Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 44 (2.11.1900)
- Date
- 1900-11-02
- Page
- Seite 523 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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523 zwischen Logen uub Gemeinden. Was den ersten Punkt betrifft, eristiren ohne Zweifel traurige Verhältnisse, die jedenfalls nur zum kleinen Theil von den Rabbinern verschuldet worden siild. Es ist gewiß vorgekommen, daß Rabbiner durch Unverträglichkeit, durch Unfähigkeit oder auch durch moralische Defekte sich unmöglich machten. In der Mehrzahl der Fälle, besonders in kleineren Gemeinden, scheint man es als einen Theil der aus dem Beitrage zur Gemeinde resultirenden Rechte zu betrachten, alle zwei bis drei Jahre einem Rabbiner beit Laufpaß zu geben. Selbst große Gemeinden, wo das intellektuell und sozial höher stehende Element sich vereinigt, haben in letzter Zeit in erschreckender Häufigkeit die Fülle gezeigt, wo man einen Rabbiner entlassen hat, weil er nicht „zieht". Die darin befolgte Methode ist ganz die eines Geschäftshauses. Wenn man bei der Jahresbilanz findet, daß ein Reisender nicht genug Geschäfte gemacht hat, wird ein Anderer eugagirt, und der Andere findet sich noch, ehe der frühere Okkupant das Feld geräumt hat. Das ist allerdings ein Mangel an Standesehre uttb für die Betreffenden selbst sehr bedenklich, aber es ist nicht ganz so neu, als man meint, wenn man sich von dem Charakter der alten Rabbinen ein Bild macht, das seine Farben nicht aus den Eulogien der Grabsteine und Memorbücher bezieht. Ist man in der Lage, intimere und unabhängigere Quellen zu Rathe zu ziehen, verschiebt sich das Bild ganz bedeutend. Schon in der Flugschrifteulitteratur in dem Streite zwischen Jakob Emden in Jonathan Eibeschütz ist mancher interessante Hinweis zu finden. So findet man in einem Briefe Nehemia Neischers an Jakob Emden die Angabe, Jonathan Eibeschütz habe sich an Nehemia gewandt, um seine Kandidatur ilm das vakante Rabbinat in Metz vor den dortigen Vorstand zu bringen. Aus deul Briefe zitirt Nehemia folgende Stelle: „Ich kann es gar nicht begreifen, daß gegen mich die geringste Einwendung bestehen sollte, da doch kein einziger der zeitgenössischen Rabbiner Tagen kann, daß er nur einigermaßen an mich heranreicht. So lange ich lebe, giebt es noch Wissenschaft in Israel, talmndische, weltliche, rationale und mystische, Poesie und Hmnor. Wo ist einer in Israel, den man mir auch nur uni einem Schatten von Berechtigung an die Seite stellen konnte." (Sepliat Emetli, Lemberg 1876, 11 Ir). Rabbiner, die zu solchen Mitteln Zuflucht nahmen, mit ihre Kandidatur zu unterstützen, können den Gemeinden gegenüber nicht so unabhängig gewesen sein, als man sich das vorstellt. Noch interessanter sind die Belege aus Jakob Emdens Memoiren (Megilath Sepher, Warschau 1896). Da erfahren wir manches recht Interessante. Bei der Wahl Ezechiel Katzenelnbogens zum Rabbiner von Altona, 1715, war einer der mächtigsten Agitatoren ein gewisser Jssachar Kohen, der eine so häßliche Tochter hatte, daß Niemand anbeißen wollte. Er verheirathete sie mit einem armen polnischen Bachur, dem er die Rabbiuerstelle in Keidani versprach. Diese war ihm wieder von Ezechiel Katzenelnbogen zugesagt worden, wenn es ihm gelingen sollte, die Stelle in Altona zu erhalten. Ebenso naiv erzählt ^ns Emden, wie sein Schwager Löb, nachmals Rabbiner in Amsterdam (gestorben 1755), sich mit Hilfe der Behörde an die Stelle des aus seinem Amte verdrängten Rabbiners von Rzeszow bringen ließ, wie er dann bald darauf demselben Schicksale erlag. Auch von sich selbst erzählt er mit voller Naivetät, daß er nach dem Tode von Jonathan Eibeschütz 1764 die Stimmen seiner Partei gegen eine gewisse Summe dem Isaak Horowitz aus Brody verschaffte und schließlich um einen großen Theil der Summe betrogen wurde. In der sehr weitschweifigen, aber interessanten Chronik der Synagoge von Aussee (Mähren) von Abraham Broda □''"HB rbtä herausgegebeu von E. Baumgarten, Berlin, findet sich die amüsante Geschichte, daß der Amtmann die Juden zusammengerufen habe, um sie zu ermahnen, daß sie ihrem Rabbiner „mehr Ehr" geben sollen. Darauf sammelte ein Spaßvogel alle Henkel von zerbrochenen Töpfen, deren er habhaft werden konnte, reihte sie an eine Schnur und dekorirte damit den Ständer des Rabbi, dainit dieser inehr „Oehr" habe. In Moses Sophers Gutachten findet sich eins, an einen ungenannten Rabbiner gerichtet, der ihn bittet, ihm ein deutsches Gutachten zu geben, daß er (Bittsteller) nach dem rabbinischen Gesetze berechtigt sei, seines Vaters Nachfolger zu werden. (Orach Chajim No. 13.) Der Bittsteller ist nach einer verläßlichen Tradition Jesaias Benedikt, Sohn des im Jahre 1829 verstorbenen mährischen Landesrabbiners Markus Benedikt. Klassisch ist die höfliche Ablehnung Moses Sophers, der sagt: Zur Erlangung einer solchen Stelle gehört Zeit, Geduld und Diplomatie, Zu ähnlichen Versuchen die Wahl eines Rabbiners mit Hilfe der Behörde auf Grund des Schulchan Aruch durchzusetzen, kam es in Posen nach dem Tode R. Akiba Egers. (Allg. Ztg. d. Jndt. 1838, No. 48 ff.) Unter solchen Umständen konnte auch in der guten alten Zeit das Ansehen des Rabbiners kein so bedeutendes Gewicht haben. Wie nun erst jetzt in Amerika, wo es kein Zwangsmittel giebt, die Gemeinde znsammenzuhalten, wo der Respekt vor der Gesetzesfrömmigkeit und Gelehrsamkeit, welcher einem R. Akiba Eger zu gute kam, nicht besteht! Nicht besser ergeht es den Empfehlungen, das Leben des Individuums enger au das der Gemeinde zu knüpfen. Diese Frage der uncluirched — wie sich die unvergleichlich elastische englische Sprache ausdrückt — hat die Nabbinerversammlung und andere geistliche Körperschaften schon wiederholt beschäftigt. Wie es in Frankreich und England in dieser Richtung geht, weiß ich nicht. Die meisten europäischen Länder taffen mit Amerika keinen Vergleich zu, denn sie haben einen gesetzlich statnirten Beitragszwang. Auch England und Frankreich, wo ein solcher fehlt, haben mindestens eine Tradition, und selbst da haben wir Beispiele völliger Passivität wie die Jsaac b’ Israelis schon im Anfänge dieses Jahrhunderts. In Amerika dürften sie Proportionen häufiger sein, besonders in großen Städten. In kleinen Städten kennt sich Alles, deshalb kann man sich nicht gut ausschließen. In großen Städten hingegen, wo bei der großen Zahl von unabhängig neben einander hergehenden Gemeinden ein solches Solidaritätsgefühl nicht besteht, wird man kaum mehr als ein Drittel der ansässigen Bevölkerung in den Gemeinden vertreten finden. Ein sehr wichtiger Umstand ist die rein finanzielle Basis der Gemeinden, die es dem Armen unmöglich macht, Mitglied zu werden, und den Mittelstand gegen den Reichen in verletzender Weise zurücksetzt. In alter Zeit war die Synagoge der Platz, wo politisches Streben, sowie intellektuelles, ästhetisches und soziales Bedürfnis; seine Befriedigung fand. Das ist nun heute auch im civilisirten Europa nicht der Fall. Während aber daselbst die Synagoge sich als eine Institution in traditionellen Bahnen bewegt, hat sie hier das dringende Bedürfniß, den Wünschen des Publikums