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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1900-02-16 · Heft 7 (16.2.1900) · p. Seite 78

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
64 (1900)
Issue
Heft 7 (16.2.1900)
Date
1900-02-16
Page
Seite 78 (sequence 8)
Language
German
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78 zum Galgen vernrtheilt, weil er einen „Ritualinvrd" begangen. Das ist das Ende des glorreiche»! neunzehnten Jahrhunderts! Nun, so rvünschen wir dem neuer», sich noch in der ersten Kindheit befindlichen Jahrhundert, daß es ihm besser ergehe als dem vergangenen, aus daß es einst, ivenn es alt und grau geworden, mit jenen Frommen und Weisen von sich sagen und rühmen könne: „Heil »mserer Jugend, sie beschämt nicht unser Alter!" lSnkkoth 53.) ivSMr Brief aus Malaga. Von L. Le vi-Hechmgen. — Ende Januar. f er kalte Hauch des nordischen Winters hat mich hierher geblasen. Zuerst Biarritz, daun Madrid, Sevilla ltnb jetzt Malaga, sollen meiner brüchig gewordenen Gesnudheit wieder einigermaßen ans die Beine helfen. In Sevilla kam ich all einem Freitag Abend an. Der stänlUlige Portier des Hotel de Madrid, eine imposante Erscheinllllg, und mit seinen: Kneifer auf der Nase eher einem penstonirten Major ähnlich als eiliem Hotelportier, lud lllich alls dem Omnibus aus lilld besorgte uieiit Gepäck. Ich gab ihm lneine Karte und bat um ein gutes Zimmer. Der Mann schien mir etwas erregt gewordell zu fein, lief ins Bureau, jagte umgleich zwei Kellner auf den Hals, die laich durch den Lichthof in den erstell Stock brachten, fuft in das gleiche Gemach, das kurz vorher Priliz Albrecht voll Brannschweig bewohnt hatte. Der Abend war kühl. Ich ließ mir im Kamin Feuer machen; denn ich liebe die Behaglichkeit nur bei einer gelvissen Temperaturhöhe. Der Diener lvarf einige Olivenklötze darauf, so daß der große Salon bald galiz „mollig" durchwärmt war. An: anderen Morgen kanr ich in den Lichthof hinunter ulld wollte eben den Portier nach meiner Post fragen. Eilig legte er ein dickes Buch, in lvelchem er, an feinem Putt sitzelld, gelesen zu habell schien, lveg, nachdem er dasselbe diskret geküßt hatte. Ich bat ihn um feine geliebte Lektüre, und siehe da, es war eine nbsn * eill Gebetbuch nach sephardischem Ritus. Daneben lag lloch eine hebräische Bibel mit arabischer Uebersetzung. Die Sabbath-Psalmen waren noch aufgeschlagen. Ich lvar so betroffen, daß ich den Manll eine Zeit lang stumm anblickte. Uni mich zu legitimireu, zitirte ich ihm einige Verse aus der Sabbath-Sidrah. natürlich in portllgiesischer Allssprache. Der Mann strahlte vor Vergnügen, ulld als ich ihn: den ilEto rDBTl ÜVb TW (Psalm 92) auswendig ohne Fehler vortrug, da konnte ich den Mann lricht mehr zurückhalten. Er fiel mir um den Hals und vergoß Thrünen der Freude. Er hatte lloch llie eillen Glaubensgenossen aus „Aschkellas" kennen gelerllt. Es entspann sich null eill Dialog zwischen uns in hebräischer Sprache, die der Portier mit großer Gewandtheit beherrschte. Ulld da erfuhr ich, daß er Jose Levi heiße (deshalb feine Ueberraschung, als er lneine Karte las), aus Mogador iit Marokko stamme und schon 23 Jahre seinen Postell in dem Hotel bekleide, Weib und Kind habe und -- treu dem Glaubell der Väter — seine Mußestunden oder vielnlehr -Minuten den heiligell Schriftell lvidme. Ich hatte es sehr gut in dem Hotel, | denll Don Joso sorgte für alles, was mich betraf, mit rührender Treue und Aufmerksamkeit. Als am anderen Abend der Generalgouverneur mit seiner Familie, an die ich von Verwalldterl empfohlen war, bei mir im Hotel dinirte, da war mein Doll Jose nicht wenig stolz darauf. Er meinte, so etwas sei ihn: in seiner langen Praxis nicht passirt. Mir auch nicht. Sevilla, die Perle Andalusiens, vereilügt eine Seltene Fülle der glänzendsten Kulturdenknläler mit einem reichen, vielfarbigen Volksleben, geschmückt mit der südlichen Fruchtbarkeit einer entzückenden Landschaft. In den Gärtell des Alcäzar glaubte ich mich in die Märcherr voll Tausend und eine Nacht versetzt. Ich würde eine ganze Nummer der Allg. Ztg. d. Jdth. dazll brauchen, um die Schönheiten alle gebührend zu schildern. „Les extremes se touchent“ — unweit davon ist das Ghetto! Welch jämmerliche Hütten! Die Güßchen silld so eng, daß zlvei Menschen lleben eiuauber nicht gehen können. Au einigen alten Thürpfosten sah ich noch Vertiefullgen, in lvelchen einst ri77TTö angebracht waren. Leider mußte ich Sevilla bald verlassen, da es für mich aitch hier zu kühl gelvorden lvar. Ich wallderte weiter llach Malaga. Hier schützt die Sierra vor dem kalten Nordwind lllld das Meer gleicht die Tenlperaturschwallkungen aligeliehm aus. Der Name der Stadt soll von salzen Herkommen, weil hier die Phönizier einen Stapelplatz für gesalzene Fische anlegten. Ich dachte auch an abkuicken, weil die alte Phönizierstadt eben an dem abgehauenen, abgekllickten Felsvorsprung der Aleazüba allgelegt wurde. Malaga erfreut sich des mildesten Klimas von ganz Europa. Die mittlere Tageswärme beträgt jetzt, in den kältesten Wochen 12—14 0 C.; Mittags hatten wir 17—20° C., Abends und Morgens 9—12" C. Die Vegetation ist die voll Nordafrika, Kreta, Cypern und Palästina. Dieser Tage besichtigte ich beu Cementerio Ingles (englischen Friedhof), der voll dem britischen Konsul William Mark im Jahre 1830 nach lall gell Kämpfen mit Kirche ulld Regierullg angelegt wurde. Hier liegen sie, in fremde Erde gebettet, die fern voll der Heilllath die Augen schlossen, Ellgländer, Deutsche, Skandinavier, ohne Unterschied der Nation und des Glaubens. Bis 1830 lvurden nichtkatholische Leichell am Meere im Sande verscharrt. Jetzt habell sie eill ewiges Heini gefutibeu, dort draußen im Villenviertel, am Bergabhang, unter Palmen, Cypreffen unb Pinien, wie es idyllischer und erhebender nicht fein könnte. Die Gräber silld vorzüglich gepflegt. Da las ich auf einem schönen Marmor- Dellknlat: Hier mht MAX GRÜNWALD aus Krotoschin, Preussen. geboren 28. Febr. 1866 gestorben 31. Dez. 1889. Wie viele Thrällen mag das Mutterauge dort draußen im kalten Norden vergossen haben um den Sohn, der hier im Glallze der südlichen Sonne sein frühes Ende gefunden! Ich legte eitlen frisch gepflückten Blumenstrauß als stummen Gruß aus das Grab, und nur die sillkende Sonne vertrieb mich von der lvunderbar schönen Ruhestatt der Todten.

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