Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 16 (21.4.1899)
- Date
- 1899-04-21
- Page
- Seite 187 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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187 Berufung nach New-Aork sich zu sehr angegriffen fühlte, um die Arbeit leisten zu können. Statt seiner traten die zur Führung der Debatte bestimmten Herren Dr. Berkowitz aus Philadelphia und Dr. Sale aus St. Louis als Redner über den Zionismus auf. Die Komiteeberichte, welche sonst die Geschästsordunng der Rabbinerversammlungen füllen, waren meistens kurz und formell. Der Bericht des Schatzmeisters, Dr. Hecht aus Milwaukee, weist ein Vermögen von nahezu 6000 Dollars auf, von dem über 3000 Dollars dem Fonds für dienstunfähig gewordene Geistliche augehören. Ich halte es für meine Pflicht, hier zu bemerken, daß man sich durchaus keine goldenen Vorstellungen von den Verhältmssen der Rabbiner in Amerika machen möge. Die „Sitze für Gotteslehre und Gottesdienst" wackeln bedenklich, ganz besonders unter Ausländern. Manchem Samuel wird gesagt, daß er den moderne» Ansprüchen nicht mehr genüge, wenn er auch auf eine lange, vorwurfsfreie Amtszeit zurückblicken kann. Die Zeiten, wo man einen Samuel Adler, Samuel Hirsch, David Einhorn, Jastrow, Hübsch und Kohut herüberberief, sind gerade so definitiv vorüber wie die Zeit, da man Jakob Jehoschua aus Lemberg nach Berlin oder Ezechiel Landau aus Jamboli nach Prag berufen hat. Man vergesse nicht, daß diese allen Einwanderern feindselige Stimmung heutzutage als echt anierikanisch gilt und weite Kreise ergriffen hat. Wie weit sie reicht, kann man am besten aus dem kürzlich erschienenen Buche eines irisch-amerikanischen Priesters Namens Mc. Grady sehen, der in dem benachbarten Bellevue auf dem Staatsgebiet von Kentucky seine Pfarrei hat. In diesem Buch spricht er von ausländischen Geistlichen, die herüberkommen, weil sie zu Hause im besten Falle auf eine Stadtpfarre hoffen könnten, während sie hier mit nichts Geringerem als einer Diözese vorlieb nehmen. Diese Worte sind auf den Diözesanbischof Maes von Covington, einen geborenen Belgier, gemünzt, und das schreibt ein katholischer Priester in einem Vorort der Bischofsstadt! Ich habe mich mit dieser Ausführung unterbrochen, weil neulich wieder der bekannte talentirte Bachur, der sich in kürzester Zeit die Gymnasialfächer auf autodidaktischem Wege angeeignet hat, sich an mich um Auskunft nach der größten Diözese, deren Berufung er Gehör schenken dürste, gewendet hat, trotzdem er angeblich meine „so ausgezeichneten und instruktiven" Artikel in diesem Blatte gelesen hat. Der Fonds zur Unterstützung dienstunfähig gewordener Rabbiner reicht nicht im Entferntesten zur Befriedigung der gerechtesten Wünsche hin. Der Bericht des litterarischen Ausschusses, an deffen Spitze Herr Rabbiner Dr. Josef Stolz aus Chicago steht, konstatirte einen erfreulichen Fortschritt in der Verwendung des von der Rabbiner- Konferenz herausgegebenen Gebetbuches, welches jetzt in 133 Gemeinden eingefnhrt ist. Hingegen ist die wiederholt versuchte Herausgabe eines Gesangbuches noch nicht zur Durchführung gelangt. Die Botschaft des Präsidenten enthält die dankenswerthe, aber noch lange nicht spruchreife Anregung, ein Schiedsgericht für Zwistigkeiten zwischen Rabbiner und Gemeinde zu schaffen, und eine Empfehlung zur Herausgabe von Traktaten, was bei der Versammlung allgemeinen Beifall fand. Somit wäre das Geschäftliche der Konferenz erledigt, und wir dürfen an die Schilderung der großartigen Festlichkeiten gehen. Dieselben begannen am Sonntag (12. März) Abend mit einem von den Schülern des Hebrew Union College gegebenen Banket. Am Dienstag (3. Niffan) hielt der Rabbinerverband eine Sitzung, bei welcher Herr Dr. Adolf Moses aus Louisville die Festrede hielt, eine Reihe von Ansprachen mit Ueberreichung von Geschenken folgte. Die Rabbinerkonferenz schenkte ihrem Präsidenten einen aus Elfenbein gefertigten, mit Gold verzierten Präsidentenhammer, wie er hier statt der Glocke üblich ist. Unter den Adreflen ragte eine von Detroit, Michigan, gesandte, in Form einer Thorarolle angefertigte, ganz besonders hervor. Ein Verehrer, Herr Aron aus Pittsburg, sandte einen Beitrag von tausend Dollars zum Fonds des College. Die Beschreibung sonstiger Kostbarkeiten muß ich mir und den Lesern erlaflen. Nur eine Ansprache muß ich als besonders interessant erwähnen, cs war die des Methodistenpredigers Robinson, der im Austrage des Verbandes der Methodistengemeinden Cincinnatis Glückwünsche überbrachte. Nachdem am Mittag ein Festessen den Jubilar und die Mitglieder der Konferenz vereinigt hatte, fand am Abend ein Festgottesdienst in dem Tempel der Gemeinde Bene Jeschurun statt, welcher der Jubilar seit sünfundvierzig Jahren vorsteht. Der Gottesdienst währte drei Stunden, und auch hier wurden Geschenke mit Ansprachen überreicht. Die Gemeinde stiftete eine Büste, deren Ausführung dem berühmten Künstler Sir Moses Ezekiel übertragen wurde. Sir Moses Ezekiel, der seit Jahren in Rom lebt, wird zu diesem Zwecke eigens nach Cincinnati kommen, wo er übrigens kein allzu seltener Gast ist, da sein im 87. Lebensjahre stehender Vater und mehrere seiner Geschwister in dieser Stadt ansässig sind. Die Religionsschule der Gemeinde stiftete ein prachtvolles Sepher Thora mit einer kunstvoll gearbeiteten Lade, und außerdem sandten verschiedene Gemeinden Geschenke in Silber und die großartigsten Blumenstücke. Am Mittwoch Abend gaben die jüdischen Bürger Cincinnatis ein Banket zu Ehren der Festgäste, das alle Anwesenden bis nach Mitternacht zusammenhielt. Am Donnerstag präsidirte der Jubilar wie gewöhnlich bei der Rabbinerversammlung und hielt am Nachmittag den landesüblichen Empfang, bei dem Jedermann das Recht hat, many happi returns zu wünschen und sein thank you einzuheimsen, und an demselben Abend reiste er nach Chicago, um den neuen Jesaiah-Tempel einzuweihen, was eine weitere anstrengende geistige und gesellschaftliche Inanspruchnahme während der folgenden drei Tage bedeutete, um am darauffolgenden Montag wieder mit gewohnter Ruhe sich auf seinem Posten einzufinden. Aus dieser Schilderung von der Thätigkeit eines achtzigjährigen Greises kann auch der uneingeweihte Leser erkennen, daß Dr. Wise eine ungewöhnliche Persönlichkeit ist, der es sich selber verdankt, daß er ohne Zweifel der populärste Mann im amerikanischen Judenthum ist. In der Festwoche haben sich zahlreiche Redner darum bemüht, das Geheimniß zu entdecken, welchem der Jubilar seinen in der neueren Religionsgeschichte einzig dastehenden Erfolg verdankt. Wir wollen diese Konjekturen nicht um eine neue vermehren, sondern Hinweisen, daß er neben hervorragenden Geistes- und trefflichen Herzenseigenschaften die bei uns Juden seltenen staatsmännischen Eigenschaften besitzt, welche zu einem organisatorischen Wirken nothwendig sind. Jsaac Meyer Weiß wurde ain 3. Nissan 5379 (29. März 1819) in dem Dorfe Steingrub, Bezirk Eger, in Böhmen als Sohn des dortigen Gemeindebeamten geboren. Nach einer an Entbehrungen reichen Jugend, in der er mühsam durch Unterrichtertheilen sein Fortkommen fand, mitunter auch seine Studien auf längere Zeit unterbrechen mußte, erhielt er im Jahre 1853 seine erste Predigerstelle in Radnitz in Böhmen. Das vormärzliche Oesterreich wurde aber dem strebsamen jungen Mann zu enge, und so entschloß er sich im Jahre 1846, nach Amerika auszuwandern. Im Juli 1846 landete er mit seiner Gattin und einem Kinde in New-Iork und wurde einige Wochen später nach Albany im Staate New-Uork als Prediger berufen. Mit dem ihm eigenen organisatorischen Talente erkannte er bald die Richtung, welche das religiöse Leben des Landes nehmen werde, und wurde litterarisch ein Vorkämpfer der Reform. Wie