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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1899-06-16 · Heft 24 (16.6.1899) · p. Seite 284

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
63 (1899)
Issue
Heft 24 (16.6.1899)
Date
1899-06-16
Page
Seite 284 (sequence 8)
Language
German
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£) 284 sozialen Stellung wesentlich bereichert. Mit sprachlichen und anderen wissenschaftlichen Mitteln vollauf ausgerüstet, mit einem klaren Urtheil und scharfsinniger geschichtlicher Auffassung, wie nicht minder mit einem glücklichen Kombinationsgeiste begabt, hat er weitklaffende Lücken in der bis dahin nur wenig bekannten Geschichte der spanischen und portugiesischen Juden ausgefüllt, viele dunkle Punkte aufgehellt, Jrrthümer in der Auffassung berichtigt und wichtige Verhältuiffe entdeckt, bekannte wieder ins rechte Licht gesetzt. Er verknüpft die Thatsachen und Ereignisse nach ihrem ursächlichen Zusammenhang, erklärt sie aus den herrschenden Ideen der Zeit, aus der psychologischen Eigenart der handelnden Personen, stellt die Verhältnisse, Beziehungen, Motive und Handlungen unter die geeigneten Gesichtspunkte und führt dann dem Leser das Ganze in einem lebensvollen Gesammtbilde vor Augen. Kayserling begleitet in dieser wie in allen seinen Schriften die Schicksale seiner Glaubens-und Stammesgenossen mit lebhafter Wärme und Innigkeit. „Jede Noth der Seinen schlägt an sein empfindend Herz." Jede geistige Lebensäußerung des Judenthums ist ihm wichtig. Auf die Rettung und Heilung desselben von den Wunden bedacht, die ihm der Wahn, die Verblendung und die Bosheit der Menschen geschlagen, sucht er dieses innerlich zu kräftigen, indem er in dessen Brust längst verklungene Lieder wieder erklingen, ganz oder halb vergessene Männer von Ruhm und Ansehen wieder erstehen läßt und ihre Schläfen mit neuem Lorbeer schmückt. Eine der schönsten Lichtseiten in der Geschichte des Jndenthnms zeigt uns Kayserling in der kulturgeschichtlichen Bedeutung und Wirksamkeit der „jüdischen Frauen". „Die jüdischen Frauen nahmen an allen öffentlichen Ereignissen, an den festlichen Versammlungen, an dem allgemeinen Wohl und Wehe, ja auch an der geistigen Arbeit ihres Volkes lebhaften Antheil. Sie traten wie in frühester Zeit als Richterinnen, Prophetinnen und Dichterinnen, so auch später als Fürstinnen und Märtyrerinnen, als Schriftstellerinnen und Bildnerinnen des Volkes auf." (Einleitung Seite 12.) Ist dieses höchst anziehende Buch schon wegen des Stoffes, der in so weitem Umfange hier zum ersten Mal behandelt wird, eine dankenswerthe Bereicherung der modernen jüdischen Litteratur, so wird es geradezu ein kostbares Besitzthum durch die Gewandtheit und Formvollendung, mit der eS geschrieben ist. : Kayserlings edelste Schwärmerei sind die Kulturträger und Lichtverbreiter des Judcnthums. Mit pietätvoller Liebe sammelt er die Lichtstrahlen, die von ihrem Geist und Leben einst ausgegangen, formt sie zu einem Ganzen, als einen glänzenden Stern, um so die noch düsteren Striche am Horizont der Menschheit aufzuhellen. Wie er früher zu den Füßen Mendelssohns saß, auf jede Offenbarung seines Geistes lauschend, so blickte er zu dem nunmehr verewigten Dr. Ludwig Philippson — der ihm seine Tochter, eine hochgebildete, feine und edle Dame, zur Gattin gegeben, mit der Kayserling seit mehr als drei Jahrzehnten in glücklicher Ehe lebt — mit tiefster Verehrung empor. Kayserliug hat diesem Manne ein pietätvolles Andenken geweiht und in seiner Biographie Ludwig Philippsons ein glänzendes Denkmal gesetzt. Das Bild ist wohlgetroffen, nicht geschmeichelt, keine Effekthascherei, Zug für Zug so natürlich, echt und wahr, wie die Zeitgenossen den seltenen Mann gekannt, verehrt und geliebt, einen klassischen, hervorragenden Mann, mit großen, weit ausschauenden Gedanken und ebenso großem, weite Menschenkreise umspannenden, warmen Herzen, einen hochbegabten, erleuchteten Vorkämpfer für Juden und Judenthuni, einen feinfühligen Dichter, einen großen Publizisten und endlich einen vielseitigen Gelehrten auf verschiedenen, weit auseinanderliegenden Wissensgebieten. Dankenswerth sind besonders die Proben, die Kayserling aus den Dichtungen Philippsons in seinem Buche vorführt. Denn mit den Worten der Schrift zu reden, sie sind „ein holder Kranz um sein Haupt und ein Geschmeide um seinen Hals". Wie in seinen Biographien der warme Odem eines tiefen Gemüthes, verbunden mit einem großen Darstellungstalent, so zeigt sich in Kayserlings historischen Schriften ein scharfsinniger, kritischer Geist mit einer umfangreichen Gelehrsamkeit in glücklicher Harmonie vereint. Was immer Juden und Judenthum angeht, zieht er in den Kreis seiner Interessen. Er sucht die unversiegbaren Quellen ihrer zähen Lebenskraft auf und findet sie im Großen und Ganzen in den drei Hauptmomenten: In der angestammten Sittenreinheit der Familie, verbunden mit unerschütterlicher Glaubenstreue, in der lebhaften, eifrig thätigen Antheilnahme an den Kulturbestrebungen der jeweiligen Zeiten, in der Mission Israels. Der Reichthum des Historikers an Gelehrsamkeit, Geist und Gemüth, der außer den genannteil noch eine große und stattliche Reihe von Schriften veröffentlichte, spiegelt sich auch in der Predigt des gefeierten Kanzelredners wider. Das Gotteswort, von so erleuchteter Kraft der Begeisterung, wie die Kayserlings, getragen, muß die Schaaren der Andächtigen zur Ueberzeugung fortreißen. Und wenn anläßlich seines siebzigsten Geburtstages den verehrten Jubilar der Dank und die Anerkennung seiner Gemeinde tausendstimmig umgeben und viele Verehrer von Nah und Fern ihm ihre Huldigungsgrllße widmen, so möge er daraus erkennen, daß die Saat seines fleißigen, treuen Schaffens in vielen Geistern und Herzen segensvoll aufgegangen ist, und daraus die Anregung zu fernerem Schaffen in glücklichen Tagen voller körperlicher Gesundheit und ungetrübten Lebensglückes finden: „Wer klugen Sinnes ist, heißt ein Weiser, aber Wohlredenheit mehrt Belehrung." „Der Weg des Lebens geht für den Deuker aufwärts — wer die Menschen zurechtweiset, wird Tank finden." Aer Antheil der Juden an der Berliner Konfektion. i. S ist eine bekannte Thatsache, daß die Berliner Konfektion besonders in einzelnen Theilen die bedeutendste der Welt geworden ist und ihre Erzeugnisse nach allen Erdtheilen versendet. So lange Paris in der Mode, namentlich für Damenkleider, tonangebend war, beherrschte die dortige Konfektion in den theuersten und besten Artikeln vollständig den Markt. Erst seit etwa 25 Jahren hat Berlin in den billigeren Massenartikeln, neuerdings aber auch in feinerer Ausstattung, der Pariser Konfektion erfolgreiche Konkurrenz gemacht, ja dieselbe in der Höhe der Ausfuhr nach allen Ländern der Erde seit langer Zeit überholt. Wenn wir es nun versuchen wollen, den Antheil der Juden an diesem Aufschwung eines Theiles der Berliner Industrie in kurzen Umrissen zu skizziren, so gestehen wir gern, daß es nicht die an sich gewiß nicht verwerfliche Neigung zu allgemeinen national-ökonomischen Untersuchungen ist, welche uns auf dieses Thema geführt hat, sondern vielmehr Erwägunge», die eigentlich mit diesem Gebiet gar nichts zu thun haben und in den Kreis der Zeitinteressen gehören. Wer die traurige Pflicht hat, die antisemitischen Blätter täglich lesen und verfolgen zu müssen, der weiß, welche Vorwürfe dort seit Jahren gegen die Juden nach dieser Richtung hin erhoben worden sind. Gerade die Berliner Konfektion ist es, die sich des besonderen Wohlwollens unserer Antisemiten zu erfreuen hatte. Sie verfolgten diese mit Angriffen und Verleunidungen ohne Gleichen. Da ist es nun gewiß interessant, den Antheil feslzustellen, den die Juden seit mehr als

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