Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1899-09-22 · Heft 38 (22.9.1899) · p. Seite 454

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
63 (1899)
Issue
Heft 38 (22.9.1899)
Date
1899-09-22
Page
Seite 454 (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3228311-3228350--55801-3292041
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

4&4 Die Juden lieben den Frieden und befolgen das Gesetz. Judge Briggs (einer der angesehensten Richter in Philadelphia) sagte, als er ein Urtheil über einen Juden aussprechen mußte: „Sie sind der erste Jude, den ich wegen eines Berbrechens verurtheilt gesehen habe." Das wahrlich spricht gut für eine Nation, die Jedermann Haffen zu« dürfen glaubt. Wir müssen uns erinnern, daß der Jude größtentheils das ist, wozu ihn der Christ gemacht hat. Wir haben ihn gehaßt, wir haben ihn verachtet, wir haben ihn verfolgt und sehr unweise gegen ihn gehandelt, und jetzt fürchtet er sich vor uns, be.-. trachtet uns als verdächtig, meidet und mißtraut uns. Ich glaube, daß der Jude einst zum wahren Messias kommen wird, denn am Wochenfest wurden sie bekehrt in Tausenden, und es ist noch dieselbe Macht in der Bibel am heutigen Tage. Den erste Schritt zu seiner Bekehrung ist, ihm gegenüber Recht und Gerechtigkeit zu üben. % Muhr. Von Dr. Philipp Bloch. uf I. Muhr hat Herr Dr. Bernfeld vor einiger Zeit in diesen Blättern mit Recht die Aufmerksamkeit gelenkt, als auf,, die Persönlichkeit, welche an dem Versuch, Zacharias Frankel, nach Berlin zu ziehen, den größten Antheil hatte. Muhr war wohl des rabbinischen Schriftthums nicht unkundig, aber seine eigentliche Bedeutung ruht auf dem hohen Ansehen, das er in allen Kreise^ Berlins genoß, deffen er sich ganz besonders bei der hohen Beamtenschaft zu erfreuen hatte. Darauf weist auch ein Blatt hin, das sich in den Akten des hiesigen Staatsarchivs findet, und mit dem es folgende Bewandtniß hat. Dem Oberpräsidenten Flottwell, deffen Andenken die Posener Judenschaft noch heute segnet, ist die „Vorläufige Verordnung wegen des Judenthums im Großherzogthum Posen vom 1. Juni 1833" zu danken. Flottwell wollte schon damals die Militärpflichtigkeit der Juden auch auf das Großherzogthum ausdehnen, mußte sich aber schließlich damit begnügen^ den Juden den freiwilligen Militärdienst zu gestatten, weil er dabei auf Widerstand in hohen Kreisen stieß und auch seitens der stockfrommen Juden Widerspruch erfuhr. Ueber die Berechtigung der Letzteren zu ihrem Widerstreben wollte sich Flottwell informiren und wandte sich zu diesem Zweck an I. Muhr. Derselbe ertheilte hierauf die folgende Antwort, die hier wörtlich wiedergegeben wird: Wen faßt des Mitleids Schauer nicht, wenn er sieht. Wie unser Pöbel Kanaans Volk entmenscht! Und thut der's nicht, weil uns're Fürsten Sie in zu eiserne Fesseln schmieden? Du lösest ihnen, Retter! die rostige. Eng angelegte Fessel vom wunden Arm; Sie fühlen's, glauben's kaum. So lange Hat's um die Elenden hergeklirrt. Klopstock. Hochwohlgeborener Herr! Hochverehrter Herr Oberpräsident! Infolge Ew. Hochwohlgeboren Befehl überreiche ich gehorsamst anbei: a) einigeNotizen, betreffend: die jüdischen Religionsvorschriften für dm Kriegsdienst sowie die Pflichten der Juden gegen Landesregenten; b) über das jüdische Schulwesen in hiesiger jüdischer Gemeinde. - Elv. Hochwohlgeboren fernere Befehle werden mich bestimmen, diese Gegenstände, wenn es erforderlich sein sollte, ausführlicher «zu erörtern. Gott möge Hochdenenselben seinen Beistand verleihen! Ew. Hochwohlgeboreu wollen die Versicherung der ausgezeichnetsten Hochachtung und Verehrung genehmigen, mit welcher ich die Ehre habe, zu verharren Ew. Hochwohlgeboren ganz gehorsamster Diener I. Muhr. i Notizen. — „Und ihr sollt meine Satzungen beobachten und meine Rechte, die der Mensch ausüden und dabei leben soll (wächai bahem); ich bin der Herr!" Pentateuch 3, 18. 5. Hieraus folgert der Talmud und stellt dm Grundsatz fest, daß bei der entferntesten Lebensgefahr, mit Ausnahme voll 1. Götzeildienst, 2. Blutschande, 3. Mord (welche, wenn auch der Tod darauf stehet, man nicht vollziehen darf), das Gesetz suspendirt sei. Diesem Hauptgrundsatz zufolge waren im Kriegszustände, sowie das Heer über die Landesgrenzen gezogen war lind sich erlaubte Speisen nicht auf leichte Weise verschaffen konnte, verbotene Speisen erlaubt. Die Belagerung einer Feste mußte ununterbrochen fortgesetzt werden, bis man ihrer mächtig wurde, und der Sabbath durfte dabei nicht als Ruhetag beobachtet werden. „Jede Obrigkeit ist dem Juden eine von Gott eingesetzte, der Regent des Landes ein Gesalbter Gottes." Talmud Lava basra fol. 91, 2. Aus diesem Grundsatz werden die Pflichten abgeleitet, die man dem Regenten und der Obrigkeit zu leisten hat. So verpflichtet, haben die Juden, unter römischer und maurischer Herrschaft ihre Schlachten treulich mitgeschlagen; und wenn die Geschichte erzählt, daß die Römer bemerkt haben, wie die Juden am Sabbath ihre Waffen nicht benutzten, so zeigt dies eine große Unkunde der Religionsvorschriften. Wie die Juden in dieser Hinsicht sich in der jüngsten Zeit benommen haben, wie sie in der gegenwärtige», in denjenigen Staaten, die ihnen eine militärische Laufbahn eröffnet, sich benehmen, bedarf wohl kaum einer näheren Erörterung. Also endlich spricht Jeremias in seinem Sendbrief an die gefangenen Juden zu Babel: „Bauet Häuser, daß ihr darinnen wohnet, pflanzet Gärten, daß ihr die Früchte genießet, nehmet Weiber und zeuget Söhne und Töchter; nehmet eueren Söhnen Weiber, und gebet eueren Töchtern Männer. Sorget für das Wohl der Stadt (Lirsebu et scblom ha'ir), dahin ich euch habe lassen wegführen, und betet für sie zum Herrn, denn wenn es ihr wohl gehet, so gehet es euch auch wohl." Den Kommentar des Talmuds dieser Stelle beizufügen, dürfte überflüssig sein. Berlin, 3. Januar 1833. Kgl. Staatsarchiv Posen, Oberpräsid. XXV. A. 20 Die Mittheilungen über das jüdische Schulwesen der Berliner Gemeinde scheinen nicht mehr vorhanden zu sein. EUILLETON Iom Kipur. Lin kleinrussisches Märchen. Frei nach Wladimir Aorolenko. Von Marya Rosenberg. IV. ief erregt verließ der Müller die Schenke und schlug den Weg ein zur Hütte der Wittwe. Eine gewisse Beklommenheit hatte ihn ergriffen, und sonderbar, alles erinnerte ihn an den Abend des vorigen Jahres, an welchem der Jude Jankel verschwunden war. Wieder blinkt das Fenster im Mondlicht, und die hohe Pappel ragt um so düsterer empor. Leise schleicht er an den Zaun, zaudert, hebt dann das Bein darüber weg und klopft: Puck, Puck! Berlin, 3. Januar 1833.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.