Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 44 (2.11.1900)
- Date
- 1900-11-02
- Page
- Seite 524 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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524 entgegenzukommen und sich ihren Weg zu bahnen. Auch in der protestantischen Kirche ist eine mächtige Bewegung in derselben Richtung wahrnehmbar. Was man in diesen Kreiselt jJiisUtutioiial-Uuircli“ nennt, ist eine auf dem Prinzipe des Vereinshauses ausgebaute Kirche mit eiuem Redeklub, einer Bibliothek, einer uniformirten Knabenbrigade, einer Gesellschaft für ArbeiterilUlen, oft ailch einem Badehause und einer Turnhalle. Mall kann auch in dem Baustil des modernen Tempels bereits eine Ablveichung von der Tradition bemerken. Die Mischung von maurischem Tempel mit dem katholischen Hochalter macht deul moderner: Vortragssaale Platz. In der Sinaigemeinde in Chicago ist das „Aron hakodesch" geschrvunden. Ein amphitheatralischer Bau mit einem erhöhten Podium, dem auch die Rampenlichter nicht fehlen, stellt den modernsten Typus der Synagogeuarchitektnr dar. Aehulich sind der „Temple" in Cleveland und der der „Knesseth Jsrael-Reformgemeinde" in Philadelphia, obwohl in beiden die Lade erhalten geblieben ist; doch dient in ersterer nur die Thorarolle nur bei besonderen Anlässen, in letzterer wird sie wohl „des Aushebens" halber herausgenommeu, aber rricht zur Schristvorlesung verwendet. Die radikalste Abweichung von der Tradition liegt in den bemalten Fenstern, welche Allegorien wie die Wohlthätigkeit darstelleu. Cleveland wie Philadelphia haben ihre Bibliothek und ihre Klubräume mit dem Tempel oerbllndeu. Das Ritualistische des Gottesdienstes tritt also gegenüber dem gesellschaftlichen und erziehlichen Charakter der Gemeindeorganisation zurück, wie das Verschwinden des Almemors und die Einführung des Chors in der modernen Synagoge die Abweichung von dem früherer: ritualistischen Prinzipe symbolisirte. Zur Frage der Verwandtenehen. Von Dr. med. Simon Scherbe! in Lissa i. P. ie Wünsche, die Herr M. Grünfeld in Schwersenz in Nr. 42 dieses Blattes ausspricht, sind bereits des öfteren erfüllt worden. So finden sich in meinem Buche „lieber Ehen zwischen Blutsverwandten", 2. Auflage, folgende sehr lehrreiche Zahlen: Im Jahre 1880 befanden sich unter 10 000 Evangelischen 0,89, unter 10 000 Katholiken 10.89, unter 10 000 Juden 14,38 Ta übst um me. Herr Geheimrath Professor Dr. Guttstadt in Berlin bemerkt dazu, daß dieses Ergebniß die Annahme unterstützen kann, daß das Heirathen unter Verwandten, wie es am häufigsten unter Juden vorkommt, die Entstehung der Taubstummheit beeinflußt. Das Verhältniß der Geisteskranken war im Jahre 1880 in ganz Preußen bei den Evangelischen unter IO 000 24.1, bei den Katholiken unter 10 0OO 23,7, bei den Juden unter 10 000 38,9. In den späteren Jahren ergab sich ungefähr dasselbe Zahlenverhältniß. Ich selber habe ini Jahre 1881 die in Dalldorf befindlichen Geisteskranken gezählt, deren letzter Wohnsitz Berlin gewesen, und fand auf H)000 bei den Evangelischen 0,5 bei den Katholiken 0,1, bei den Juden 0,7. Also stets ist das Zahlenverhältntß bei den Juden das ungünstigste. Daß bei den Juden verhältnißmäßig mehr Verwandtenehen stattfinden als bet den Evangelischen (den Katholiken ist ja der Abschluß von Verwaudtfchaftseheu sehr erschwert) ist fcstgestellt. Während also, was die sonstigen Ge sun dHeits verhält - ttisse der jüdischen Bevölkerung betrifft, alles darin übereinstimmt, daß die Juden günstiger gestellt sind als die Christen, ist es, was Geisteskrankheiten und Taubstummheit altlangt, gerade untgekehrt. Für die Geisteskrankheiten läßt sich als Ursache ja neben der Häufigkeit der Verwandtenehett noch geltend machen, daß die Juden größtentheils die Städte bewohnen und Professionen ausüben, die am meisten den ökonomischen Kriselt ausgesetzt sind, was auch zu den vielen Nervenleiden, der Häufigkeit der Zuckerkrankheit tutd dergleichen mehr bei ihnen führen mag (zttgleich ultter döm Einfluß der Erblichkeit!). Bezüglich der' Tau bst um mH eit jedoch, zu welcher die Juden eilten so außerordentlich Hoheit Prozetttsatz stellen, ist zu bemerken, daß die Eltern und Großelterit der Taubstummen nach den vorliegenden Berichten stets mit vollkommen gesunden Sinnen versehen waren, und daß ferner die Nachkontmenschast taubstummer Ellern, die lticht blutsverlvartdt sind, sehr selten mit Taubstummheit behaftet ist, die Erblichkeit allem Anscheine nach in diesen: Punkte also keine Rolle spielt. Mau ntuß mithin also annehmen, daß die Blutsverwandtschaft auf die Erzeugttng von Taubstummheit bei beit Kindern einen ebenso geheimnißwie verhängnißvollett und noch nicht gettügeud erklärten Einfluß ausübt. Derselben Ansicht sind nun auch, wie ich in dem genannten Buche auseinandergesetzt habe, die meisteit unter den medizinischen Autoritätett der Gegenwart. Ich nenne von ihnen nur die Professoren Mantegazza, Mendel, Hermann Cohll, Ottomar Rosenbach, Erbe, v. Krafft-Ebing, v. Ziemssen, v. Jürgensen, Hartmaun uud viele Andere. Es besteht aber auch vorwiegend die Meinung, daß in vollkommen gesunden Familien, wo also in keinem Zweige des Familienstammbaumes schwere Nerven- oder sonstige organische Leiden zu finden waren, eine Ehe zwischen Blutsverwandten keilte Nachtheile im Gefolge haben wird. Besteht jedoch eine krankhafte Entartung in der Familie, ist eine erbliche Anlage vorhanden, dann wird oiese durch die Blutsverwandtschaft gesteigert, und dann ist auch die Gefahr für die Nachkomntenschaft eine sehr große. Eilte Eheschließung in der Verwandtschaft sollte also nicht ohlte vorherige ärztliche Berathung ftattfinben. Uebrigens ist festgestellt worden, daß die Zahl der Verwalt dtschaft s ehen im Abnehmen begriffen ist (im Jahre 1894 sind 1402 solcher Ehen geschlossen lvorden gegen 1702 im Jahre 1883). Vielleicht sind die wiederholten ärztlichett Warnungen ultd Mahnungen darattf nicht ohlte Einfluß gewesen. Brief aus Toledo. Von L. Levi-Stuttgart. II. urch ein Labyrinth von engett Gäßchen gelangte ich auf meütem nicht allzu temperamentvollen Maulthier unter Führttng meiner Freunde in die Nähe der Juderia, wie man das Judenviertel ltoch heute nennt. Dies ging aber lticht ohlte Hindernisse ab. Leute, die mit Gemüse beladenen Lastthieren uns begegnetett, kehrten ein Stück Weges um oder tratert in einen Thorweg, damit wir aneinander vorüber