Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 24 (16.6.1899)
- Date
- 1899-06-16
- Page
- Seite 282 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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^WWWWWWMWMWMWMW 282 Dingen ruht die Welt, auf Gottes Wort, Gottes Dienst und Wohlthätigkeit", mit dem er vor einem Bierteljahrhundert auch das erste Haus seiner Bestimmung übergeben hat, und führte etwa Folgendes aus: Größer, herrlicher und prächtiger sei auch das neue Haus der Anstalt, das heute geweiht werde, aus den Trümmern der alten, verfallenen Hütte entstanden, weit und geräumig, hoch und stattlich, freundlich, hell und luftig. Aber nicht die Kunst, die den Plan entworfen und das Werk zur Ausführung gebracht, und nicht die Arbeit und Kraft, die es gebaut und vollendet, mache es herrlicher und größer, sondern der göttliche Geist und Odem, der Geist der Liebe und der Barmherzigkeit, de^ es durchziehen und erfüllen müsse. Das Haus, das geweiht und seiner Bestimmung übergeben werde, müsse auf dieselben drei Säulen gestützt werden, auf denen auch der Riesenbau der menschlichen Gesellschaft, der ganzen sittlich religiösen Welt ruht. Das Haus müsse ruhen auf dem Gotteswort, das Israel zuerst von allen Völkern verkündet worden mit der Aufgabe, die Lehren desselben durch die ganze Welt und alle Jahrtausende zu tragen. Dieses Gotteswort müsse in dem Hause gelesen, verkündet, gedeutet und erklärt werden, damit es sich mit Flammenschrist auf die Tafeln des Herzens eingrabe, die Erstarrten ermuntere, die Blinden erleuchte, die Todten erwecke. — Das Haus und besonders die Betstelle desselben müsse ferner dem Gottesdienste für die Pfleglinge des Hauses, die Badegäste und für alle Diejenigen gewidmet sein, deren Herz und Seele nach den Häfen des Einzig-Einzigen sich sehnt und schmachtet. — Endlich müsse Mildthätigkeit der dritte Tragpfeiler des Hauses werden. In diesem Hause müsse die Liebe der Sonne und der, Barmherzigkeit aufgehen, die Heilung und Genesung auf ihren Schwingen trägt für jene Armen und Dürftigen, die für ihre Leiden und Gebrechen an der Heilquelle des Hauses, am frischen Hauche des Meeres und an seinen salzigen Fluthen die erschlafften Glieder verjüngen und die gesunkene Lebenskraft wieder auffrischen wollen. Ganz besonders solle hier die kranke, schwächliche, kränkelnde Jugend zu einem gesunden Menschengeschlecht erzogen werden. — Bon solchen Stätten, die auf diesen drei Säulen gegründet find, gehe der Menschenfriede aus. Die Geister, die in Bezug auf Lehre und Gottesdienst weit aus einander gehen und fich heftig bekämpfen, müssen sich friedlich und versöhnlich in einem Brennspiegel zusammenfinden und in Werken der Liebe und Barmherzigkeit mit einander wetteifern, in denen fich der Geist wahrer Religiös offenbart. — Der Redner schloß mit herzlichem Danke an das Baukomitee, dessen Borsttzenden, Herrn Kommerzienrath Julius Jsaac- Berlin, Herrn James Simon-Berlin, der diese Bereinigung beseelt mit Rath und That. Ferner dankte er mit herzbewegenden Worten den Spendern, die große und kleine Gaben zum Neubau gebracht, deÄc Baumeistern Herren Hoeniger und Sedelmeier-Berlin, den Bauleitern und Gehilfen, den Künstlern und Arbeitern. Andächtig hatten alle Anwesenden den begeisterten Worten des um das Kurhospital so unendlich verdienten Redners gelauscht. Jetzt erhoben fie fich, um in lautloser Stille das von Herrn Rabbiner Dr. Vogelstein-Stettin gesprochene Weihgebet anzuhören, das durch tiefe Empfindung und hohen Schwung einen gewaltigen Eindruck machte. Leider müssen wir es uns des karg zugemefsenen Raumes wegen versagen, dieses ergreifende Gebet hier im Wortlaut zu veröffentlichen, in dem der Redner auch der Gesetzesrolle gedachte, die Herr Dr. G. Karpeles gespendet hat. Unmittelbar an dies Weihgebet schloß sich das von Herrn Rabbiner Dr. Norden-Neustettin gesprochene Gebet für König und Vaterland. Nach dem Gesänge des 127. Psalms („Wenn der Herr das Haus nicht bauet") ergriff Herr Rabbiner Dr. Bloch-Posen das Wort, um auf das nun vollendete erste Vierteljahrhundert des Kurhospitals einen Rückblick zu werfen. Anknüpfend an das Wort Ezechiel Kap. 34, B. 16, „Das Kranke will ich stärken", führt der Redner etwa Folgendes aus: Diese Worte enthielten einerseits eine messtanische Hoffnung, andererseits aber auch eine Pflicht, die wir zu lösen haben. Krankheit sei eine Prüfung nicht nur für die Kranken, sondern ebenso sehr für die Gesunden, deren Pflicht es sei, die Erkrankten zu unterstützen, besonders diejenigen, deren einziger Reichthum die Gesundheit ist. Der Kranke habe eine Forderung an die Gesunden, und gerade unsere Zeit behändes diese Frage eingehender. Namentlich das Deutsche Reich habe den erfolgreichsten Anstoß gegeben, die Aufgabe zu lösen: „Das Kranke wiÜ ich stärken". Dieser Lösung habe fich auch das Hospital seit 25 Jahren gewidmet, und wenn wir nach einem Bierteljahrhundert auf best Erfolg blickten, hätten wir das Recht zur Freude, die Pflicht zur Dankbarkeit und Grund zum Vertrauen auf die Zukunft« Als durch die Bahnverbindung nach Kolberg der Verkehr lebhafter geworden sei, hätten viele Kranke sich dorhin verfügt. Da habe Herr Sanitätsrath Dr. Loewenthal-Berlin auf das Wort des Jesaia hingewiesen: „Die kranken Armen sollst du in dein Haus nehmen." So sei denn nach vielen Fährlichkeiten und großen Anstrengungen mit der Hilfe Gottes und unter dem Wohlwollen der Behörden das Unternehmen gelungen. — Die Freude werde geweiht durch Dankbarkeit. Dank gebühre vor allem Gott, der das Haus gebaut habe. Dank ferner Denen, die fich darum bemüht hätten und Gottes Werkzeuge gewesen seien; Dank dem Vorstand in Kolberg, Dank den Kuratoren in Berlin, Dank allen Stiftern. Unmöglich sei es, die Namen aller Derer zu nennen, die sich hervorragende Verdienste um die Anstalt erworben. Ein Name jedoch dürfe nicht unerwähnt bleiben.. Wie nach einer Erklärung unserer Weisen zu der Ueberschrift des dreißigsten Psalmes der Name Davids mit der Einweihung des Tempels in Jerusalem verknüpft sei, weil David an den Tempelbau Seele und Leben gesetzt, so müsse auch hier der Name des Herrn Dr. Goldschmidt hervorgehoben werden. Ueber seinen Sorgen und Mühen für das Wohl und Gedeihen der Anstalt seien seine Haare gebleicht, und sein Augenlicht, habe an Kraft eingebüßt. Tiefer als alle seine Amtsgenossen in Deutschland habe er das Wort des Ezechiel erfaßt und erfüllt: „Das Kranke will ich stärken". Für ewige Zeiten werde darum auch sein Name mit dem des Kurhospitals aufs Innigste verbunden bleiben. Die Anstalt müsse konfessionell sein, schon um den rituellen Bedürfnissen zu genügen. Aber keineswegs habe sie sich vor Andersgläubigen gänzlich abgeschlossen. So hätten Einzelne dort Aufnahme gefunden und sehr viele Soolbäder und andere Vortheile der Anstalt genossen. Auch habe bekanntlich einer der Stifter, Herr Neumann Oppenheim-Berlin, bei der Gründung des Hospitals den Anstoß gegeben zur christlichen Schwesteranstalt Siloah, indem er zu diesem Zwecke einen Fonds gestiftet. Möchten die verschiedenen Religionen auf solche Weife auf dem Boden der Menschenliebe mit einander wetteifern. Es sei berechtigter Grund zu der Hoffnung vorhanden, daß in der That die Anstalt auch fernerhin in den Wettstreit mit ähnlichen Instituten eintreten werde, und daß Gott auch in Zukunft dem Hospitale helfen werde, durch Förderung des Menschenwohles seinen Namen zu verherrlichen. Am Schluffe ertheilte der Redner der Anstalt den Priestersegen. Der Gesang des 150. Psalms beschloß die erhebende Feier, die sicherlich Allen, die ihr beiwohnten, unvergeßlich bleiben wird. Es sei noch bemerkt, daß sich um die Einübung der Gesänge Herr Kaufmann Loepert-Kolberg hervorragende Verdienste erworben hat. An die gottesdienstliche Feier schloß sich eine Besichtigung des Hauses. Der Haupteingang von der Hafenstraße führt in eine geräumige, von Kreuzgewölben überspannte Halle. An dieser liegen im Erdgeschoß die Synagoge und der geräumige Speisesaal mit den anschließenden Küchen und Anrichten. Eine schöne, breite Treppe führt nach den Obergeschossen. Im ersten Stock find die Wohnung des Direktors, die Büreaus und das Sitzungszimmer des Vorstandes untergebracht. Im zweiten und dritten Stocke liegen die Zimmer für etwa 100 Hospitaliten. Helle, breite Korridore und bequeme Treppen vermitteln den Verkehr. Der Bestimmung des Gebäudes entsprechend, ist die Ausstattung der Jnnenräume und das äußere Aussehen sehr einfach; nur die Synagoge ist reicher ausgestattet. Ein von Säulen getragenes Deckengewölbe und die schöngeschmückte Altarn he machen sie zu einem stimmungsvollen Raume. An dem Aeußeren des Baues find alle Schmuckformen möglichst vermieden. Durch Gruppirung und durch theilweise Verwendung von Fachwerksbau ist eine malerische und reizvolle Gestaltung der Gebäude erreicht worden. Die Badeanstalt befindet fich im Verein mit den Wirthschaftsräumen in einem besonderen, am Hofe liegenden Gebäude, schöne geräumige Höfe mit anschließenden Gartenanlagen vervollständigen den überaus gelungenen Bau, der von den Herren Architekten Hoeniger und Sedelmeier-Berlin entworfen und ausgeführt worden ist. Um 41/2 Uhr Nachmittags versammelte fich in dem hohen, geräumigen Speisesaal des Kurhospitals eine auserlesene Gesellschaft zu einem Festessen, zu dessen Veranstaltung sich ein besonderes Komitee gebildet hatte. Nach Begrüßung der Gäste durch den Vorsitzenden des Hospitalvorstandes,