Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 35 (31.8.1900)
- Date
- 1900-08-31
- Page
- Seite 413 (sequence 7)
- Language
- German
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413 fuhrt er weiter mit richtigem Verständniß der Situation aus, verstehen es nicht, wie ihre rumänischen Leidensgefährten, die Aufmerksamkeit auf ihr furchtbares Unglück zu lenken, sie besitzen hierzu weder die genügende Weltkenntniß. noch vor allem die genügende Energie. Wer wird es wagen, etwa gegen die Unterstützung der unendlich bedauernswerthen Rumänen schreiben zu wollen, wer aber andererseits kann leugnen, daß das Rettungswerk ln Galizien nimmermehr darunter leiden darf?! Die elementare Wucht der Ereignisse in Rumänien hat gerade in den Kreisen, welche sich um die Förderung unserer östlichen Stammesgenoffen bemühen, eine große Verwirrung hervorgerufen. Zum ersten Male tritt die verhängnißvolle Frage auf: „Rumänien oder Galizien?", zum ersten Male werden die rumänischen und die galizischen Juden antagonistisch einander gegenüber gestellt, als ob nur das eine oder das andere Land den Beistand der westlichen Juden verdiene und auch nur erhalten könne. Da sagen die Einen: unsere Fürsorge kann nur Galiziell gelten, hier kann besser und leichter eingegriffen werden, allch ist die rumänische Roth, so tragisch sie ist, doch lmr eine augenblickliche ulld schon wegen der geringeren Anzahl von Merrschen, die sie betrifft, nicht mit der galizischell Kalamität zu vergleichen, die Allderen Hill gegen erklärell es geradezu für einen Frevel, im Augenblick der höchsten Noth in Rumänien überhaupt Galiziells zu erwähnen. Ich halte beide Standpunkte für eillseitig und höchst gefährlich. Es giebt hier keinen Gegensatz. Man darf hier keinen solchell künstlich schaffen. Nur in anderer Form tritt ulls der Judenhaß, die Judennoth in den beiden Ländern entgegen; lvie es heute in Rumänien hergeht, so kalln es lilorgen in Galizien sein, und so wird es voraussichtlich werden, wenn nicht dort vorher grülldliche Aeudermlg erzielt wird Darlnn darf die galizische Hilfsaktion llicht zurückgestellt werden sonst werden wir uns als Mitschuldige zu fühlen haben, wenn dort über kurz oder lang dieselbe plan- und systemlose Massenallswanderung beginnen wird, wie sie jetzt aus Rumäniell stattfindet. Man darf die Noth der östlichen Judenheit nicht durch die Augenblicksbrille betrachten, man muß einen weiteren, viel höheren Maßstab anlegen. Was nützt es Ulls, das augenblickliche Elend zu lindern, welln es urrmittelbar nachher an anderer Stelle um so grausiger losbrrcht?! Das ist stets der Fehler der Juden gewesen, daß sie nicht energisch an die Anwendung voll lvirklich großen, weitsichtigen Mitteln herangingeu, sondern sich stets mit kleinen Aushilfsmitteln behalfell. Ulld ihr zweiter großer Fehler, der untrennbar mit ihrer größten Tugend verknüpft ist, das ist, ihre Art, alle Schäden durch Almosen heilen zll wollen. Wohlthun wird bekanntlich unter den Juden in hohem Maße gepflegt, und es ist, wo es hingehört, gewiß lobenswerth. Aber so schön Wohlthätigkeit unter Umständen sein kann, so verderblich wirkt stets das bloße Almosengebell. Es erniedrigt den Empfänger, es verhärtet und erniedrigt den Geber, und es hält den wirthschaftlichen Fortschritt immer wieder zurück. Wo in der Weltgeschichte sind soziale Uebelställde, noch dazil von solcher Ausdehnung lind Tragweite, lediglich durch Spenden beseitigt worden? Noch immer war das Zusammenlvirkeu aller Faktorell einer Gemeinschaft hierzu erforderlich. Wenn die Begüterten sich darauf beschränken würden, nur durch Geldunterstühuugen wirken zu lvollen, so würden sie dadurch nlehr schadell als nützen. Sie lvürden Schrankell aufrichten zwischen Denen, die zusammengehören, und durch Vernachlässigung der sozialell und ökonomischen Erziehung die Versumpfung verallgemeinern und den Haß der Anderen stärken. Wie in den letzten Jahrzehnten die Schichten des sogenannten vierten Standes zur Selbsthilfe erzogen worden süld, so muß auch endlich innerhalb der Judellheit das Verständlliß dafür erwachen, daß Kapital, Intelligenz und Arbeit zu einer einheitlichen Aufgabe verbunden sein müssen — derjenigell der sozialen und ethischen Aufrichtung und Höherführung der Massen. Erst dann kann wirklich Rettung erwartet werden, wenn die Hilfsbedürftigen selbst mit Hand aulegeu. Die zu ergreifenden Maßllahnlen müfsell dabeifürRumänien zunächst in einer richtigen Leitwlg der Emigration bestehell, für Galizien hingegen kann im Lande selbst Rettullg gebracht werdell. Es muß trotz aller entgegengesetzten Behauptungen immer lvieder mit Nachdruck darauf hingewiesen werden, daß unbedingt die Ueberführung zur Bodenkultur das Radikalmittel für die östliche Judenheit ist. Aus beit vor kurzem erfolgten Veröffentlichungell der I. C. A. über ihre Ansiedelungen ist der Schluß gezogen worden, daß die Juden nicht tauglich seien zur Landwirthschaft. Voreiliger Schluß! Köullen nicht zahlreiche alldere Ursachen darauf eingewirkt haben, um die Koloilien anfänglich nicht so emporblühen zu lassen, wie man es wohl gewünscht hätte? Kommt nicht das Klima, der Boden, die Wahl des Ortes, die Tüchtigkeit der Beamten, und vor allem die Wirthschaftsform in Betracht? Die Geschichte der jüdischen Kolonien soll noch geschrieben werden, und da werden sich zahlreiche Fehler in der ganzell Anlage Herausstellen. Noch nie hat man sich entschlossen, die moderne, wirklich rationelle Art der Bodenkultur einzuführen, die auf genossenschaftlichem Großbetrieb basirt ist. Sie gewährt dem Einzelnen finanzielle Sicherheit, errnöglicht ihm die Selbstausrichtung und macht ihn, nachdem er einmal Fuß gefaßt hat, unabhängig von aller Wohlthätigkeit. Neuerdings wird dieser Ansicht, welche ich in jüdischen Blätterns seit längerer Zeit vertheidige, wieder entgegengehalten, daß die Einführung von jüdischen Kolonien auf galizischem Boden zu kostspielig sei. Schon mehrfach ist nachgewiesen worden, daß dies nur dem Anschein nach so ist, da doch die angewendeten Gelder keineswegs a fonds perdu gegeben werden. Der Boden behält nicht nur seinen Werth, sondern wird durch die auf ihn verwandte Arbeit nur noch werthvoller und ferner, dies ist der Punkt, den man so häufig außer Acht läßt, wird doch das angelegte Kapital von der Genossenschaft an den Geldgeber zurückgezahlt. Freilich ist rationelle Bewirthschastung des Bodens hierzu erforderlich, es bedarf also geschickter, landwirthschaftlich auf der Höhe der Zeit stehender Leiter. Diese werden das Unternehmen rentabel machen. Wenn man nur erst das Anlagekapital verwendet hat, dann wirkt die propagarn distische Kraft der Genossenschaft selbständig fort. Die erste Kolonie wird, nachdem sie das Anlagekapital zurückgezählt hat, aus eigensten! Interesse an ihrer Erweiterung arbeiten, auf diese Weise wird allmälig ein großer Theil der Judenheit *) Vrgl. u. a. meinen Aufsatz. „Innere Kolonisation in Galizien". Oesterr. Wochenschrift vom 24. November 1899. — „Die jndisch-galizisch e Frage", ebendas, am 1. Dezember 1899 und endlich, meine Serie „Galizien" ebendas, am 22. Dezember 1899, 5., 19. nnd 26. Januar 190