Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 6 (9.2.1900)
- Date
- 1900-02-09
- Page
- [Seite] (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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64. Jahrgang. Nr. 6. Berlin. 9. Februar 1^900. Werkctge zur „IMgemeinen Zeitung des Zuöenthums". Korrespondenzen und Nachrichten. DrutschlanL. Berlin, 4. Februar. Im V ereil, f ü r j l"l bische Geschichte und Litte v a t u v hielt am 31. v. M. im großen Saale des Architektetlhauses Herr Privatdozent Dr. Georg Hu 1h einen höchst interessanten nnb belehrenden Vortrag über „die Juden iu Sibirien nach eigenen Neisebeobachtungen und Studien." In der Einleitung wies der Redner darauf hin, daß dieses Thema noch nie zuvor Gegenstand einer systematischen Untersuchung gewesen sei. Sibiriens jüdische Bevölkerung besteht fast ausschließlich ans Verbannten und deren Angehörigen resp. Nachkommen. Freiwillige jüdische Ansiedler giebt es in Sibirien nur ganz wenige. Einst allerdings unter Nikolaus I. <1836), bestand das Projekt. Sibirien d n r ch jüdische K o l o n i st e lt z n b e v ö l k e r n , und schon waren alle Vorbereitllngen für die Ausführung der kaiserlichen Verordnung getroffen, ja einige jüdische Familien bereits ans der Wanderung nach Sibirien begriffen — als plötzlich der Zar die Auswanderung der Juden dahin verbot und dafür ihre Ueberführnng nach Cherson am Schwarzen Meere anbesahl. eine Verordnung, durch welche über die jüdischen Auswanderer-Familien namenloses Unheil herausbeschworen wurde. Nur ganz Wenigere von ihnen wurde infolge eines günstigen Zufalles die Niederlassung in Sibirien gestattet. Der zweite Theil des Vortrages war zunächst einer Betrachtung der B e v ö l k e r n n g sverhältnisse der Juden in den einzelnen Lau dest h e i l e n S i b i r i e n s, solvie ihrer ö k o n o mischen Verhältnisse und sozialen Stellung gewidmet. Bemerkenswert!) ist der Gegensatz zwischen der Wohlhabenheit der meisten jüdischen Großkansleute, Goldwäschereibesitzer. Bankiers und Aerzte und der Dürftigkeit der weit größeren Zahl jüdischer Handwerker, kleiner Gewerbetreibender und Angestellten auf Goldwäschereien und in sonstigen Betrieben. Wanne Worte der Anerkennung widmete der Vortragende den jüdischen Aerzten Sibiriens, die sich eines ausgezeichneten Ruses erfreuen. — Die Lage der ostsibirischen Juden hat sich in den letzten Jahren infolge einer ihre Freizügigkeit stark einengenden Bestimmung weit ungünstiger gestaltet als die ihrer westsibirischen Glaubensgenossen; einer anderen sehr peinlichen Beschränkung sind neuerdings die jüdischen Goldwäscher nnteruwrsen worden. Einen wohlthnenden Gegensatz zu dieser unfreundlichen Stellung der sibirischen Behörden gegenüber den Inden bildet die vorurtheisfreie Gesinnung ilnd das friedliche, frenndschaftliche'Nerhalten der sibirischen Bevölkerung zu ihnen, eine Thatsache, ivelche dep Vortragende durch zahlreiche in den verschiedensten Kreisen der sibirischen Gesellschaft gemachte Wahrnehmungen illustrirte. Von den Mittheilungen bezüglich der Pflege des Judenthnms unter den sibirischen Juden verdienen hier Erwähnung die Angaben über die 16 Synagogen in 11 ©tcibten Sibiriens (davon 3 in Tomsk) sowie über die architektonische Schönheit der neuen Synagoge inMariinsk, über die Rabbiner, die jüdischeil Schulen und eine dieser letzteren betreffende neuere Bestiiilmnllg, nild endlich über das Verhalteil der vermögenden Juden voll Irkutsk zu ihrer Religion Nild ihren Religioilsgenosseil. Den Schluß dieser Aiisführungen bildete eine Betrachtung des Bild ungswese n s bei deii sibirischen Juden inl allgerneillen und ihrer geistigen Aiilageii und Bestrebungen, sowie eille Schilderung mehrerer begabter nnb sittlich hochstehender sibirischer Jüdinnell. ivelche der Redner persönlich kennen gelernt. Der Vortrag klang in dem Wllllsch alls, daß es den Inden Sibirieils vergönnt sein möchte, diese ihre intellektuellen und seelischen Anlagen voll entfalten zu können, nin wirksamer lioch als bisher mitznarbeitell all dem geivaltigell Ansschlvung, deil ihre neue Heimalh in unserer Zeit gellomlllen hat. — In Meinel sprach Rabbiner Dr. Carleb ach über „Rabbi Akiba Eger": in Tilsit Rabbiner Dr. Beermann- Jnsterburg über die „Messiasidee nnb ihre Geschichte"; in Lissa Rabbiner Dr. Bäck-Oppelu über „Napoleon I. nnb feine ll ul erschauen". In Rogasen, ivo fast scrmnltliche Gemeindemitglieder dem Verein angehören, haben Rabbiller Dr. Roseilthal-Pr.-Stargard über: „Psalmen nild Welilitteratnr", Rabbiller Dr. Auerbacb- Rogasen über „Biblische Frauengestalteu". Hauptlehrer H. Cvhu- Rogasell über „Drei Heroen des filtertl)inn§ (Suuson, Herkules, Siegfried)", Rabbiner Dr. Lelv i n-Wrescheu über „Jehnda Halevi". und Lehrer B r o ek-Rogasen über beit „falschen Messias Sabbathai Zwi und seilte Sekte" gesprochen. Der Verein ist dein Verband der Litteratnr-Vereille voll Posen-Nord beigetnten. Die ans ca. 100 Bändelt bestehende Bibliothek lvird fleißig benlltzt nnb durch Diskussionen, Fra gekästen re. lvird deil Mitgliederil reichlich Gelegenheit 3 uv Belehrung gebotetl. In R a k e l sprach Rabbiner Dr. Walter-Bromberg über „Modernes Schulwesen tu einem alten Neligionskoder"; in Kr 0t 0 schi n Rabbiller Dr. N 0 s e n t h a l-Stargard über „Psalmen und Weltlikteratur"; in Magdeburg Oberstabsarzt Dr. Rosenthal über „Luther imb die Judetl": in Eise n a ch Laildrabbilier Dr. Sa l z er-Stadtlengsseld über „Heiltrich Heine", Rabbiller Dr. Munk-Marburg über die „Bne-Jsrael nild die schlvarzell Jlldett"; ilt Hildesheitlt Dr. A. Ko Hut über „Friedrich der Große nild Kaiser Joseph in ihren Beziehungen zum Jltdeuthunl"; D r. L ei ln d ö r f e r-Hambnrg über „Dell Weisesten bei den Hellellen und Hebräern"; in W a r b n r g Rabbiner Tr. S a ln net- Essen über das Thema „Ans der Geisteslverkstatl des Mailiionides": in H a m b n r g Rezitator Salzer-Wien über „Jüdischen Volkshumor"; in Mainz Rabbiller Dr. G 0 l d s ch nt i d t - Qffeubach über „Das jüdische Gebetbuch": ilt München Dr. jttr. H 0 l la eil d e r über deil „Zionislnns im Lichte der Staatstmd Gesellschaftslehre": in Würzbnrg Rabbiller Dr. L ö lv e ll st e i ll - Mosbach über „Messiailische Schwärmer": in R a - lvits ch Rabbiner Dr. B l u ln e n t h a l - Ratibor über „Religiöse Klällge aus der Hebräischelt Poesie". Ein ltener Litterattirverein ist in Schrinlm begrülldet worden. S. Berlin, 3. Febrtlar. Dell erstell Vortrag iu der Reihe der M 0 n t a g s v 0 r l e s n n c\ e u , lvelche alljährlich 311111 Bestell des Stipendienfonds der Lehranstalt für die Wisseuschast des Judeuthunls int Saale der Gesellschaft der Frenilde veranstaltet werden, hielt gestern Rabbiller Dr. Parges über das Thenta: „Jüdische Erlverbsnnb Vermögensverhältnisse im XIII. JahrhlUldert." Alt der Hand alter Doknmellte, hebräisch geschriebener Geschäftsbücher, legt der Vortragende dieVermögellsverhälttlisse der Jtldeit ilt Fratlkreich im XIII. Jahrhundert dar, und glaubt ilt der Aituahme tlicht fehl 31t gehen, daß die Verhältnisse zur damaligen Zeit alich bei uilsereit Vorfahren ilt Dettlschlanb sicher nicht andere gelvesen fein lverden. Die wirthschastliche Lage der Inden sei zu dieser Zeit keineswegs gut gelvesetl, der fabelhafte Reichthnm der Jlldett hätte nicht bestalldeu. Die Inden hättet, sich nnv gezlvnngett den Geldgeschäften gewidlnet; von Wucher im modernen Sinne des Wortes fömte gar nicht die Rede sein, da die Juden nur damals gesetzliche Zinsen in Höhe von 20—40 Prozent hättet, berechltet, dürfen. Ackerbatter tntd Hatldwerker hätte es alich dautals unter ben Judetl gegeben. Je mehr die Wissenschaft des Jlldeilthmns sich vertiefe und verbreite, desto mehr lverde den den Judetl feiudlichen Borurtheilet, der Bodet, etttzogetl lverdett. Der Reichthlltu der dautaligett Judetl zerfließe in Duttst. menn die Sonne der Geschichtsfvrschtlllg ihi, belettchte, die sogenannte jüdische Unredlichkeit sinke zu einem Gespenst herab. Der mittelalterliche Wlicher, der mit eben so viel Recht christlich lvie jüdisch getlallllt lverdett dürfe, sei eilt durch die damaligeu Verhältnisse erzeugtes wirlhscbastliches Nebel. Je mehr lvir 311 den Quellen der ntittelalterlichen Geschichte zurückgehen, desto klarer lverde es nils, daß unsere Vorfahren nicht der fchouendeu Milde, sondert! der richteudeu Gerechtigkeit bedürfet,, tun den Anklagen und Beschllldignllgetl gegenüber mit eitlem klaren Freispruch davott zu gehen. Je hartttäckiger aber alte Bollwerke vertheidigt lverden, hinter deret, Ratnell sich das Vorttriheil alter JahrhlNlderte verschanze, desto tnehr ntiiffen lvir die Waffel» schluieden und schärfen, um den Gegner zu vertreiben, und