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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1899-06-30 · Heft 26 (30.6.1899) · p. Seite 312

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
63 (1899)
Issue
Heft 26 (30.6.1899)
Date
1899-06-30
Page
Seite 312 (sequence 12)
Language
German
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312 gezogen hatte, fragte Alphons scheinbar gleichgiltig: „So, Du giebst Stunden?" „Ja." Ihre Mutter hätte nicht bündiger sprechen, durch ihr Gebaren nicht energischer weitere Nachfragen entmuthigen können. Kaum aber hatte sie mit einigen Worten der Unterhaltung eiffe andere Richtung gegeben, als die treue Hüterin des Hauses von Neuem erschien und lakonisch berichtete: „Die Schtickereie werde g'holt." Nunmehr schien aber die junge Frau über alle Verlegenheit hinweg zu sein. Sie erhob sich gelassen, nahm von dem am Fenster stehenden Nähtisch einige schon bereit liegende, eingehüllte Gegenstände und händigte sie der Wartenden ein. Im Begriff, zu gehen, wandte sich diese noch einmal um. „I soll sage, das Geld und die andere Sache liege schon bereit." „Gut, ich laffe nachher alles holen." „Das wirst Du nicht thun, Regina!" rief ihr Bruder, sobald das Mädchen wieder entschwunden war. „So hätte ich ja den besten Kommentar zu Deiner Bemerkung von vorhin. Du thust gar nichts, nicht wahr? — Großer Gott, einen kranken Mann Pflegen, Hausstand besorgen, Unterricht ertheilen, das ist für einen Menschen ziemlich genug. Und außerdem noch stickst Du für Geld. Gott sei Dank, daß das unser Vater nicht mehr erlebt hat!" (Forts, folgt.) Erinnerungen an Karlsbad. Von Dr. M. Kayserling. oethe in Karlsbad! Herder in Karlsbad! sind bekannte littcrarische Erscheinungen. Werlveiß von den in der Litteratür hetvorragenden Juden, welche gegen Ende des vorigen und zu Anfang des zu Ende gehenden gegenwärtigen Jahrhunderts die Karlsbader Quellen ausgesucht haben? Wer nimmt Notiz davon? So fragte ich mich während meines Aufenthaltes in der Sprudelstadt schon vor einige» Jahren. .Die alten Kurlisten müßten wohl darüber Aufschluß geben. Das sogenannte Museum, ein in der Realschule befindliches Zimmer, das außer einigen Mineraliensammlungen die Kurlisten, die geschriebenen und die gedruckten, und eine Karlsbad- Litteratur enthält, ist, soweit meine Erfahrung reicht, während der Hauptsaison selten geöffnet; bald ist der Herr Lehrer, der zugleich die Stelle eines Kustos des Museums bekleidet, krank, bald verreist. Endlich gelang es mir, durch den Schuldiener Eintritt in das Museum zu erhalten. Ich blätterte die alten geschriebenen Kurlisten durch; eines Juden geschah nirgends Erwähnung. Ob mmi es nicht der Mühe werth fand, die jüdischen Kurgäste zu verzeichnen? Und doch befanden sich schon im Jahre 1785 Juden zur Knr in Karlsbad. Die Kurländerin Sophie Becker, die Reisebegleiterin der unglücklichen Elise v. d. Recke, die schwärmerische Verehrerin Moses Mendelssohns, schreibt von Karlsbad aus den 17. Juni 1785: „Nachher machte ich mit dem Grafen Brühl einen recht schönen Spaziergang. Beim Nachhausegehen hörten wir einen Mann aus dem Fenster ans einige Musikanten schelten, welche eben aus einem anderen Hause herauskamen. Brühl erkundigte sich nach der Sache und erfuhr, daß man den Leuten einen Verweis gegeben, daß sie die Juden, deren Sabbath anging, in ihrer Andacht gestört hätten." Dieser Zug gefiel der „theuersten Sophie", wie Moses Mendelssohn die Freundin in seinen Briefen anzureden pflegte, sehr Wohl. Was würde Sophie Becker wohl gesagt haben, wenn sie gehört hätte, wie ich es einhundert und dreizehn Jahre später vernommen habe, daß eine Hausbesitzerin in der Parkstraße zu ihrem Hausmeister sagte: „Bei mir werden keine Juden ausgenommen!" Juden durften sich damals in Karlsbad nicht ständig niederlaffen. Selbst noch im Jahre 1849 wohnte dort ein einziger Jude. Als ich Ende Oktober des genannten Jahres auf einer Reise von Prag nach Würzburg Karlsbad passtrte und auf der dortigen Post einen Fünfundzwanzig - Thalerschein wechseln wollte, wurde mir ziemlich barsch bedeutet: „Zum Wechseln müffen Sie zum Juden gehen." Der Jude, der nicht weit von der Post wohnte, meinte, er hätte im Winter „keinen Bedarf" für solche Scheine, war aber so freundlich, mir für das preußische Geld österreichische Noten zu geben, freilich ohne sich strikte an den Kurs zu halten. Einer der ersten Juden, der als Kurgast verzeichnet ist, war der berühmte Jchthyolog Dr. Markus Bloch, der am 6. August 1799 in Karlsbad starb, aber nicht dort, sondern in Lichtenstadt begraben wurde?) Jntereffante Kurgäste brachte das Jahr 1819. Da treffen wir: Dr. Ignatz Jeitteles aus Prag, der lange vor Jost Bausteine zu einer Geschichte der Juden gesammelt, die jüdische Geschichte in Vorlesungen dargestellt und ein geschätztes Aesthetisches Lexikon herausgegeben hat; Karoline Edle von Hönigsberg, „Großhändlersgattin" aus Wien, deren Gatte mit M. L. Biedermann u. A. den Wiener Tempel gegründet und Jsak Noa Mannheimer als Prediger an denselben berufen hat, Madame Ries, „Juweliersgattin" aus Berlin, deren Sohn Peter das erste jüdische Mitglied der Akademie der Wiffenschaften in Berlin war, David Fische! aus Prag. Dr. Michael Sachs' bester Freund, mit dem ich noch 1856 in Karlsbad zusammentraf. — Am 22. Juli 1829 kam ein hoher Gast in Karlsbad an: Markus Benedikt oder R. Mordechai Benet, wie er gewöhnlich genannt wird, Landrabbiner aus Nikolsburg, eine durch tiefe, umfassende Gelehrsamkeit, durch Toleranz und Charaktergröße ausgezeichnete Persönlichkeit. Er wohnte in dem Hause „Zur goldenen Kugel" in der Geweihdigasse Nr. 2. Das Haus ist längst niedergeriffen, die Gasse existirt nicht mehr, sie befand sich da, wo jetz! das Theater steht. Da er bald nach seiner Ankunft erkrankte, eilte ihm sein Sohn, der „autorisirte Religionslehrer und Schriftsteller" Naphtali Benedikt, nach; derselbe traf den 31. Juli in Karlsbad ein. Naphtali, der später Rabbiner in Schafa (Mähren) war, hatte sich schon im Jahre 1814 mit dem „B'rith Melach", Erläuterungen über die Halacha vom Salzen des Fleisches, schriftstellerisch versucht; sein berüchtigter „Ben Zion, Israelitische Religionslehre in Fragen und Antworten" erschien erst im Jahre 1832. Naphtali, der in seinem ganzen Wesen etwas Exzentrisches hatte, habe ich noch persönlich gekannt; er pflegte alljährlich zum Sterbetage seines Vaters nach Nikolsburg zu kommen und im Hause seines Sohnes einen talmudischen pilpulistischen Vortrag zu halten. Sein berühmter Vater starb den 12. August (13. Ab.) 1829 in Karlsbad und wurde, wie Dr. Markus Bloch, in Lichtenstadt begraben, dreiviertel Jahre später aber wieder ausgegraben und seinem letzten Willen gemäß nach Nikolsburg geführt. Zu gleicher Zeit mit dem mährischen Landrabbiner weilte in Karlsbad der „Bidschower und Königgrätzer Kreisrabbiner" David Levit aus Horic und Wilhelm Steinschneider, „gewesener Profeffor der englischen Sprache auf den Ionischen Inseln", aus Wien. Ob dieser Profeffor Steinschneider 1829 noch Jude oder, wie mehrere Mitglieder dieser Familie, getauft war, darüber wird Profeffor Moritz Steinschneider in Berlin sicher Auskunft geben können. Später traf in Karlsbad ein: Frau Johanna v. Hirsch, „Hofbankiersgattin" aus München, die Mutter des großen Philanthropen Moritz v. Hirsch. Seither ist Karlsbad viel und oft von hervorragenden und angesehenen Glaubensgenoffen besucht worden. r) Schon 1795 hat Goethe in Karlsbad mit Marianne Mayer, später Frau von Eybenberg,und mit Dr.DavidVeit verkehrt. DieRed. Druck und Verlas von Rudolf Moffe in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.

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