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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1900-08-31 · Heft 35 (31.8.1900) · p. Seite 415

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
64 (1900)
Issue
Heft 35 (31.8.1900)
Date
1900-08-31
Page
Seite 415 (sequence 9)
Language
German
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415 verfaßt hat: alle tragen sie den Stempel seines anmuthigen, zarten Formensinns, und haben namhaften Komponisten willkommen Gelegenheit;u musikalischer Illustration geboten. Brachten seine Arbeiten auf allen Gebieten des jüdischen Lebens den jungen Provinzarzt in Beziehungen zu den meisten Koryphäen des Judenthums, mit denen er in persönliche freundschaftliche Beziehungen trat oder doch einen fleißig gepflegten Schriftwechsel unterhielt, so verfehlten seine tüchtigen Leistungen in der medizinischen Praxis, seine Geschicklichkeit in Verwaltungsdingen und namentlich sein takt- und würdevolles Auftreten nicht, ihm Zugang in die Kreise der Landaristokratie zu verschaffen und zugleich die wohlivollende Aufmerksamkeit der Behörden auf ihn zu ziehen. So geschah es, daß Kristeller als erster unter den jüdischen Aerzten Preußens am 22. August 1850 als Kreisphhsikns approbirt wurde, daß er am 15. November desselben Jahres zum Oberarzt im Feldlazareth des V. Armeekorps und am zwanzigsten des gleichen Monats zum Stabsarzt ernannt wurde. Auch diese Charge hatte im mobilen Verhältniß noch kein Preußischer Jude bekleidet. Im Mai des inKristellers Lebensgeschichte so bedeutungsvollen Jahres 1850 hat er auch das Glück seines Daseins gefunden, als er sich mit der treuen Gefährtin seines Lebens, seiner aufs innigste geliebten Frau Sophie, geborene Zippert, einer Tochter Gnesens, verband. Ein volles halbes Jahrhundert stand sie ihm als verständnißvolle, treue Gefährtin in allen ernsten rind heiteren Lagen des Lebens zur Seite und bereitete ihm jenes häusliche Glück, dessen der in der Oeffentlichkeit wirkende Mann noch mehr als Andere bedarf. So vielseitig günstig die Gnesener Zeit für Kristellers Laufbahn war, er erkannte, daß sie für seine Entwickelung nur eine Episode sein durste. Um einen noch größeren Wirkungskreis zu erlangen, siedelte er im Jahre 1851 nach Berlin über. In der in unvergleichlichem Aufschwünge begriffenen Hauptstadt fand auch Kristeller ein reiches Feld zur Bethätigung seiner vielseitigen wissenschaftlichen und praktisch-menschenfreundlich gerichteten Neigungen. Zuerst betrieb er die allgemeine medizinische Praxis, bald aber erkannte er in der Gynäkologie dasjenige Forschungsgebiet, auf dem er theoretisch und praktisch Hervorragendes leistete, und wie er als geschickter und liebenswürdiger Arzt sich den Dank der leidenden Frauenwelt in hohen Maße verdiente, so hat er durch seine nach ihm benannten wissenschaftlichen Operationsmethoden seinen, Namen einen geehrte» Platz in der Geschichte seiner Spezialwissenschaft gesichert, die er auch seit dem Jahre 1852 als Privatdozent an der Berliner Universität lehrte und als stellvertretendes Mitglied der ärztlichen Prüfungskommission der nachstrebenden Aerztegeneration einschärfte. Reiche Gelegenheit, als Arzt dem Vaterlande seine segensreichen Dienste zu leisten, boten dem patriotischen Manne die schweren Kriegsjahre, die die deutsche Einheit vorbereiteten und herbeiführten. Am 4. August 1866 hatte er als dirigirender Arzt des Reservelazareths in Berlin 500 Kranke zu versehen, und im Jahre 1870 leitete er als dirigirender Arzt der Barackenlazarethe die Pflege der Verwundeten und genoß mehrfach die hohe Ehre, seine patriotischen und Humanitären Verdienste ans dem Munde des hochseligen Kaisers Wilhelm und seiner jedem menschenfreundlichen Werke zugeneigten Gemahlin August« anerkannt zu sehen. An äußeren Ehren und Dekorationen fehlte es ihm nicht, er erhielt die Kriegsdenkmünze, das bayerische Verdienstkreuz, den königlich württembergischen Olgaorden, und sein engeres Vaterland Preußen bezeigte ihm seine Anerkennung, indem ihm nach einander der königliche Kronenorden und der Rothe Adlerorden IV. Klasse und bei späterer Gelegenheit zu seinem 50jährigen Doktorjubiläum und noch kurz vor seinem Heimgange die höheren Klassen der erwähnten Dekorationen verliehen wurden. Eben so ehrenvoll für den humanen Arzt sind die zahlreichen sinnigen Liebesbezeigungen von Seiten dankbarer Patienten und von Standesgenossen, die ihm verdientermaßen zu Theil tvurden. Die Berliner Aerzte überreichten ihm nach Beendigung des Feldzuges ein kostbares Ehrengeschenk, die „Gesellschaft für Geburtshilfe und Gynäkologie" ernannte ihn zum Ehrenmitgliede, die von ihn, begründete „Berliner ärztliche Unterstützungskasse: B. A. U.“ mit der ihr angegliederten Wilhelm-Augusta-Stiftung, die er bis zu seinem Tode mit anerkannter Hingebung geleitet hatte, ernannte ihn zu ihrem Ehrenpräsidenten. Auch diese Schöpfung bleibt ein charakteristisches Zeugniß für Kristellers Eigenart: er, der fremder Hilfe nie bedurfte, der Vielbeschäftigte, vergaß über seinen wissenschaftlichen Arbeiten, über seinen Berufspflichten, über seinen künstlerischen Bestrebungen niemals das Elend der rauhen Wirklichkeit, und die Förderung eines bedürftigen jungen Kollegen, die Thränen im Auge einer hilfloseil Wittwe zu trocknen, waren das höchste Glück seines Lebens. Er hat es reichlich genossen! Seine medizinischen und seine vielseitigen, auf dem Gebiete der praktischen Wohlthätigkeit gesammelten Erfahrungen gaben auch seiner Wirksamkeit als Bürgerdeputirter der von ihm als zweite Vaterstadt geliebten Konlmune Berlin die Richtung. Ein unvergängliches Verdienst hat er sich durch die nach wissenschaftlichen Grundsätzen ausgearbeitete Verpflegnngsordnung der städtischen Waisen erworben. Auch der Praktischen Waisenpflege hat er sich bis zu seiner letzten Krankheit eifrig geweiht und mehrere Stunden in der Woche der sorgfältigen Bearbeitung der ihm vorgelegten Personalakten gewidmet. In gleich treuer Weise übte er das Ehrenamt der Oberaufsicht über die große städtische Irrenanstalt in Dalldorf ans. Das meiste aber und das größte hat Kristeller für seine Elanbensbrüder geleistet. Wo immer Juden um ihres Glaubens willen zu leiden hatten, fand der Vielbeschäftigte Zeit und Kraft, hilfreich bei der Hand zu sein. Er scheute nicht die Strapazen weiter Reisen, wenn es galt, zu Gunsten der wohl am härteste», am andauernsten bedrängten Inden Rlnnäniens einzntreten; er hat sich bei Gelegenheit des Berliner Kongresses bei dem damaligen preußischen Minister Bülow in persönlicher Audienz erfolgreich für die bürgerliche Stellung der Inden in Rumänien verwandt, und diese erkannten seine guten Dienste an, indem sie ihn zum Ehrenmitgliede der Bnkarester Loge „Zion" ernannten. Wenn der damalige Erfolg leider wie so viele zu Gunsten der Juden gefaßten Beschlüsse ans dein Papier blieb, wenn die rumänischen Juden, gleich den russischen, für die Kristeller gleichfalls nach Kräften cintrat. heute mehr denn je unter unmenschlichen Verfolgungen zu seufzen haben, so war das der tiefste Schmerz für den edlen Menschenfreund. Nie ward, auch bei eigenen körperlichen Schmerzen, die er philosophisch zu ertragen wußte, eine Aenßeruug von Lebensüberdruß ans seinem Munde vernommen: die Indignation über menschliche Niedertracht

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