Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 24 (16.6.1899)
- Date
- 1899-06-16
- Page
- Seite 283 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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WK$S»?iPP5!^^ 283 Herrn Hermann Bernhard - Kolberg, erhob sich Herr Bürgermeister .'Kümmert zu einem Trinkspruch auf Se. Majestät den Kaiser. Begeistert stimmte die Versammlung in das dreimalige Hoch ein und sang stehend die erste Strophe „Heil dir im Siegerkranz". Noch zahlreiche Trinksprüche ernsten und launigen Inhalts würzten das treffliche Mahl, das stch bis in die Abendstunden ausdehnte. Viele Freunde der Anstalt, die am Erscheinen verhindert waren, brachten in Briefen und Telegrammen ihre Glückwünsche dar. Auch wir wünschen dem neuen Kurhospital, daß Gottes Segen auf ihm ruhen möge, wie er auf dem alten geruht hat. Möge es dastehen als ein lebendiges Zeugniß für das, was Wohlthätigkeitsfinn und Edelmuth vermögen, und möge es den mit Glücksgütern gesegneten Glaubensgenossen Sporn und Antrieb sein zur Gründung ähnlicher Anstalten an anderen Orten. N. -HK- Br. M. Kayserling. Bon Dr. Ludwig Pick. enn mau von dem Namen eines verdienten Mannes sagt, er habe einen „guten Klang", so ist das unseres Erachtens das Beste, was man von ihm sagen kann. Man denkt dabei an seinen guten Ruf. an seine trefflichen Eigenschaften und Tugenden, besonders aber an seine Verdienste, die er sich im engeren oder weiteren Kreise um die Mitmenschen erworben. Mit Bezug auf den Namen eines Historikers, zumal von dein Range eines Kayserling, hat es mit dem „Namen von Klang" außerdem noch eine andere ehrenvolle Bewandtniß. Denn ein solcher Historiker ist ein Schatzgräber auf dem Todtenacker dahingegangener Geschlechter, er holt mühsam mit saurem Schweiß aus den Trümmern einer vergeffenen Vergangenheit längst verschüttete Geistesmünzen früherer Jahrhunderte ans Tageslicht herauf, und indem er diese vom Rostansatz der Zeiten reinigt, giebt er ihnen ihren eigenen ursprünglichen Klang im Konzert der geistigen Denkmäler der Vergangenheit wieder. Kayserling hat sich nach dieser Richtung als eifriger Forscher und glücklicher Pfadfinder bewährt. Dadurch hat er sich um die jüdische Wissenschaft in erheblichem Maße verdient gemacht. Am 17. d. M. vollendet Kayserling sein 70. Lebensjahr, und indem wir uns dem großen Kreise seiner zahlreichen Verehrer, der sich glückwünschend um ihn schaart, freudigen Herzens und mit dem Ausdruck warmer Anerkennung anschließen, möchten wir das reichgesegnete Schaffen des Jubilars, der den Lesern dieses Blattes von seinen intereffanten und belehrenden historischen Beiträgen wohlbekannt ist, auf dem Gebiete der jüdischen Geschichte und Litteratur in kurzen Umriffen vor Augen führen. Meyer Kayserling, geboren am 17. Juni 1829 in Hannover, wurde von seinen frommen Eltern für den Rabbinerstand bestimmt. Er besuchte die ihrerzeit berühmten.Talmudschulen zu Nikolsburg und dann zu Würzburg, wo er unter Samson Raphael Hirsch und S. B. Bamberger dem Studium des Talmuds, aber auch der allgenieinen Wiffenschaften, sich mit hellem Eifer widmete. Dann bezog er die Universität zu Berlin, wo er mit ebenso großem Fleiße den historischen und philosophischen Studien unter Führung anerkannter Meister, nach dem Vorbilde eines Michael Sachs oblag. Nach Abschluß seiner Studien wurde er 1861 als Rabbiner nach den vereinigten Gemeinden Lengnau und Endingen und 1870 als Nachfolger des verewigten Dr. W. A. Meisel, der als Kanzelredner eine erste Autorität war, von der israelitischen Gemeinde zu Budapest berufen, wo er noch heute in einem ebenso großen wie schweren Wirkungskreise segensreich wirkt. Aus seinen fleißigen und eifrigen Studien der jüdischen Litteratur und Geschichte, besonders aber des Talmuds unter den genannten talmudischen Autoritäten, fiel in sein empfängliches Gemüth der zündende Funke der Liebe und Begeisterung für die Wissenschaft des Judenthums, die ihn so intensiv beherrschten, daß er sich die gründliche Erforschung und die Verbreitung derselben in den weitesten Kreisen zur Lebensaufgabe machte. Das Judenthum sollte in der modernen Beleuchtung durch die Werke und die erhabene Gestalt Moses Mendelssohns, die ihm hier in Berlin überall vor das geistige Auge trat, in dessen Persönlichkeit Religion und Wissenschaft in schönster Durchdringung verschmolzen waren, Gemeingut aller deutschen Juden werden und über den engen Kreis der Glaubensgenossen hinaus die Achtung gewinnen, die es als die älteste und immer wieder sich verjüngende Kulturmacht verdient. „Die Liebe und Bewunderung für den edlen Mann, der sowohl in der Geschichte des deutschen Geisteslebens als auch in der Kulturgeschichte der Juden einen so hervorragenden Platz cinnimmt, hat mich über alle anderen litterarischen Arbeiten von Zeit zu Zeit zu ihm und seinen Schriften sowie zu den Persönlichkeiten, mit denen er in Beziehung stand, zurückgeführt. Mein Streben war i» dieser Auflage darauf gerichtet, das Buch durch eine möglichst populäre Darstellung recht Vielen zugänglich zu machen." So sagt Kayserling. Wir fügen hinzu, daß cs nicht allein die populäre Darstellung Nach der Richtung des Stils ist, der, als ein gediegen einfacher und klar durchsichtiger, die Biographie Mendelssohns zu einer anregenden, Allen zugänglichen Lektüre macht, sondern was das Charakteristische in allen Werken Kayserlings ist, daß die Diktion bei aller Wärme und Innigkeit der Ueberzeugung von der Wahrheit des historischen Gedankens immer in den Grenzen edler Mäßigung und der wissenschaftlichen Würde sich bewegt, ohne jemals gegen Andersdenkende oder selbst Feinde der jüdischen Sache leidenschaftlich erregt oder gar ausfallend zu sein, so daß das Buch auch in der deutschen Litteratur zu hoher Anerkennung gelangt ist. Mit Liebe und Wärme, aber ohne überschwenglich zu sein und ohne sich in Uebertreibungen zu ergehen, begleitet er den viel bewunderten Erwecker einer neuen, besseren Zeit innerhalb des Judenthums vou seiner frühesten Jugend im Vaterhause zu Dessau bis zu seinem Tode in der Spandauerstraße zu Berlin im Anblick der vor ihm stehenden Büste Lessings durch alle Phasen seines überaus reichen Lebens, und unter seiner künstlerischen Feder, die die edle Begeisterung geführt, ersteht uns das Bild des modernen Weisen mit plastischer Anschaulichkeit in voller Lebens- und Geistesgröße. Indem Kayserling in seiner Darstellung alle diese Züge Mendelssohns in lebendiger Anschaulichkeit geschickt zusammenfaßt, hat er die schöne, unvergängliche Gedankenwelt des großen Weisen als gangbare Münze in alle Schichten der Gesellschaft gebracht und dadurch dauernden Segen gestiftet. Man erzählt sich von dem immensen Fleiße des Verfassers der Mendelssohn-Biographie, daß er diese mit unermüdlichem Fleiß noch in der Nacht vor seiner Hochzeit vollendet haben soll — sicherlich ein schönes Zeugniß von der Zaubermacht, die der Gegenstand oder vielmehr die Person seines Helden über ihn gewonnen. Unaufhaltsam schritt nun Kayserling, nachdem seine erste Arbeit warme Anerkennung gefunden, auf seiner schriftstellerischen Laufbahn vorwärts. Er durchsucht die Staatsarchive und Bibliotheken in Berlin, München, Zürich. Hamburg, später auch in Spanien Und Portugal, um die merkwürdige Geschichte der Juden in den beiden letzteren Ländern zu erforschen, und er ist vom Glück begünstigt im Auffinden neuer Quellen, aus denen er unsere Kenntniß von den Zuständen der spanischen und portugiesischen Juden auf den verschiedenen Gebieten ihrer Thätigkeit, ihres Geisteslebens und ihrer