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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1899-05-12 · Heft 19 (12.5.1899) · p. Seite 228

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
63 (1899)
Issue
Heft 19 (12.5.1899)
Date
1899-05-12
Page
Seite 228 (sequence 12)
Language
German
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.- .... ' : . ■ ■ ■ ■ Vv" :;' ■ ' . ' ' V-" "5 ■ ":';^:'V;: ■"" ' ■ “; ^WWWMW 228 Hochgeehrte Redaktion! as Gedenkblatt an die drei Berliner Rabbinatsassessoren läßt auch mich in dem Buche meiner Erinnerungen nachschlagen und vergegenwärtigt mir erhebende Eindrücke aus meiner Jugendzeit. Die zweite Gattin Reb Chones, Frau Johanna Rosenstein geborene Weyl, war eine Kusine meiner Großmutter und eine Enkelin des berühmten Rabbiners Meier Weyl in Berlin. Als ganz junges Mädchen wurde ich öfter der Ehre und Freude theilhaftig, bei dem verehrungswürdigen Paare gemüthlich weilen zu dürfen, und hatte mich ihres ganz besonderen Wohlwollens zu erfreuen. Namentlich ist mir die Gratulationscour bei den „alten Rosensteins", wie wir sie nannten, am Roschhaschonofeste 1864 in leuchtendster Erinnnrung geblieben. Es war geradezu wie eine Defilircour bei Hofe; in den nicht sehr großen Räumen der traulichen Häuslichkeit des greisen Paares staute sich die große Menge von Gratulanten; der Andrang war schier unheimlich, ein Jeder wollte einen Blick, einen Händedruck erhaschen! Liebe und Verehrung in ausgedehntestem Maße bekundete dieser Neujahrsempfang in der Heidereuter - gaffe in Berlin. Und wie nahm das liebenswürdige greise Paar alle Beweise von Verehrung entgegen? Der freundliche, silbergelockte Mann mit sanftem Lächeln, seine ihn fast um Haupteslänge überragende Gattin, eine stattliche, vornehme Frauenerscheinung in braunseidenem Kleide, schwarzem Spitzentuche und weißer Blondenhaube mit breiten blaßlilaseidenen Bandschleifen, „ganz Fürstin und ganz Weib", huldvoll das noch immer schöne Haupt neigend, so stehen sie greifbar deutlich vor mir. Ein anderes Bild erblicke ich, wenn ich weiter in meinen Er»§- innerungen blättere. Der große Saal der Singakademie, dicht gefüllt, Kopf an Kopf, Männer und Frauen, tout Berlin, alles, was Anspruch macht, zu den Gebildeten zu zählen, die Spitzen der Litteratur, Kunst und Wissenschaft, die Träger großer, stolzer, berühmter Namen, neben strebenden Männern und Frauen aus dem gebildeten Bürgerstande, in einer kleinen Seitenloge König Wilhelm und seine erlauchte Hemahlin, die Tochter Sachsen-Weimars, deren edle Häupter noch nicht die Kaiserkrone schmückte, begleitet von den Palastdamen Gräfin Adelaide von Haake und einem Adjutanten, nicht weit davon das geliebte Krön-- prinzenpaar. Es ist Sonnabend Nachmittag um 5 Uhr; ein kalter, klarer, Wintertag neigt sich zu Ende; ein jugendlich-schlanker Mann, Privatdozent Dr. Rosenstein, betritt die Rednertribüne. Aller Augen richtensich auf ihn, lautlose Stille herrscht, von ihm wenden sich die Blicke seinem greisen Vater zu, neben dem ich sitze, hier und da murmelt man * „Dies ist sein Vater!" Es war gewiß der stolzeste, glücklichste Moment im Leben Reb Chones, als sein geliebter, hochbegabter, geist-, und gemüth- . voller Sohn im Saale der Singakademie in Berlin über „Mystizismus und Aberglauben in der Medizin" sprach und reichsten, wohlverdienten Erfolg davontrug! „Schafft Euch Erinnerungen!" ruft Franz Liszt! Ich war in Berlin, als man den gefeierten Kanzelredner Michael Sachs zur letzten Ruhestätte geleitete, — seine letzte Predigt habe ich noch gehört; — ich war auch unmittelbare Zeugin jener unverwelklichen Lorbeeren, welche unser unvergeßlicher Joel an Michael Sachs Bahre errang! Breslau, im April. R. N. * dj* n der vom 7. August 1877 datirten Nummer 82 des 41. Jahrgangs dieser Zeitung befindet sich ein „Eine litterarische Frage" über- * schriebener Aussatz, in welchem ich nach-uweisen versucht, daß schon aus pädagogischen Gründen der in Rückerts Gedicht: „Vom Bäumlein, das andere Blätter hat gewollt" enthaltene Vers: „Da ging ein Jude durch den Wald mit großem Sack und großem Bart" derart abgeändert werden müsse, daß für „der Jude": „der Bettler" oder „der Räuber" gesetzt werde, oder aber, daß das ganze, an sich sonst sehr hübsche Gedicht in Schullesebücher gar nicht mehr aufzunehmen sei. Einige Zeit darauf — in Nummer 46 des vorgenannten Jahrgangs — meldet, an die von mir gegebene Anregung anknüpfend, eine von * Herrn Oberlehrer Sal. Blume aus Neu- Verbasz eingesandte Zuschrift, daß in dem vom ungarischen Kultus- und Unterrichtsministerium preisgekrönten, in unzähligen Exemplaren verbreiteten ungarischen und deutschen Lesebuche für die dritte Klasse der Volksschulen der gerügte Ausdruck des Rückert'schen Gedichtes im Deutschen mit „Bettler", im Ungarischen mit „vänäor" (Wanderer) wiedergegeben ist. Eine gleiche oder ähnliche Abänderung der in Rede stehenden Strophe habe ich seitdem in manchen Lesebüchern wahrgenommen; in dem an den hiesigen höheren Lehranstalten eingeführten, von dem früheren Bonner Gymnastaldirektor Herrn Provinzial-Schulrath Dr. Bllschmann herausgegebenen Lesebuche lautet der betreffende Vers: „Und als es Abend war, da ging ein Mann durch den Wald". Daß Friedrich Rückert, der gedankenreiche Meister der Sprache, dem die goldenen Früchte des Dichterruhms aus den Blüthen der orientalischen Poesie erwuchsen, nun einen Juden als den Plünderer der „goldenen Blätter" und Hab- oder gar Raubsucht nur unter dem von ihm gewählten Bilde darzustellen wußte, läßt mindestens erkennen, daß selbst große Geister sich nicht so leicht von Vorurtheilen frei zu machen vermögen. Bonn, 1. Mai 1899. Rabb'.ner Dr. Cohn. Sehr geehrter Herr Redakteur! err Rabbiner Dr. Friedmann-Lublinitz hat im Sprechfaul der Nr. 17 Ihres geschätzten Blattes die Leser auf eine „antifcmitischtendenziöse Fälschung" einer Stelle des Rückert'schen Gedichtes: „Vom Bäumlein, das andere Blätter hat gewollt" hingewiescn und hierbei dem Herausgeber des „Ferdinand Hirt'schen Lesebuches" den Vorwurf „antisemitischer Gehässigkeit" gemacht. Ein Akt der Billigkeit ist es, darauf hinzuweisen, daß die betreffende Stelle im Original folgendermaßen lautet: „Aber wie es Abend ward, ging der Jude durch den Wald". Lobend anzuerkennen ist es, wenn in mehreren Lesebüchern das Wort „Jude" durch „Wanderer" bezw. „der Räuber" vertauscht worden ist, und auch in Ferdinand Hirts Lesebuch, Ausgabe C. für konfessionell gemischte Schulen, Theil HI, Breslau 1699, Seite 35, ist „Jude" durch „Wanderer" ersetzt. Es ist richtig, daß in dem genannten Lesebuche eine ganze Anzahl Stücke „konfessionellen Inhalts" Aufnahme gefunden hat. Doch trifft dieser Vorwurf die meisten unserer Lesebücher. Leider giebt es fast gar keine Auswahl geeigneter Lesebücher für jüdische Schulen, so daß der Lehrer bei der Frage einer Einführung guter Lesewerke oft rathlos dasteht Schon viel ist über die jüdische Lesebuchfrage gesprochen und geschrieben worden, ohne bis jetzt ein Resultat gezeitigt zu haben. Hoffen wir, daß der „Verband jüdischer Lehrervereine" bald Zeit gewinnen wird, sich auch dieser Frage zuzuwenden und sie glücklich zu lösen. — Eine schwere Aufgabe, aber des Schweißes der Edlen werth. Ganz ergebenst Miloslaw, 1. Mai. Lehrer David Brzezinski. * Geehrter Herr Redakteur! (Ä^och ein Wort zu meiner letzten Aeußerung! Es wird mir nämlich As' von einem Kollegen mitgetheilt, daß in Ferd. Hirts Ausgabe E. (für zweisprachige Schulen mit einfachen Schulverhältnissen, IV. Theil, Breslau 1899. Ausg. für die Provinz Posen) S. 85 das Rückert'sche Gedicht mit der Lesart „ein Wanderer" steht. Derselbe Verlag (vielleicht auch derselbe Herausgeber?) hat also für verschiedene Gegenden und Kreise eine verschiedene Lesart für richlig gehalten. Da möchte ich doch fragen: Ist es denn überhaupt nothwendig, jenes Gedicht in Schulbüchern wiederzugeben? Hochachtend Lublinitz, 5. Mai. Rabbiner Dr. Fried mann. Briefkasten der tied aktiv«. L. F.: Sowohl die beiden Betrachtungen zum Passahfeste wie die diesmalige zum Wochenfeste sind aus dem Nachlasse unseres unvergeßlichen treuen Mitarbeiters Dr. Rippner s. A. A. H.: Das Wort G'seros ist rein hebräisch. rTTtt heißt Verhängnis Das Wort leienen rührt wohl von den epischen Liedern, Lais, der Troubadourpoesie her. Dem Stamm lei-singen wurden später die deutschen Endungen en und nen angefügt. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für dre Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.

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