Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 7 (16.2.1900)
- Date
- 1900-02-16
- Page
- Seite 79 (sequence 9)
- Language
- German
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79 Giordano Bruns. Von Dr. Ludwig Pick i» Schöneberg. f er vielbesungene, heitere Himmel Italiens erglänzt in jener zauberischen Lichtfülle und Farbenpracht und wölbt sich mit seiner milden, sanften Bläue über die ewig jugendheitere Landschaft, daß Dichter und Sänger aller Zeiten in schwärmerischer Andacht zu ihm wallen und ihn mit Worten seliger Entzückung in schwungvollen Liedern preisen. Doch nicht immer war der Himmel Italiens blau, nicht immer blickte er freundlich und in zufriedener Heiterkeit aus seine Menschenkinder hernieder. Oft zeigte er ein so verstörtes Antlitz und war sein großes glänzendes Auge so trüb verschleiert, daß es schien, als ob er blutige Thränen weinen wollte. An solchen Tagen färbte sichs an ihm aus fahlem Grunde wie Zoruesgluth und Schamröthe, und das waren jene furchtbaren unglückseligen Tage, an welchen die Schrecken des Menschenwahnes und der Menscheuverblendung in entzündeten Scheiterhaufen zu ihm emporloderten. Ein solcher Schreckenstag ging am Himmel Italiens auf am 17. Februar des Jahres 1600 nach der christlichen Zeitrechnung, au welchem Giordano Bruno durch die Inquisition auf dem Markte zu Rom den Feuertod erlitt. Es ist die alte Geschichte, die sich so oft wiederholte; es war der uralte Kampf zwischen Ueberlieferung und Vernunft, zwischen Offenbarung und freiem Denken, zwischen Glauben und Wissen. Der Ausgang des Kampfes war zu jener Zeit, da die Kirche noch eine große Macht besaß, von vornherein nicht zweifelhaft, und wo er ausbrach, da konnte man dem Träger des freien Gedankens das Schicksal voraus verkünden: „Das Wissen ist der Tod." Das hat Giordano Bruno, wie viele andere Denker vor und nach ihm an sich selbst erfahren müssen, und wenn er auch gleich sein Schicksal ahnen mochte, so konnte er doch sein Wissensideal nicht lassen: „Ich weiß wohl, daß mich die Flamme tödtet, und liebe doch das Licht; ich kenne die verrätherischen Netze, ich kenne sie, ich weiß, daß sie mich saugen und verachte sie aus heißem Glücksverlangen." Solche Wissensideale und freie Gedanken sind für den, der sie hegt und verkündet wie jene unglückseligen Kinder, bei deren Geburt die Mutter stirbt. Während diese riach schmerzensreichem Erdenwallen ins Grab sinkt, blicken jene dem heiteren Morgen des Lebens entgegen, nehmen an Kraft zu und werden groß und stark. Bei diesem Anblick empfindet der Beschauer ein Gefühl von Aussöhnung und Genugthuung über das schwere Berhängniß, das sie mit ihrem Eintritt in die Welt nach sich gezogen. Ein solches Gefühl regte sich im Herzen Vieler, als ain 9. Juni des Jahres 1889 Giordano Bruno, dem Märtyrer seiner Ueberzeugung, in Rom auf demselben Platze, auf welchem er verbrannt wurde, ein Denkmal errichtet und feierlich enthüllt worden. Die Kurie ließ au diesem Tage sämmtliche Kirchen m Roin schließen. War von seiner Lehre wirklich eine Gefahr für den Glauben zu befürchten, oder war sie mit demselben doch noch in Einklang zu bringen? Die Inquisitoren hatten sich nicht viel Mühe gegeben, dergleichen genau abzuwägen. Der äußere Schein, der leiseste Verdacht genügte schon, das Verdammungsnrtheil zu sprechen. Die bluttriefenden Blätter der Geschichte der Juden des Mittelalters, sind die traurigsten Zeugnisse der wahnvollen Verblendung der Inquisition, die Tausende von unschuldiger? Opseru^gefordert. Wem der Gedanke einer geistigen Külturmission des Judenthums noch nicht aufgegangen, kann dies gerade mit Bezug auf das traurige Schicksal Giordauo Brunos klar erkennen. Die mittelalterliche Kirche befand sich in einem verhängnißvollen Widerspruch mit sich selbst. Während sie aus der einen Seite die Nothwendigkeit einer gedankenmäßigen Begründung ihrer Lehre erkannte und demgemäß die scholastische Philosophie begünstigte, hatte sie andererseits den Lebeusathem des Geistes, die Freiheit des Denkens und des Gewissens, mit aller Gewalt zu ersticken gesucht. Das Judenthum hat im Prinzip selbst abweichende Meinungen neben sich geduldet, wenn sie nur die menschliche Gesittung und Ordnung nicht gefährdeten. Es schützt und fördert geradezu die freie Geistesregung, in der Erkenutniß. daß dieselbe früher oder später zu geläuterter Anschauung in Religion und Sittlichkeit hinführen muß. Bezeichnend dafür ist das Beispiel, das auf der einen Seite Dante, der Miterwecker der Zeit des Wiederaufblühens der Kunst und Wissenschaft, in seiner„Göttlichen Komödie" auf der einen und sein Freund, der jüdisch-italienische Dichter, in seinem „Machberoth"auf der anderen Seite bieten. Während jener die Heiden vom Paradiese ausschließt und ihnen alle Seligkeit abspricht, läßt dieser aus Grund des talmndischen Ausspruchs, wonach die gesitteten Menschen aller Nationen des jenseitige» Lebens theilhaft werden, diese mit allen Frommen in Israel das Paradies theilen. Giordano Brunos Philosophie stützt sich auf die Lehre des Kopernikns. Er weiß sich eins mit diesem in der Auffassung der Sternennatur der Erde und feiert ihn mit begeisterten Worten: „Wer kann sie aussagen, die Geistesgröße dieses Deutschen; der thörichten Menge nicht achtend, wie stand er fest gegen beit Strom der gegnerischen Meinung. In Ansehung lebendiger Beweise beinahe waffenlos, hat er doch festen Fuß gefaßt." Das Kopernikanische Weltsystem, das Giordano Bruno so eifrig verficht und von dem er mystisch entzückt ist, ist der biblischen Anschauung, die sich hierbei auf den bloßen Augenschein stützt, schnurstracks entgegengesetzt. Die Schöpfungsgeschichte hat diesen sinnlichen Augenschein zur Voraussetzung, und die Ausdrucksweise ihrer Erzählung läßt erkennen, daß sie die Erde als den Mittelpunkt der Welt ansieht. Auch deutet die Bibel durch das erzielte Wunder vom Stillstand der Sonne durch den Befehl Josuas an, daß sie der Erde vor allen Planeten und Fixsternen den Vorrang znerkennt. Durch Brunos philosophische Folgerungen aus der Kopernikanischen Lehre sah sich die mittelalterliche Kirche in ihrer Autorität erschüttert und betrieb daher seine Verfolgung. Schon das talmudische Judenthum war hierin sowohl theoretisch als auch praktisch tolerant. Nach dem Grundsatz des Talmuds in der Erkenntniß des Geistes der Bibel: „Die Thora spricht nach allgemein menschlicher Redeweise" — ein Grundsatz, von dem Maimonides in seinem berühmten philosophischen Werke „More Nebuchiin" (Führer der Verirrten) einen sehr ausgiebigen Gebrauch gemacht — konnte die Kopernikanische Lehre vom Sonnensystem nicht als Widerspruch gegen die Anschauung der Bibel aufgefaßt werden, da diese in Anpassung der vom Wesen der Menschen nicht zu trennenden sinnlichen Wahrnehmung redet und darum sowohl in der Schöpfungsgeschichte als in dem Wunder des Stillstandes durch Josua sich der entsprechenden Ausdrucksweise bedient. So sagen voll der Sonne Gelehrte wie Ungelehrte auch heute noch, trotz der Kopernikanischen Lehre, sie gehe auf und unter. In praktischer Kon-