Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 38 (22.9.1899)
- Date
- 1899-09-22
- Page
- Seite 453 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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453 . Wo find sie heutzutage, die Männer, die eine solche Mission zu übernehmen vermöchten? Wohl fehlt eS gewiß an solchen nicht, die ohne langes Bedenken bereit wären, sich vor die Front zu stellen: besitzen sie aber auch Autorität genug, um mit deren Schwergewicht die Waage der Entscheidung zu ihren Gunsten zu neigen? Verleiht ihnen ihre , geistige Potenz die Befähigung, vor den hohen und höchsten Stellen des Reiches ihrem Anliegen den entsprechenden kräftigen Ausdruck zu geben? Es ist ein Anlauf genommen worden, die Kultusgemeinden des dieffeitigen Oesterreich zu einem Bunde zu vereinigen, um «viribus nuitis" mit einem größeren Ausmaße von Macht und Einfluß ausgestattet zu sein. Kann aber ein solcher Bund eines Mannes an der Spitze entrathen, deffen Intelligenz und Einfluß bedeutend genug sind, um dem Bunde nach außen hin Ansehen zu verschaffen? Freilich stellen sich, wo es an Männern fehlt, die Gernegroße ein; sind das eben nicht die kleinen Füchse, welche den Weinberg verderben? Wie überhaupt unsere Situation eine erträgliche werden soll, so könnte kaum etwas Besseres geschehen, als diese Füchse vom Weinberge unserer Interessen so fern wie möglich zu halten. Welchen Schaden haben sie nicht angerichtet in Korporationen, irr die sie — dank ihrer Schlauheit — sich eingeschlichen haben! 6—z. Tin Saptistenprediger über die Juden. Philadelphia, 10. September. f reyfus oder Gerechtigkeit gegen den Juden", das war das Thema des Rev. C. H. Woolston in seiner letzten Predigt in der Ost-Baptistenkirche in Philadelphia. Eine Idee von dem großen Interesse, das der Fall Dreyfus erregt hat, konnte mau leicht aus der ungemein zahlreichen Gemeindeversammlung gewinnen, die am letzten Sonntag dem Prediger lauschte. Es war übrigens eine ganz besondere Versammlung, indem viele hervorragende Juden sowie Mitglieder anderer Konfessionen anwesend waren. Dr. Woolston ist einer der bekanntesten Geistlichen in dieser Stadt, und seine Ansichten über alle Zeitfragen werden stets mit größter Aufmerksamkeit und sorgfältigem Nachdenken beehrt. In seiner Rede gab Dr. Woolston ein beredtes Bild des Juden, wie er ist, und seine Vertheidigung des Juden war eine sehr ausgesprochene. Er erwähnte, was der Jude für die Welt im Laufe der Jahrhunderte gethan, und hob die Thatsache hervor, daß der Jude stets für das verfolgt wird, was er nicht gethan hat, und daß diese Verfolgungswuth nur dazu gedient hat, ihn mißtrauisch gegen den Christen zu machen, und diesen wiederum zum Verächter des Juden gemacht hat. Doch ich will die Rede in extenso folgen lassen. Es giebt eine christliche Lehre, Gerechtigkeit zu üben, aber es ist ein leeres Dogma in Bezug auf den Juden. In den Augen Frankreichs ist Dreyfus des Hauptverbrechens schuldig, ein Jude zu sein. Und das verdammt ihn zur ewigen Ungerechtigkeit. Viele Jahrhunderte lang ist der Jude der Scheibenstand für alle Nationen gewesen. Er ist verflucht und getreten worden wie ein Hund; er wurde in Gefängnisse geworfen ohne Ursache; er wurde gehaßt von der ganzen Welt. Und wir Christen haben vergessen, ihn über unseren Herrn zu belehren, und haben uns des Teufels Horden angeschloflen und gerufen: „Tod den Juden". Wir bekommen unsere Auffassung von dem Charakter des Juden von dem Hausirer mit dem „Sack auf dem Buckel" an der Hniterthür und von dem Trödler in alten Sachen in der Südstraße (South Street ist das Philadelphiaer „Ghetto" des russischen! Juden) oder von einem abgefeimten modernen Shylock im Handel. Aber diese sind nicht die wahren Juden, ebenso wenig, wie der „Tramp" der typische Amerikaner ist. Wir beanspruchen nichts, aber der Jude verlangt auch nichts wie Recht. Lassen wir die Geschichte das Wort führen. Es war ein Jude von Kastilien, der das Geld zur Ausrüstung von Eolumbus nach Amerika spendete. Die Landkarten des Columbus waren von einem Juden aus Portugal verfertigt; sein Schiffsarzt war ein Jude; ein jüdischer Matrose war es, der zuerst das Land sah; ein jüdischer Matrose, der zuerst ans Land kam. Laßt diese Thatsachen bekannt werden aus Gerechtigkeit gegen den Juden. Er ist ein Patriot. Er gehorcht den Gesetzen des Landes, wo er weilt, so lange als diese Gesetze nicht gegen göttliches Gesetz sind. Währenddes spanisch-amerikanischen Krieges waren alle jüdischen Zeitungen treu der Sache Amerikas und feuerten die Juden an, für unser Land zu kämpfen. Viertausend Juden kämpften in dem Heere; sieben von ihnen waren in den „Rough Riders" *), und Oberst Roosevelt erklärte sie als die tapfersten. Zehn Juden waren in der Astor-Batterie (John Jacob Astor rüstete eine ganze Batterie aus, die er nach den Philippinen führte), und Leutnant Marix, der Richter in der Kriegsschiff Maine-Untersuchung, war ein Jude. Laßt uns einen Blick auf den Juden als „Geldmacher" werfen. Er weiß „Geld zu machen", aber dafür kann ihm nur Lob werden. Aber er macht es nicht durch Bestehlen der Eisenbahnen und Bankdiebstähle, er macht es als ein Kaufmann. Es giebt einen Grund für seine Geneigtheit zum kaufmännischen Fache, der ist, daß er in anderen Ländern herumgeworfen und verbannt und sein Eigenthum hinweggenommen, seine Güter konfiszirt wurden, so daß es nun in seinem Blute ist, Handel zu treiben in Maaren und nicht in Gütern. Wir sprechen oft „reich wie ein Jude". Und doch giebt es viele arme Juden, aber sie fallen nicht dem Staate zur Last. Sie pochen nicht an unsere Hinterthür und flehen nicht an der Ecke weinend und kreischend um ein Almosen; aber sie werden sich ein Bündel Sachen verschaffen und für 5 Cents verkaufen, eher als betteln. Es giebt schlechte Juden, es giebt schlechte Christen. Aber wieder und wiederum wird es oft gesagt, die Juden haben Christus gekreuzigt. Nun, dieses ist eine Verleumdung, und es ist gar nicht möglich, daß sie es gethan. Die Römer und nicht die Juden regierten in Jerusalem. Und angenommen, auch ein paar Juden gaben ihre Zustimmung für seinen Tod, sollte die ganze Nation dafür belastet werden? Die Juden waren nicht alle in Jerusalem, und man kann ihnen nicht Schuld geben, was Einzelne gethan haben möchten. Ja, andererseits folgten sie Christus und ließen ihn in ihren Synagogen zu; etwas, das heute nicht geduldet würde. Wenn er die Geldwechsler aus dem Tempel vertrieb, sie protestirten nicht, weil sie es als sein Recht anerkannten. Gewiß aber-wiesen sie ihn als Gott zurück, indem sie sagten: „Wir wollen abwarten und sehen." Es waren die Römer, die Angst hatten vor einem Aufstand des Volkes für Christus, daß sie ihn kreuzigten, weil sie wußten es bedeutete Krieg mit Rom, wenn Christus sich König nennen durfte, ') „Rough Riders" — Rauhe Ritter unter Oberst Dr. Wood und Oberstleutnant, später Oberst, Roosevelt, jetzigem Gouverneur des Staates New-Iork, war das berühmteste Regiment im ganzen Heere — nur die besten Reiter und tapfersten Männer konnten darin ausgenommen werden. Es waren darin Millionäre, Cowboys aus dem Westen und arme Schlucker. Wohl alle Hauptnationen der Erde lieferten Mannschaften für dieses Regiment, das den San Jose Hill in Kuba erstürmte — alle «first «lass* Fechter — ich möchte das Regiment mit Lützows wilden Jägern vergleichen.