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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1900-08-31 · Heft 35 (31.8.1900) · p. Seite 414

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
64 (1900)
Issue
Heft 35 (31.8.1900)
Date
1900-08-31
Page
Seite 414 (sequence 8)
Language
German
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414 der Urproduktion wieder zugeführt werden. Ein mäßiges Kapital auf die Ansiedelung einer größeren Anzahl von Familien in Galizien verwandt, wird der Quell unendlichen Segens sein. Es bedarf hier nur des erstell Anstoßes, um die Idee der Ueberführung der Judenheit zur Bodenkultur in die Praxis zu übertragen:' Das eben ist die Art der guten That, Daß sie fartzellgeud Gutes muß gebären. Die „gute That", welche hier verlangt lvird, ist keine einzelne „Gutthat", entsprungen aus leidenschaftlich aufwallendem Gefühl, sondern eine solche, bei welcher Verstand und Herz in gleicher Weise betheiligt sind, und sie ist eine soziale Grvßthat, durch welche eine ganze Bevölkerung gehoben werden wird. Dieses Projekt ist so groß und so gesund, daß sich ihln trotz aller Hindernisse und Ablenkungen die Gesanuntjudenheit mit Enthusiasnlus znlvenden sollte. Hoffen wir, daß das soziale Berständniß für seine Richtigkeit um sich greife, und daß ein lullfassendes Hilfswerk zu Stande komme, den Plärr zur Aussührurrg zrr bringen. Ar. Samuel Kristeürr. Zum Gedächtniß. Von Dr. S. 91 eu man 11. Ms^ls die zahlreichen Freunde und Verehrer des nunmehr von seinem schweren Leiden Erlösten sich beklommenen v Herzens anschickten, zum achtzigsten Geburtstage ihre Glückwünsche und Sympathiekundgebungen am Krankenlager des geschätzten Mannes niederzulegen, sprach zur gleichen Zeit der Heimgegangene seiner Umgebung den Wunsch aus, in einem Rundschreiben an seine Freunde und Bekannten diesen einen Abschiedsgruß zu senden. Dem Vorhaben blieb die Ausführung versagt. Doch auch der Vorsatz kann als interessantes document humain gelten: noch auf dem Sterbelager Aesthetiker, erstrebte Geheimrath Kristeller, das harmonische Bild seines Lebens in der Vorstellung aller Derer, die nicht seines körperlichen Leidens traurige Zeugen sein mußten, in schöner Vollendung zurückzulassen. Ein von Harmonie erfülltes Leben hat er durch stetige Arbeit an sich selbst wie au seiner Umgebung sich gestaltet. Die nachstehenden Zeilen sind bestimmt, den ferner Stehenden eine Anschauung davon zu geben. Im posenscheu Landstädtchen Xions erblickte Samuel Kristeller als nnvermögender Leute Kind am 26. Mai 1820 das Licht der Welt. Obgleich er den Geburtsort schon im zehnten Lebensjahre verließ, hat er ihm und seinen Landsleuten Zeit seines Lebens ein wohlwollendes Gedenken bewahrt. Als seine eigentliche Heimath aber betrachtete er Glogau, die Stadl, in der er unter den dürftigsten Verhältnissen seine Gymnasialjahre absolvirte. In dieser altberühmten Gemeinde, die dem Judenthum einen Munk, einen David Cassel geschenkt hat, in der ein Arnheim als sein Lehrer im Hebräischen wirkte, wo er in Michael Sachs einen gleichstrebenden Verehrer der hebräischen Muse fand, erlangte er seine Kenntnisse in der heiligen Sprache, erwarb er vor allem seine Hochachtung vor dem jüdischen Bekenntnisse und dessen großer Vergangenheit und jene den Glaubensgenossen bis ans Ende bewahrte aufopferungsbereite Zuneigung. Schon in jener Zeit offenbarte sich bei einem traurigen Anlässe, beim Tode seines Mitschülers Adolf Schey, die für Kristellers späteres Wirken so charakteristische Hinneigung zu organisatorischer Wohlthätigkeit: aus der mit seinen Mitschülern begründeten Adolf Schey-Stiftung hat sich, als die jungen Leute „studirens halber" nach Berlin übersiedelten, der „Hilfsverein für jüdische Studirende" entwickelt, dessen noch heute in ausgebreitetem Maße sortwirkenden Segnungen schon so manchem jungen Talente es ermöglicht haben, sein Ziel zu erreichen, zum eigenen Besten und der jüdischen Gesammtheit zur Ehre. Im Oktober 1839 fand die Uebersiedelung nach der Universität Berlin statt. In vierjährigem eifrigen Studium eignete er sich unter der Anleitung von Lehrern wie Johannes Müller, Jüngken, Diesfenbach. Schönlein, Mitscherlich reiche Kenntnisse in der Medizin und den verwandten Hilfswissenschaften an. Seine durch C. G. Mitscherlich angeregte Doktorschrift „Studium über den Brechweinstein" hat, wie mit Recht hervvrgehoben wurde, auch einen gewissen medizin-geschichtlichen Werth dadurch, daß sie zeigt, wie das Thierexperiment, das wir für eine Erftndnug der neuesten Zeit auzusehen geneigt sind, schon vor fast sechzig Jahren exakt allsgeführt wurde. Der 24 jährige junge Arzt ließ sich zunächst in Gnesen nieder. Hier suchte und sand er neben der praktischen Ausübung der Heilkunde Gelegenheit, sich zum Wähle seiner Glaubensgenossen zu bethätigeu. Er veröffentlichte bereits im folgenden Jahre (1845) im Aufträge des Gemeindevorstandes eine Eingabe an den Posener Landtag zu Gunsten der Emanzipation der Juden. Zugleich diente er der inneren Ausgestaltung der Gemeinde, denn auf sein Betreiben erfolgte der Syuagogenbau, die Einführung einer Kultusordnung und die Anstellung eines Predigers. Ja, selbst von auswärts wandte man sich damals bereits au den jungen Arzt, um sich in Kultus- und Personalfragen bei ihm Raths zu erholen. Auf diese Weise fand er schon frühzeitig Gelegenheit, sich auf die Aufgaben vorzubereiten, mit denen er sich nachmals als Leiter des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes im großen Style zu beschäftigen hatte. Seinen Ruf in den weiten Kreisen seiner Glaubensgenossen verdankte Kristeller vor allem seiner Beschäftigung mit der jüdischen Litteratur, insbesondere mit der seinem lebhaft entwickelten Formensinn anziehenden neuhebräischen Dichtung. Wie wenigen Gleichstrebenden ist es seinem kongenialen Geiste gelungen, aufs innigste in diese eigenartigen, unter künstlich verschlungener Form edelste Empfindung und Tiefsinn bergenden Litteraturerzeugnisse eiuzudringen und die glänzendsten Perlen in freier und doch treuer Nachbildung den Kindern einer anderen Zeit als willkommenen Anblick zugänglich zu machen. Es ist nicht die „Große Kunst", es ist Filigranarbeit, es ist feinste Ciselirkunst; Sinn für's Zierliche, Ziemende, Zarte, inniges Versenken und treuer Fleiß sind die Kunstbedingungen: unter den zahlreichen gleichzeitigen Uebersetzungen neuhebräischer Dichtungen sind gar wenige, die in gleichem Grade allen diesen Bedingungen genügte», soweit ihn auch Manche an Schnelligkeit und mithin an Umfang der Produktion übertreffen mögen. Noch heute haben seine Verse ihren Glanz nicht verloren, wogegen uns die Uebersetzungen manches berühmten Autors nicht selten etwas fremdartig anmuthen und der Genuß zuweilen hinter der Erwartung zurückbleibt. Im gleichen Sinne erfreuen uns die freien Erzeugnisse der Kristeller'schen Muse, wie er sie nach Stimmung und Gelegenheit bis ins späteste Alter hinein

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