Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1900-02-16 · Heft 7 (16.2.1900) · p. Seite 77

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
64 (1900)
Issue
Heft 7 (16.2.1900)
Date
1900-02-16
Page
Seite 77 (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3228365-3228373--56184-3292470
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

77 das Jahrhundert im Sarge ruht, im letzten Augenblicke vielleicht, wo es, wie jeder Sterbliche, sich an die Brust geschlagen und „pater peccavi“, „Vater ich habe zuweilen auch schwer gesündigt", gerufen, wie sollten wir da von diesem Jahrhundert anders als voll Ehrfurcht und Achtung, voll Versöhnung mit) frei von jeder Verbitterung sprechen! Das Judenthum als solches namentlich hat alle Ursache, mit großer Befriedigung auf die edlen Früchte dieses Jahrhunderts zurückzublicken. Noch ein solches Jahrhundert, und aller Aberglauben und aller Götzendienst, und aller jeder Vernunft hohnsprechender Wahn, und alle Lüge, und alle Finsterniß verschwindet, vergeht wie Rauch, und die Sonne des Judenthnrns durchglüht alle Herzen und Seelen, die da erfüllt sind von der Erkenntniß des Einzig- Einigen Gottes. In der That sind die großen, geistigen Errungenschaften des vergangenen Jahrhunderts doch zugleich auch Errungenschaften des Judenthnrns. Sind die irn vergangenen Jahrhundert verwirklichten Ideale nicht auch die Ideale des Judenthnrns? Hat das neunzehnte Jahrhundert nicht auch an dem Tische unserer alten Kultur gesessen und von da aus seine beste Nahrung, seine köstlichste Pflege, seine Stärkung und Kräftigung, seine Löwenstärke und seinen Adlerflug gewonrien? Ist die Freiheit, die Befreiung der Völker vorn Thranuenjoch, rvas ja dem vergangenen Jahrhundert zuerst und vor allem Anderen das eigentliche Gepräge aufdrückt, nicht eines unserer erster: Ideale gewesen? Lautet nicht das erste Gebot am slamrnenden Sinai: „Ich birr der Herr, Dein Gott, der Dich heransgeführt aus dem Lande Aegypten, aus dem Hause der Knechtschaft!"? (2. B. M. 20,2.) Ist nicht die Erhebung des sogenannten vierten Standes, die Erhebung der Armen, der Arbeiter aus dem Abgrunde der Geringschätzung und Verachtung, ist die Gleichberechtigung aller Menschen, aller Religionen, aller Nationen auch ein Ideal des Judenthums? Ruft rricht der Prophet: „Nun, haben rvir nicht alle Einen Vater, hat uns nicht alle Ein Gott geschaffen, warum sollen rvir treulos sein, Einer gegen den Anderen!" (Maleachi 2,10.) Ist die Freiheit der Wissenschaft, die mit ihren Strahlen Finsterniß und Wahn scheucht, mit ihrer Macht die Altäre der Unvernunft zerstört, ist die Freiheit der Wissenschaft, frei vor: jeder Bewegung und Beklemmung, nicht auch ein Ideal des Judenthums? Sollen sie nicht dahinrauschen die Wogeir der Erkenntniß, frei und ungebunden wie die„Gewässer, die das Meer bedecken"? (Jesaja 11,9.) Und sind endlich die großeir materiellen Errungenschaften, die inr Zeichen des Verkehrs geboren, die Eisenbahnen, Dampfschiffe, Telegraphen u. s. w., die die Menschheit einander näher gebracht, sie gleichsam in eine einzige Familie umgewandelt, die gegenseitige Entfernung und Entfremdung der Völker beseitigt und die Einheit der Menschheit tausendfach gefördert, sind diese Errungenschaften nicht eines der edelsten Ideale des Judenthums? Ist diese Annäherung und Vereinigrmg der Völker nicht gewissermaßen die Vorbereitung zur geistigen Annäherung und Verbrüderung aller Menschen, nicht die Vorbereitung für die Zeit, wo nicht nur die Füße, sondern auch die Köpfe, nicht nur die Körper, sondern auch die Geister, nicht nur die Thaten und Handlungen, sondern auch die Ideell und Gedanken der Menschen sich einander nähern und sie alle erfüllt von Einem Geist die Eine Wahrheit erkenrren und anerkennen? Wie gesagt, wenn irgend Jemand, hat das Judenthum Ursache, mit Befriedigung, aus die geistigen Erfolge des neunzehnten Jahrhunderts zurückzublicken. Und doch giebt es nichts Vollkommenes auf Erden! Auch das vergangene Jahrhundert war nicht frei von Schäden, und sein größter Fehler war, daß es im Alter nicht das gehalterr hat, was es in der Jugend versprochen, daß es inr Alter das zerstört, rvas es in der Jugend aufgerichtet, daß es den herrlicherr Baum der Gewissensfreiheit, den es irr der Jugend so eifrig und mühselig gepflanzt, inr Alter errtwurzelt hat. Wenn man darum uns als Juden fragt, was haltet Ihr von dem zur Neige gehenden Jahrhundert? dann müssen wir antworten: Je nachdem, von welchen: Gesichtspunkte wir die Sache ins Auge fassen. Wir sind Menscher: wie alle Anderen, und beurtheilen wir das Jahrhurrdert vorn wissenschaftlichen, von: rraturwissenschastlichen Gesichtspunkte ans, danr: müssen wir sagen: das neunzehnte Jahrhundert ist eines der größten ur:d bedeuterrdster: unter allen Jahrhunderten. Tie Erfindung der Eisenbahn, der Dampfmaschine, des Telegraphen u. f. w. räumt den: neunzehnter: Jahrhundert einen ersten Platz unter allen Jahrhunderten ein. Fassen wir dieses Jahrhundert von: Gesichtspunkte des Patriotismus i::s Auge, dann müssen rvir sage::, das Jahrhundert, das unser Vaterland stark gemacht, das Deutschland groß und einig gemacht hat, ist ein segensreiches, beglückendes, uns mit Stolz und Selbstbewußtsein erfüllendes, wie keir: anderes vor ihm. Auch wir Juden haben unser Blut auf den Schachtfeldern vergossen, auch rvir haben gekürnpft und gerungen für die Größe und Macht unseres Vaterlandes, und wir haben das volle Recht, uns dieser Größe und Macht, dieses Ansehens Deutschlands zu freuen. Wir haben aber als Bekenner des Judenthums nicht nur den einseitige:: Gesichtspunkt der Naturwissenschaft, nicht nur den Partikulären, selbstsüchtigen des eigenen Vaterlandes, wir haben einen höheren Gesichtspunkt, den, der die ganze Mensch - heit umfaßt, ins Auge zu fassen; wir haben zu untersuchen, wie weit sich die Menschheit unserem Ideale von der allgemeinen Eotteserkenntuiß, von der allgemeinen Verbrüderung der Völker und Nationen genähert hat! Und wenn nur diese Frage aufrichtig beantivorten sollen, dann müssen wir sagen, es erging den Menschen und Völkern in: vergangenen Jahrhundert wie den zuerst mit Getreide- und Futtersäcken reichbeladenen, zuletzt aber verfolgten, gedemüthigten Brüdern Josephs in Aegypten. Von diesen Brüdern Josephs in Aegypten heißt es in der Schrift: „Bei den Großen fing inan an, und bei den Kleinen hörte man auf." (1. B. M. 44, 12.) Und das gilt auch von unseren: Jahrhundert! Groß hat das Jahrhundert angefangen, und klein hat es geendet. Groß hat es angefangen, indem es die Gleichberechtigung aller Menschen znn: Gesetz erhoben, und klein hat es aufgehört, indem es dieses Gesetz täglich und stündlich mit Füßen tritt. Groß hat es angefangen, indem es die Gewissensfreiheit als unantastbares Heiligthun: der Menschheit aufgerichtet, und klein hat es aufgehört, indem es dieses Heiligthun: zerstört. Groß hat es angefangen: durch alle Länder Europas ergoß sich ein Strom der Freiheit; und klein hat es geendet: an die Stelle jenes Strolues ist das tobte Meer des Antisemitismus, die Schnarch des Jahrhunderts getreten, die alles vergiftet und vernichtet. Wie klein endet also dieses Anfangs scheinbar große Jahrhundert! In einem benachbarten, großen, civilisirten Staat wird ein Jude von einem ordentlichen Gericht zun: Tode, zun:

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.