Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1899-05-12 · Heft 19 (12.5.1899) · p. Seite 227

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
63 (1899)
Issue
Heft 19 (12.5.1899)
Date
1899-05-12
Page
Seite 227 (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3228311-3228331--55479-3291688
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

227 Zeit das Ehrenamt in der Alte» Synagoge geübt haben. Die Söhne der : oben Angeführten, wie z. B. Komnierzienrath Jacob Israel, Justizrath Meyer, Geheimrath Marcuse, besuchten als Knaben auch häufig dieses Gotteshaus in Begleitung ihrer Väter. Nach und nach segneten die Besucher aber das Zeitliche, viele starben, andere verzogen vom Centrum nach dem Westen, immer mehr und mehr verlor diese alte, würdige Stätte ihren Glanz. Als nun auch das Haus von den Erben verkauft wurde, siedelte die Synagoge nach der Klosterstraße 41 über und wurde bei dieser Gelegenheit von dem sel. Dr. Michael Sachs feierlich eingeweiht. Allein die Glanzzeit war vorüber, immer niehr und mehr verkümmerte sie, und als auch dieses Haus seinen Besitzer wechselte, ging sie gänzlich ein. Ihre Utensilien, als eine große Anzahl Thorarollen u. s. w., erhielt zum größten Theil die Alte Synagoge, ihr Silberzeug die Synagoge Beneh-Berith, Grüner Weg, der sie jedoch leider durch Diebstahl entwendet wurden. Auch noch zwei andere Synagogen im Centrum will ich erwähnen. Zunächst die Liebermann'sche (von Komnierzienrath Liebermann gestiftet), die bis April v. I. unter Leitung der Herren Rosenthal und Marcus fortgeführt wurde und dem Neubau der Firma N. Israel zum Opfer fiel. Die zweite, die sogenannte Marcus'sche Schul', war bis Ende der fünfziger Jahre im Körnerschen Hause, Spandauerstraße, das heute ebenfaüs zum Jsrael'schen Waarenhause gehört. Um dahin zu gelangen, mußte man erst durch einen Materialladen wandern, über einen dunklen Flur und einen langen Hof, der voller Heringstonnen stand, die einen eigenen Geruch ausströmten, eine Treppe emporsteigen und gelangte endlich zur Synagoge. Auch diese wurde von vielen eingeborenen Berlinern besucht; Kaufmann Bendix, Lederhändler Goldschmidt (Vater der Herren Wilhelm und Oscar Goldschmidt), Miete Bamberger (Vater der Herren Jacob und Louis Bamberger) waren die ständigen Besucher. Der Vorsteher war s. Z. Samuel Schlesinger, ein würdiger alter Junggeselle, von dem im Gedächtniß der Söhne der damaligen Besucher viele geflügelten Worte haften. Diese Synagoge existirt noch heute unter der Leitung von Oscar Goldschmidt. Nachdem sie verschiedene Stätten hatte, ist sie heute in der Straße Hinter der Stadtbahn, am Hacke'schen Markt, und hat durch die Umsicht und Fürsorge ihres zeitigen Vorstehers neue Lebenskraft gewonnen. Hermann Ury. * Die Reminiscenzen aus „Alt-Berlin" haben auch bei mir Jugenderinnerungen gleicher Art wachgerufen, die vielleicht nicht minder als jene von Interesse sein dürften. Schon vor meiner Barmizwah-Feier hierher in die (eben von Dr. S. Stern übernommene, nach ihm von A. Horwitz dirigirte) Jost'sche Lehr- und Erziehungsanstalt ausgenommen/ war ich bei meinem ersten Besuch in der jetzigen alten (damals einzigen) Gemeindesynagoge nicht wenig erstaunt, als ich bei Oeffnung des Aron Hakkodesch Rabbi Jakob Joseph (Oettinger) und Rabbi Chone (Elchanan Rosenstein) mit hohen Dreimastern bedeckt vor denselben treten und bann die Thora dis zum Almemor begleiten sah. In späteren Jahren habe ich dieselben bisweilen besucht, auch bei dem ' Letzteren sowie dem derzeitigen Dritten im Rabbinatskollegium (Rabbi Raphael) eine Zeit lang Talmud studirt und Rosenstein noch kurz vor seinem Ableben (1869) in einer Streitsache konsultirt, so daß ich mich seines leutseligen Wesens noch lebhaft entsinne. Während nun die Genannten ihres Amtes noch in altpatriarchalischem Stile walteten, kam mit dem Eintritt des Dr. M. Sachs in das Rabbinat (1844.) ein neues Element in das Berliner Gemeindewesen, durch die wie ich glaube, an jeglichem zweiten Sabbath gehaltene Predigt, in welcher der ob seiner tief durchdachten, in hochpoetischer Sprache vorgetragenen Reden bald äußerst beliebt gewordene Prediger vor allem Gelegenheit fand, in heftige Opposition zu der eben begründeten Reformgenossenschaft zu treten, was deren Fortbestand zwar nicht hinderte, ihrer weiteren Ausbreitung jedoch wohl Schranken setzte. Von seinen Predigten ist mir u. a. besonders eine unvergeßlich geblieben, in der er im Anschluß an Nahum I, 2. die Frage aufwarf, warum der Ewige ein eifervoller und rächender Gott genannt werde, da ihn uns doch Moseh, Propheten und Hagiographen allesammt als Gnädigen und Barmherzigen, Langmüthigen, von unendlicher Huld und Treue verehren lehrten, und der Prophet selbst den nächsten Vers (3) mit „der Ewige, langmüthig" rc. beginnt. Seine Antwort darauf lautete (5. B. M. 32, 35): „Mein ist Rache und Vergeltung, Dir, Mensch! kömmt es nicht zu, Rache zu üben, denn droben ist ein „Richter der ganzen Welt", der in seiner Hand die Waage der Gerechtigkeit hält (Jerem. 32, 19), erhaben im Rathschluß und allmächtig im Wirken, dessen Augen geöffnet sind auf alle Wege der Menschenkinder, einem Jeden zu vergelten nach seinem Wandel und der Frucht seiner Handlungen"; so du also gegen deinen Nächsten etwas auf dem Herzen hast (3. B. M. 19, 17 und 18), hege keinen Haß und Groll, übe keine Rache gegen ihn, du greifst damit in des Höchsten Richteramt ein, ihm überlasse es darum allein, (ein Recht zu führen und zu wahren (Ps. 34, 15), suche den Frieden und jage ihm nach, und du wirst in Sicherheit geborgen, nicht mit Schuld belastet sein. So angesehen erscheint der „Gott der Rache", den unsere Widersacher uns gern zum Vorwurf machen, in Wahrheit als „Gott der Gerechtigkeit und Liebe", der zwar die Schuld nicht ungeahndet läßt, aber in seiner Langmuth mit der Strafe lange wartet und das Gute bis ins tausendste Geschlecht vergilt 2. B. M. 20. 5 f., 34, 6 f. 5. B. M. 5. 9 f. 7. 9). - Dr. Sachs fuugirte hier ca. 20 Jahre, indem er schon in den 50er Lebensjahren in der Nacht vom 3l. Januar zum 1. Februar 1864 (23/24. Sch'wat 5624) die Augen für immer schloß. Es folgte ihm noch in derselben Woche sein intimer Freund Dr. Moritz Veit, mit dem vereint er die „Stimmen vom Jordan" edirt, und der ihm noch das letzte Geleit gegeben. Beiden hielt Dr. Joel aus Breslau die Leichenrede, was er kurz darauf auch bei Meyerbeer that. Jnfolgedeffen sollte er hierher kommen, wurde jedoch von seiner Gemeinde dort zu verbleiben veranlaßt. Dr. M. Stern. Sprechfaal. s soll jüngst wiederum der bedauernswerthe Fall vorgekommen sein daß ein Mann, der keine der bestehenden theologischen Lehranstalten in Deutschland besucht hat, von einem einzelnen Rabbiner durch die Ertheilung einer für ein rabbinisches Amt als qualifizirt erklärt worden ist. Dem gegenüber erlaube ich mir, den deutschen Gemeinden die diesbezügliche Resolution l) des Rabbinerverbandes in Deutschland in Erinnerung zu bringen. „Der Rabbinerverband erklärt es als unstatthaft, daß außer den für den Rabbinatsberuf vorbereitenden Lehranstalten . . . seitens einzelner Rabbiner Autorisationen ertheilt werden." Berlin, 7. Mai 1899. Für den geschäftsführenden Vorstand des Rabbiner-Verbandes in Deutschland. Dr. S. Maybaum. l) Vergleiche Verhandlungen und Beschlüsse re. Berlin 1998, S. 70.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.