Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 21 (26.5.1899)
- Date
- 1899-05-26
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
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2 das „Biblische Schulbuch von Tachau, Lheil ll und M", Herr Auerbach» aussprechen. Eine neue Erscheinung könne nur dann als verdienstlich bezeichnet werden, wenn sie gegenüber den bisherigen Erscheinungen einen Fortschritt bedeute. Einen solchen vermöge aber RefereA nicht zu erkennen, da das Werk gegen die Schul- und Hausbibel von Auerbach manches vermissen lasse, was als eigenthümlicher Vorzug dieser zu bezeichnen sei, z. B. die Hinweisung auf Parallelstellen, die Erklärung mancher Ausdrücke. Auch sei die Uebersetzung, die durchaus keine selbstständige sei und sein wolle, an manchen Stellen verfehlt. Darum glaube Referent nicht, daß das Tachau'sche Werk im Stande sein werde, die Auerbach'sche Bibel zu verdrängen. An das sehr eingehende Referat schloß sich keine belangreiche Diskussion. £2 Berlin, 21. Mai. Vor dem Oberverwaltungsgericht gelangte soeben ein Prozeß zur Verhandlung, bei dem der Abgeordnete Werner für eine Firma Thiele gegen den Oberpräsidenten von Hessen- Nassau als Vertreter erschien. Die Firma Thiele hatte von der Polizeiverwaltung in Kassel Plakate, worin die „Judengefahr" behandelt wurde, abstempeln lassen, um den Inhalt der Plakate an den Anschlagsfäulen dem Publikum zur Kenntniß zu bringen. Die Firma Gotthelf, die die Anschlagssäulen in Kassel gepachtet hatte, lehnte es aber ab, das Plakat anzuschlagen, und zwar wegen des antisemitischen Inhalts. Nun besteht aber, wie der Abgeordnete Werner aussührte, zwischen der Firma Gotthelf und der Polizeibehörde ein Vertrag, wonach die Firma Gotthels verpflichtet ist, sämmtliche Plakate anschlagen zu lassen, die von der Polizei abgestempelt worden sind. Die Firma Thiele ersuchte darauf die Polizeibehörde, die Firma Gotthelf zum Anschlag des Plakats zu veranlassen; nachdem die Polizei es abgelehnt hatte, die Firma Gotthelf zum Anschlag der Plakate zu veranlassen, erhob Thiele Beschwerde und zuletzt Klage gegen den Oberpräsidenten beim Oberverwaltungsgericht. Der Abgeordnete Werner erklärte, es handle sich hier um eine Angelegenheit, die für sämmtliche politischen Parteien von großer Wichtigkeit sei; die Censur im Anschlagswesen sei unerträglich. Das Oberverwaltungsgericht bezeichnete aber die Klage als unzulässig, weil die Polizei weder ein Gebot noch ein Verbot erlassen habe. Der Anschlag sei von der Firma Gotthelf verhindert worden. Habe sich die Polizeibehörde geweigert, auf die Firma Gotthelf einen Druck auszuüben, so sei nicht die Klage, sondern lediglich die Beschwerde zulässig. Werner beabsichtigt, beim Minister Beschwerde einzureichen. W. Breslau, 22. Mai. Der Verband zur Erziehung hilfsbedürftiger israelitischer Kinder in Breslau wählte in der stark besuchten, äußerst lebhaft verlaufenen Generalversammlung folgende Herren in den Vorstand: Professor Dr. Badt, Bernhard Cohn, Dr. rmd. Max Freudenthal, Isidor Freund, Max Fuchs, Rechtsanwalt Hirschberg, Theodor Oschinsky, Eugen Schiff, D. N. Schlesinger, Joel Struck, Rabbiner Dr. Münz in Gleiwitz und Paul Altmann. Dem Vorstand wurde ein Antrag zur Erwägung überwiesen, daß in Zukunft ein besoldeter, pädagogisch gebildeter Beamter angestellt werden solle, der mit der Führung der gesummten geschäftlichen Angelegenheiten des Vereins, die bisher im Bertrauensamt verwaltet worden, betraut werden solle. — In der „Akademischen Gesellschaft für jüdische Geschichte und Litteratur" wurden, nachdem den Statuten gemäß zum Schluß des Wintersemesters der Vorstand sein Amt niedergelegt hatte, für das Sommersemester 3899 gewählt: Kand. phil. Wilde zum Vorsitzenden, Stud. jur. Lachmann zun: Schriftführer, Kand. med. Neumann zum Kassenwart. Oppeln, 23. Mai. Pfarrer Skowronnek in Bogutschüh bei Kattowitz, der bekannte polnische Demagoge, hatte in einer Versammlung an seinem Wohnorte einen Ausdruck gebraucht, durch den sich ein Mitglied der jüdischen Gemeinde daselbst, Herr Sally Grabowsky, beleidigt fühlte. Auf sein Ersuchen um Aufklärung erhielt dieser, wie die „Kattowitzer Zeitung" mittheilt, von dem Pfarrer Skowronnek eine Antwort, die den Adressaten charakterifiren soll, unseres Erachtens aber in erster Linie für den Absender, eben den Herrn Pfarrer selbst, bezeichnend ist. Der Brief lautet: „Es dürfte Ihnen nicht unbekannt sein, daß in Ihrem Schanklokale Sobocik und Genossen verkehrten und wahrscheinlich noch verkehren, und daß in Ihrem Lokale von gewohnheitsmäßigen Trinkern viel Schnaps getrunken wird. Von solchen besoffenen Schnapstrinkern wurde einer meiner Herren Kapläne, da er um die Mitternachtszeit zum Kranken gerufen wurde, vor Ihrem Lokale mit Fluchworten traktirt. Daß ich auf ein solches Lokal nicht gut zu sprechen bin, wird jeder Unbefangene begreiflich finden. Ich bitte, mich mit der Redensart: „Deutscher Staatsbürger und echter Patriot" zu verschonen. Sie sind Jude, dessen Hauptbeschäftigung es ist, die Groschen der polnischen Leute in Schnaps umzuwandeln. Ergebenst Skowronnek, Pfarrer." M. Hamburg, 21. Mai. Herr M. W. Hinrichsen, Vorstandsmitglied unserer Gemeinde, und eine namentlich im kommunalen Leben Hamburgs hervorragende Persönlichkeit, feierte seinen 70. Geburtstag. Herr Hinrichsen, in Güstrow geboren, kam in jungen Jahren nach Hamburg, begründete hier ein Kaufmannsgeschäft, im Jahre 1868 wurde er in die Handelskammer gewählt und von dieser als ihr Vertreter in die Bürgerschaft entsandt. Bis zum heutigen Tage hat er ununterbrochen unserer gesetzgebenden Körperschaft angehört. Neben seiner bürgerschaftlichen Thätigkeit wirkt Herr Hinrichsen noch in vielen wichtigen Aemtern, Deputation für Handel und Schifffahrt, Zollbehörde u. s. w. Fast gleichzeitig mit seinem Eintritt in die Bürgerschaft wurde Herr Hinrichsen durch das Vertrauen seiner Mitbürger in den Reichstag entsandt, wo er als Vertreter des ersten Hamburgischen Wahlkreises wirkte, er wurde von dem verstorbenen Fürsten Bismarck stets zu den parlamentarischen Abenden mit einer Einladung beehrt. Der Thatkraft seines Wesens entsprechend, hat Herr Hinrichsen auch auf dem Gebiete der Wohlthätigkeit hervorragend gewirkt. Für seine bedrängten Glaubensbrüder ist er stets mit warmem Herzen eingetreten. Außer vielen Wohlthätigkeits-Jnstitulionen gehört er auch dem Vorstand der Alliance Jsraelite an, besonders erwähnt sei noch seine unermüdliche Thätigkeit im Interesse der vielen unglücklichen russischen Auswanderer, seit langen Jahren ist er auch Mitglied des Vorstandes der Deutsch-Israelitischen Gemeinde. Große Ovationen und Ehrungen wurden dem Jubilar aus allen Kreisen der Bevölkerung dargebracht, schon in früher Morgenstunde erschienen außer den Familienangehörigen und Freunden, Deputationen des Gemeindevorstandes, der Alliance Jsraelite, und anderer Wohlthätigkeitsvereine und überreichten Glückwunschadressen. Ebenso erschien der Vorstand der Bürgerschaft und viele Kollegen aus derselben. Um die Mittagsstunde stellte sich Herr Bürgermeister Versmann ein, um den ihm seit langen Jahren befreundeten Jubilar persönlich zu beglückwünschen. Groß war die Zahl der während des ganzen Tages eingetroffenen Glückswunschtelegramme, Blumenspenden und kostbarer Ehrengeschenke. Ein hoher goldener Pokal, geschmückt mit dem Bilde der Wohlthätigkeit, trug die Inschrift: „Dem hochverdienten Vorsitzenden das Komitee für die russischen Juden in Hamburg." Für jeden der erschienenen Besucher hatte Herr Hinrichsen freundliche Worte und entzückte dieselben durch seine hervorragende geistige Frische. Möge es dem hochgeschätzten Manne vergönnt sein, noch lange Jahre zum Wohle unserer Vaterstadt und unserer Gemeinde zu wirken. A Köln, 10. Mai. Ein schönes Fest war es, das heute in den vor Kurzem geweihten Räumen unserer neuen Synagoge stattfand: die Jubelfeier des hier bereits 50 Jahre sehr segensreich wirkenden Vereins Lemiebot Dalim. Tags vorher hatte derselbe nach dem echt jüdischen Grundsätze: „Nicht das Lernen, nicht die Theorie ist die Hauptsache, sondern die Praxis, die thatsächliche Menschenliebe" eine beträchtliche Summe den hiesigen Armen überwiesen und eine neue Thorarolle der Gemeinde geschenkt. Der Vorsteher der Synagogen-Gemeinde dankte namens derselben für das sinnige Geschenk, die beiden Herren Rabbiner gaben der Festesstimmung in ihren herrlichen Reden Ausdruck; zwei Kantoren sowie ein gemischter Chor, begleitet von den Klängen seines Harmoniums, trugen wesentlich zur Verherrlichung des Gottesdienstes bei. Letztere Reform — bei der Einweihung wirkte das gesammte städtische Orchester mit — haben wir um so freudiger begrüßt, als noch vor Kurzem die Einführung einer Orgel so vielen unnützen Staub aufgewirbelt hat. Wir geben uns der Hoffnung hin, daß vielleicht in maßgebenden Kreisen der Gedanke rege wird, daß ein solches Instrument nicht dazu beiträgt, die Andacht zu beeinträchtigen. Möge es dem obigen Vereine vergönnt sein, noch viele Werke der Menschenliebe zu üben. — Die Leichenfeier resp. Beisetzung des Kardinals- Erzbischofs Kremenz fand heute in großartiger Weise statt und war dazu auch der Gesammtvorstand sowie die Rabbiner Dr. Frank und Rosenthal geladen und erschienen. Daß das Beispiel der Toleranz und der Humanität des verstorbenen Kirchenfürsten auf die Bevölkerung