Ziele zueilte, ging sie gerade vor sich hin, ohne etwas zu sehen. Jetzt aber, da sie ihr Geschäft günstig auSgeführt, kann sie sich wohl für einen Augenblick „ckolee ü>r monte" gönnen, und dann drückt der volle Eierkorb erbarmungslos auf ihren gebeugten Rücken. So setzt sie sich denn und streckt mit Wollustgesühl die schmerzenden Glieder aus. * * -i« Langsam kommt die Dämmerung über die stille, friedliche Landschaft herangezogen. Die letzten Strahlen der untergehenden Sonne liebkosen goldig-schillernd den Himmel, die weiten Felder mit dem heranreifendeu Getreide und den armen, häßlichen, vornüber gebeugten Kopf der Jüdin. Ein frischer, kühlender Hauch entströmt den smaragdgrünen Wiesen, wo die halbgeöffneten Blumenkelche, die wohlriechendsten Düfte verbreiten. Auf den Pappeln schlafen die von ununterbrochenen: Trillern müden Sperlinge langsam ein, und vom Dorfe her ertönt eine Melodie, so traurig, weich und zart, als ob sie mitscuumt den Strahlen der untergehenden Sonne bald verschwinden müßte. Langsam und sanft nimmt diese unermeßliche leuchtende Ruhe die gequälte Seele Nyfkas in sich ans und umfängt sie zärtlich mit ihren weicher: Schleierflügeln. Rhfka lehnt ihr runzeliges Gesicht auf die abgezehrte, gelbliche Hand und wackelt mit dem Kopfe. „Oj, oj, wie schön hier ist! Und wie still! Und die Blumen riechen besser als unser „Esrog"." Tief und mit gierigen Zügen athmet sie die Zanberluft in ihre schwache Brust ein und guckt rings um sich her. Da sieht sie dicht in ihrer Nähe in den goldenen Kornwogen einen Grashüpfer springen. „Welch glückliches Geschöpf," meint sie, „wie fröhlich und sorglos es ist! Was Wunder — es braucht ja keine Sorge dafür zu tragen, wie inan dazu kommt, dem Manne und den Kindern Nahrung zu verschaffen." Bei diesen Gedanken übermannt die arme Rhfka ein tiefes Wehgefühl, ein Mitleid mit sich selbst, mit ihrem Manne, dem Taugenichts und den armen, ewig hungernden Kindern, tlnd Thränen fließen aus ihren glanzlosen Augen, Thränen, die nichts Gemeinsames haben mit jenem ständigen Schluchzen, das sie erfaßt, wenn sie ihre, zur täglichen Familienernährung nöthigen 20 Kopeken nicht verdient, oder wenn sie sich mit ihrer Konkurrentin Nüchel Pawidlo gezankt, oder wenn die Gassenjungen ihren kleinen Chaim. der von schwacher Gesundheit ist, geschlagen haben. Die Thrätteu, die sie in diesem Augenblick weint, gleichen vielmehr denjenigen, die sie einst als ganz kleines Kind in den mütterlichen Armen vergossen, denn auch jetzt birgt sie den Kopf in den hohen Kornwogen und läßt ihr bitteres Weh in den Schoß der Allmntter Natur stießen. Diese Thränen bringen ihr Erleichterung, sie erfrischen ihre Augen wie hell sprudelndes Wasser. Nun will sie aber auch ausstehen und nach Hause gehen, sie kann sich aber keineswegs von der Stelle rühren. Die Abendstunde rückt immer näher heran. Die immense Kugel dort im Westen schimmert immer röthlicher, sinkt immer tiefer hinab, bis sie in den bläulich-weißen Finthen des nahen Sees ganz verschwindet. „Keine Sonne mehr," flüsterte Ryska vor sich hin, und ein Wehgefühl erfaßte sie; sie empfand nämlich, daß sie solche milden, leuchtenden, belebenden Strahlen niemals in dem finsteren Ghetto Wiedersehen wird. Dom Wasser tönt Plötzlich das Quaken der Frösche herüber, welches Rhfka in eine fröhliche Stimmung versetzt.