Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 44 (2.11.1900)
- Date
- 1900-11-02
- Page
- Seite 522 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 88% known words query
- IRI
…/3224737-3228365-3228410--56962-3293303- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
darüber sezessionistisch, b. i. grün und gelb ärgern. Eine Partei ist es, welche sich bei allen diesen Kümpfen ins Fäustchen lacht: das sind die Christlich-Sozialen. Diese sind jetzt bei uns dte Führenden; sie haben mit dem Antisemitismus ein glanzendes Geschäft gemacht. Null gebieten sie ailch den Klerikalen von reinem Wasser, während sie Klerikale von unreinem Wasser sind. Im dunkelsten Oesterreich, in Tirol, im Lande, wo die Sonne nicht aufgeht, die Leute sich „Du" sagen und mit itaften Knien herumlaufen, ist ein solcher Froschmäusekrieg zwischen Christlich-Sozialen und Klerikalen entstanden. Der Wein- Händler Di—Pauli, ehemals österreichischer Hanoelsminister, ein Klerikaler von purpurschwarzer Farbe, ist, man höre es, Lueger zu wenig deutsch und zu wenig sozial. Lueger hat gesprochen, und die Tiroler Dickschädel haben gehört, und nun werfen sie dem ehemaligen Minister des Handels vor, er „pantsche" zu viel seinen Wein und habe deshalb, da es ihm all der christlichen Tugend der Ehrlichkeit mangele, den Anspruch auf eilt Mandat verwirkt. Und da sage mail noch, es fehle unserer Zeit all Humor. Das kann man Lueger nicht nehmen, der Mann hat eine humoristische Ader, und ailch wir wollen es ihm dankeil, daß er hier uild da zur Heiterkeit anregt; dieser klügste aller Geschäftemacher irr Oesterreich, der sich über Lucian Bruilner, den ärgsten jüdischeil Schreier in Wien, lustig macht, über Luciail, der wahrlich auf beut Gebiete der Klugheit etwas von Lueger lernen köilnte. Die Christlich-Sozialen sind bei uns die Herrscher, natürlich sind infolge desseil die Juden die am tiefsten Stehendell. Ihre frühereil sogeuailllteil Freunde, die Deutsch-Fwrtschrittlicheu, werdeli freilich bei den kommendeil Wahlen um die jüdischen Stimmeil buhlen, und es ist kein Zweifel, daß auch die meisten Judeil im deutsch-fortschrittlichen Sinne wählen werden; ivir glauben aber, daß tut Punkte des Antisemitismus keine Partei ein so wenig ehrliches Spiel mit den Juden treibt wie die deutsche, die sich „fortschrittlich" nennt. Alle ihre Kandidaterr sind eigentlich verkappte Antisemiteil, liebäugeln mit den Deutsch-Rationalen und suchen nur die jüdischen Stimmen zu erhaschen. Der Jude aber in Oesterreich hat wahrlich heilte keinen Anlaß, Jdealpolitik zu treibeil; er hat gesehell, ivohiil dies führt, zu Polna llnd Holleschau. Daß die Tschechen jetzt die griulinigsten Hasser der Juden sind, dies haben wir jeileil Strebern nilter urls zu danken, welche, lim für sich Würden, Aeiiiter, Ehrenstellen, Maildate zu gewillnen, dieJudenschast in das Lager Derer getrieben haben, welche die Tschechen am wüthendsteil bekäiilpfen. Die Folge davoll ist die geradezu erschreckliche Verarmung unserer kleineil jüdischeil Provinzgenieinden, die ehemals durch Anseheil und Wohlstand sich auszeichneten. Es ist ein furchtbar großes jüdisches Proletariat, das jetzt heranwächst, in die großen Städte sich drängt und dort den grimmigsten Kampf des Daseins auszukänipfeil hat. So entsteht heute eine der verzweifeltsten Fragen, die sich jeder jüdische, nicht'mit Fabriken und Millioneil gesegnete, dafür aber mit Kindern reichlich bedachte Vater ailfwerfen muß: „Was soll mit diesen geschehen?" Die staatlichen Berufe fittb für unsere Kinder, besoilders dort, wo man uns nicht braucht, gänzlich abgesperrt; beim Militär bringt es der Jude nicht weit; das liledizinische Studium ist ein langwieriges und kostspieliges, der medizillische Beruf ein von ben mannigfaltigsten Zufälligkeiten abhängiger; die Advokatie nährt ihren Marlil nicht inehr; zum Geschäfte gehört besondere Neigung und Veranlagung, außerdenl ist dieses Gebiet arg überfluthet. Bleibt die Industrie, das Haildwerk, der Ackerbau. Unsere Großindustriellell, meist sogenannte Deutsch-Fortschrittliche uud auch Judeil, zeigen ihre „fortgeschrittelle" Gesinnung darin, daß sie es ängstlich vernleiden, in ihrell Etablissements Juden anzustelleil. Ein Fall für viele. All einer unserer mährischen Fabriken, die einem „Deutsch-Fortgeschrittenen" gehört, wirkt neben eiilem Tschecheil, der Leiter des Etablissements ist, ein Jude durch mehr als 20 Jahre äußerst verdienstvoll. Der Tscheche, politisch der größte Feind des „Deutsch-Fortgeschrittenen", erkrankt schwer; man sollte mm meinen, der Jude, der Freund des „Fortgeschrittenell", werde vorrückeu; ach, der kennt uilseren „Fortschritt" schlecht, der dies meint, der Jude wird übergangen, und ein Mann aus einer anderen Fabrik berufen, der llicht das Unglück hatte, von einer jüdischell Mutter geboren zu sein. Würden die Generalgewaltigen unter nuferen Judeil etwas mehr in die lUlteren Schichterl ullseres Volkes hinabsteigen, sie lvürdell dmm erkennen, falls sie eben der Erkenlckniß noch zugällgtich sind, waruul das Volk sich voll i£)nett abwendet, und leider so viele unter unferett jungen Leuten dem Judenthume den Rücken kehren. Es ist meist eine Verzweiflungsthat, die nur llicht entschuldigen wollen, die lvir aber verstehen lernen. Das arnle jüdische Proletariat schreit nach Brod, r:nd dies muß ihm gegeben werden. Harrdwerk und Ackerbau ernähren llvch imnler ihren Mann. Machen wir aber nlcht leider die Erfahrung, daß der jüdische Harrdlverker oft gerade von seinen Glaubensgellossen im Stiche gelassen wird? Und doch ist es unsere Allsicht, daß mall jüdische Jünglillge, welche die körperliche Befähigung dazu haben, zum Handwerk, und wo es die Ulllstände erlaubell, auch zu tüchtigerl Bailerll erziehen solle. Als Resultat aller dieser Betrachtungen aber möchten wir für das politische Verhalten der Juden folgende Grundsätze aufstellell: Gehet llur mit solchen Personen und Parteien, die euch die Gewähr bieten, daß sie den Menschen nicht danach beurtheileil, ob er Jllde oder etwas allderes ist. Bekämpfet das gemeille Streberthum auch Juderr gegenüber, sagt euch los voll Denen, welchen ihr llur Wahlkanonenfutter — sit venia verbo — feib. Mit anderen Worten: stellt euch auf den Bodeil des rücksichtslosell Realismus. Lernt von euren Gegnern, den Christlich-Sozialen. Fallet nicht Denell in die Hände, die euch illit Schlagworten, lvie Mellschellthum und Freiheit, fangen lvollen und eure ärgsten Feinde sind. Ulld wo ihr nicht die Gewähr habt, wahrhaft vorurtheilslose Kandidaten wählen zu können, lvählt lieber gar llicht; besser ist politische Eilthaltung üben, als ben Mameluken abzugeben für niedrige Selbstsucht und heuchlerisches Streberthum. Iwri. Ans dem amerikanischen Israel. Von Professor Dr. G. Deutsch. IV. ehr wichtig waren die Anregungen der Botschaft in Betreff des Verhältnisses zwischen Rabbinern und Gemeinden, in Betreff der Hebung des Ansehens der Rabbiner durch eine würdigere Form der Berufung, in Betreff der Erweiterung der Aktioussphäre der Gemeinden und der Herstellung einer engeren Verbindung