Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 38 (22.9.1899)
- Date
- 1899-09-22
- Page
- Seite 455 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3228311-3228350--55802-3292042- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
455 -- Und wieder erscheint ein weißes Gesicht mit tiesschwarzen Augen im Fenster. „Mutter mein," lispelt sie erschrocken, „da ist ja wieder der verfluchte Müller da unter dem Fenster und klopft!" „Geh' hinaus Töchterchen. und frage, was Se. Gnaden wünschen; geh' Herzchen, denn ich bin alt und trüb' am Verstände, Du bist vernünftig und jung, und da werdet ihr eher Übereinkommen." Das Mädchen trat langsam hinaus und fragte, ihre Hände keusch über dem Busen kreuzend: „Nun, und was klopfst Du denn wieder?" Der Müller hätte sie am liebsten wieder heiß unifangen, aber Harkos Worte fielen ihm ein, und er mahnte laut an die Schuld. „So, Du weißt, daß wir nicht zahlen können, gottvergessener Mensch, und da klopfst Du in der Nacht und treibst meine alte Mutter ins Grab?" „Welcher Teufel jagt sie ins Grab, Hela? Wenn Du nur wolltest, ich würde Deiner Mutter Alter versorgen." „Lüge nur so fort!" „Oh, nimmer! Hela, ich kann ohne Dich zu lieben nicht leben!" „Ja, heule nur wie ein Hund im Winde. Und wer schickt Brautwerber zu Makogon?" „Ob ich schickte oder nicht, aber glaub' mit, ich verderbe und verdorre ohne Dich wie der Halm auf dem Felde. Da, wie der Wachholder hier, dessen Wurzel das Wasser unterschwemmt." ,-Ach, Mütterchen mein, was ist denn das, was redet dieser Mensch da? Oh, ich arme Waise möcht's ihm beinah' glauben! Ach, Philippchen, wie hast Du denn das ausgedacht, wie soll denn das werden mit uns?" Der Müller hielt es jetzt an der Zeit, alles herauszusagen, wie es Harko geplant. Zwar traute er nicht recht und zog sich vorsichtig einige Schritte zurück. Dann sprach er leise auf sie ein, wie sie ihn doch geliebt habe und Hewiß noch liebe; damals sei er Müllerbursch gewesen, und so solle sie auch den Müllerbursch nehmen und bei ihm auf der Mühle wohnen, und da wollten sie sich lieben, wenn er auch tausendmal die Motra werde geheirathet haben. Erst begriff das Mädchen nicht recht, dann erst wurde ihr plötzlich klar, was er meinte. Mit einem furchtbaren Aufschrei wandte sie sich zur Hütte: „Oh, Mütterchen, lieb Mütterchen, denk', was er redet. Unter die Türken will er gehen und zwei Frauen heimführen. Mutter, so bring doch schnell den Feuerhaken heraus, aber warte, vorläufig will ich's ihm mit meinen Händen abzahlen!" Sie stürzte sich wie eine Furie auf den Müller, der floh davon hinter die Hecke und schrie: „Ah, Du Schlange! Gut, so scheert euch morgen Beide aus der Hütte, denn ich nehme sie euch sicher für Schuld!" Und sie darauf: „Und Du scheer' Dich, Türke, fort aus meinem Garten, so lange er mein ist, sonst kratze ich Dir ein Auge aus, daß Dich Deine Motra nicht erkennt, und dann werden Dich nicht nur nicht Zwei lieben, auch nicht Eine wird auf Dich Einäugigen blicken wollen!" Der Müller spuckte aus, sprang über die Hecke und rannte wüthend weiter. An dem Rande des Hügels, wo man schon das Mühlwasier plätschern hörte, hielt er an und drohte noch einmal der Hütte mit der Faust. Und horch! gerade in diesem Augenblicke ertönt es wieder: Din — Din — Din — und wieder wie vor einem Jahre läutete es vom Glockenthurme des Dorfes — Mitternacht! — Da stand er auch schon vor seiner Mühle; die war wie in Thau getaucht, der Mond hell darüber, der Wald schimmerte, und die Eule, der verfluchte Vogel, schrie unheimlich. Vergebens rief der Müller: „Gawrilo! Gawrilo!" Der Bursch war gewiß wieder bei den Mädels. „Uhu, Uhu," antwortete nun die Eule. Es durchschauerte ihn, und obgleich er es gewohnt, fehlte ihm der Muth, allein in die Mühle zu gehen. Er blickt umher, überall ist es still und am Himmel kein Wölkchen. Er blickt in den Teich, und wieder wundert er sich, wie so tief er ist, tief genug für den Mond und alle Sterne und für den großen blauen Himmel. Doch sieh! im Waffer über den Sternen fliegt etwas wie eine Mücke. Er schaut aufmerksamer, die Mücke wächst zur Fliege, dann zum Vögelchen, da, jetzt zur Krähe, und da gleicht es schon einem großen Adler. Den Müller graut es, er murmelt eine Beschwörungsformel, dann sieht er unwillkürlich zum Himmel, und da fliegt es herab, gerade auf die Mühle zu. Ah, zum Teufel! denkt er. das wird wohl wieder der Hapun sein! Immer näher, immer größer erscheint es, und angstvoll versteckt sich Philipp wieder im Gebüsch. Und er sieht, wie es sich flatternd auf die Hecke herabläßt, und wieder hat eS etwas in den Krallen, das sich windet und sträubt. Und sieh', es ist ja wieder der Jankel, den der Hapun fest im Rücken packt, aber der Jude hält diesmal einen großen Ballen fest in beiden Händen, und Teufel und Jude zanken und zerren mit einander herum. Der Jude schreit, daß er sich fast todtgeschlagen habe, der Teufel flucht, daß er noch den schweren Ballen habe schleppen müssen, mit den vielen Sachen, die der schlaue Jude, der selbst den Teufel überliste, in der Geisterwelt zusammengeschachert habe. Das sei gegen den Vertrag. Der Jude aber sagt: „Hast Du schon mal Einen gesehen, der reisen würde ohne Sachen und Gepäck? Hast mich mit Dir genommen, so halte auch mein Gepäck. Dazu ist kein Vertrag nöthig! Immer wirfst Du mir mein armselig Päckchen vor! Nur weil Du mich betrügen willst, nichts mehr! Der Teufel erwiedert im zänkischen Ton: „Dich Schlaufuchs betrügen? So Einer ist noch nicht geboren, der dies fertig brächte. Ich bin schon meines Daseins müde, seitdem ich mich mit Dir einließ." ' Der Jude erwiedert, daß er auch nicht sonderlich von der Bekanntschaft erbaut ist. Und während sie hin und Herzanken, erinnert der Jankel den Teufel an die seinerzeit an derselben Stelle eingegangene Wette und den geschlossenen Vertrag. Die darin enthaltenen Bedingungen wären nunmehr alle erfüllt, denn erstens kaufte der Müller sogar zwei Schenken, mischt den Schnaps halb und halb mit Waffer, nimmt noch höhere Prozente als der Jude und hat überhaupt viel Schlimmeres in der Zeit der Abwesenheit Jankels getrieben, und von Mitleid ist bei ihm keine Rede, sonst würde er seinerzeit, als der Teufel ihn, Jankel, holte, diesen gebeten haben, den armen Juden wieder zu Frau und Kind loszulaffen. Der Müller hörte das ganze Gespräch bebend mit an und mußte nur im Stillen alle die Sünden, die Jankel nach einander dem Teufel aufzählte, zugestehen. Er bedauerte aufrichtig, nicht lieber ein Jahr seit dem Verschwinden Jankels gewartet zu haben, dann wäre Jener der Gefoppte, und nun kann die Sache für ihn selber nicht richtig werden. Der Teufel wollte seine Wette aber nicht eher verloren geben, als bis er mit eigenen Augen und Ohren sich von der Echtheit der dem Müller vorgeworfenen Schlechtigkeiten überzeugt haben würde. Als sie so hin- und herstritten, näherte sich der Hecke, auf der sie-faßen, eine Menschengestalt in frirchtbarem Zustande, abgerissen und total betrunken. Es war Gawrilo. Der Teufel wollte schleunigst irgend einen Anzug überziehen, aber Jankel gönnte ihm keinen ordentlichen und suchte lange in seinem jenseits wohlgefüllten Bündel, um das Schlechteste vorzuholen. Da aber Gawrilo total betrunken zu sein schien, so hielt der Teufel keine große Toilette für nöthig und stellte sich in eigener Gestalt ohne Umstände dem Gawrilo vor.