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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1899-06-30 · Heft 26 (30.6.1899) · p. Seite 311

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
63 (1899)
Issue
Heft 26 (30.6.1899)
Date
1899-06-30
Page
Seite 311 (sequence 11)
Language
German
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311 bisherigen eleganten Sachen, wie ihren Nähtisch, einzelne Bilder aufwies, dessen harmonische Ordnung aber doch gleichzeitig ein Hauch jenes vornehmen Behagens, das seine Schwester überall um sich zu verbreiten verstand, erfüllte. Freilich, an Reginas früheres, mit Kunstschätzen angefülltes Boudoir durfte man nicht dabei denken. „Erst laß Dich einmal ansehen!" sagte er ernst und drehte die leichte Gestalt mit brüderlicher Rücksichtslosigkeit voll dem Lichte zu. Was er sah, bewies ihm, daß Lindenberg nicht übertrieben hatte. Sie war in geradezu erschreckender Weise abgemagert, das Gesicht förmlich spitz geworden, die Wangen farblos, die Stirn gefurcht, an den Schläfen traten die blauen Adern scharf hervor, und in das schöne Haar der Zweiunddreißigjährigen mischten sich breite, graue Strähnen. Nur die prachtvollen braunen Augen, die jetzt im freudigen Glanz auf dem Bruder ruhten, waren unverändert. Die Hände aber, die sie vor seinen prüfenden Blicken eifrig in den bauschigen Falten der Schürze zu verbergen suchte, die er aber, ohne darauf zu achten, einfach ergriff und angelegentlich betrachtete, trugen die Spuren harter, grober Arbeit. Mit einem tiefen Seufzer ließ er sie frei. „So hat inan mir nicht zu viel gesagt. O, Regina!" „Wer hat Dir überhaupt etwas gesagt? Woher hast Du unsere Adresse?" „Professor Lindenberg hat mich benachrichtigt. Aber warum hast Du uns nicht geschrieben? Regina, Regina, war das recht? Haben wir Brüder das um Dich verdient? Weshalb hast Du uns kein Zutraneri geschenkt?" Sie wandte sich mit einem Anflug ihres alten Starrsinns halb ab. „Was hätte ich schreiben sollen?" fragte sie abweisend, „dies ist mit Gottes Hilfe nur ein Uebergang. Emanuel ist viel wohler; das ist die Hauptsache. Im Uebrigen geht es ganz gut so. „Ja, so lange, wie es eben geht!" sagte er vorwurfsvoll. „Du ruinirst Dich körperlich in Grund und Boden. Regina, mich schickt die Mutter." Sie machte eine unbezwingbar stürmische Bewegung. „Die Mutter!" rief sie, dann brach ihr die Stimme. Es that ihm leid, falsche Hoffnungen erweckt zu haben. „Ja, Kind," sagte er sanft, „ich soll sehen, ob ich Euch nützen kann, und ihr dann berichte». Du weißt, das ist schon viel von ihr. Im Uebrigen aber, mein armes Herz, knüpfe daran keine trügerischen Hoffnungen. Gewiß, daß Du für sie im Grunde doch noch das geliebte Kind bist, das habe ich jetzt wieder deutlich gesehen, so deutlich wie noch nie. Aber Du kennst sie; äußerlich ändern wird das alles nichts." Sie hatte ihre Selbstbeherrschung wiedergewonnen, nur in den mächtigen Augen standen zwei große Thränen. Sie trocknete sie hastig. „Natürlich," entgegnete sie leise, „ich war kindisch, einen Moment etwas anderes zu glauben. Wir sprechen nachher noch weiter darüber. Ach, und verzeih, ich habe Dir noch nicht einmal einen Stuhl angeboten. Hast Du überhaupt zu Mittag gegessen? Ja? Aber wohnen thust Du doch natürlich hier bei mir? Wir haben wirklich Platz genug, wenn's auch nicht ganz so schön ist wie in Emanuels großer Amtswohnung. Du kannst uns doch ein paar Tage schenken? Aber Du antwortest ja gar nichts!" „Kind!" lachte er gutmüthig, „Du läßt mich ja nicht zu Worte kommen. Als Arzt müßte ich Dir sagen, Du bist viel zu aufgeregt. Ja, ich habe mich für einige Tage frei gemacht. Wenn es Dir aber nicht zu viel Mühe verursacht. „Mühe," versetzte sie mit der ihr eigenen herzgewinnenden Liebenswürdigkeit, „Etwas, was so viel Freude bereitet, kann überhaupt keine Mühe sein." Sie erhob sich und ging an die Thür. „Bärbel!" Auf ihren Ruf erschien die wirkliche Trägerin dieses Namens, ein blutjunges Ding von gutmüthigem Aeußeren, dem ihre Herrin Anweisung gab, das Gepäck ihres Besuches aus dem einzigen kleinen Gasthof des Städtchens zu holen. Dann kehrte sie zu ihrem Bruder zurück. „Nun mußt Du mir von daheim erzählen. Ist die Mutter ganz wohl? Und Raphael und Ina? Wie habe ich mich gefreut, als sie mich im vergangenen Jahr besuchten! Wie sind ihre Kinder? Spricht Judith noch zuweilen von mir?" „Eins nach dem Anderen, Regina. Vor allem aber möchte ich von Euch hören. Wo ist denn eigentlich Dein Mann? Der Name schien eine magnetisch-beruhigende Kraft für sie zu besitzen. Ihr ganzes aufgeregtes Wesen verschwand wie mit einem Schlage. „Du mußt entschuldigen, daß ich Dich noch nicht zu ihm geführt habe. Aber er arbeitet mit seinem Sekretär. Er gedenkt, während dieser erzwungenen Unthätigkeit ein größeres, begonnenes philosophisches Werk zu beenden." „Habt Ihr denn hier überhaupt im Ernst Jemanden, der ihm dabei zur Seite stehen kann?" „Jawohl; wir haben damit Glück gehabt. Ein Neffe unserer Hauswirthin, ein junger Philologe und Lieblingsschüler Emanuels, der uns auch seinerzeit diese Wohnung nachgewiesen hat, ist nach beendetem Examen für einige Zeit nach hier zurückgekehrt, um seine gleichfalls angegriffene Gesundheit in der Ermatinger Ruhe und Stille wieder zurecht zu pflegen. Aus Verehrung für Emanuel dehnt er seinen Aufenthalt nun noch immer wieder aus und leiht ihm, unbekünmiert darum, daß er die endgiltige Gestaltung seiner eigenen Zukunft dadurch ins Ungewiffe hinausschiebt, für eine sehr bescheidene Entschädigung in bereitwilligster Weise Augen, Feder, Gedächtniß. Für heute müssen sie indeß bald fertig sein. Ich werde einmal Nachsehen." Sie erhob sich und öffnete behutsam die Verbindungsthür nach dem Nebenzimmer. Einige lauter gesprochene, langsam diktirte Worte, wie „sub specie aeternitatis — Resignation — philosophische Erkenntniß der Nothwendigkcit — intellektuelle Liebe zu Gott — ursprüngliche Göttlichkeit des Weltalls", schlugen zusammenhangslos an die Ohren der Hörenden. Vorsichtig schloß Regina die Thür wieder. „Sie scheinen bei Emanuels Liebling Spinoza zu sein," sagte sie mit halbem Seufzer, „dann wird es noch eine Weile dauern. Erzähle." „Nein, erzähle Du. Also Deinem Mann geht es besser?" „Bis auf die Augen. Das Allgemeinbefinde» hat sich doch so gehoben, daß er wieder zu arbeiten vermag. Im Uebrigen, — Du hast Lindenberg gesprochen?" „Nur heute Mittag auf mein Telegramm hin einen Moment an der Bahn, als der Zug Eure ehemalige Heimath erreicht hatte." „Dann wirst Du ebenso gut oder besser orientirt sein als ich. Denn manchmal" — ihre Stimme wurde unsicher — „meine ich. er verschweigt mir etwas." „Nein, Regina, da beunruhigst Du Dich unnütz. Er sagte mir, er sei ganz offen gegen Dich gewesen. Was er Dir aber vor allem nicht verschweigt, ist, daß Du selbst viel zu viel thust. — Er hat Dich mir ganz speziell auf die Seele gebunden." „Ich thue doch gar nichts." Einer weiteren Antwort wurde sie überhoben. Bärbel steckte ihren blonden Kopf durch die halbgeöffnete Thür mit einer Bestellung herein. „Die Frau Amtsrichter und die Frau Kreisphysikus ließen fragen, ob es der Frau Professor recht sei, wenn sie morgen früh statt um zehn, um elf Uhr die Töchter zum Unterricht schickten. Regina, der die Unterbrechung unangenehm zu sein schien, erklärte kurz ihre Zustimmung. Als das Mädchen sich wieder zurück-

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