Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 16 (21.4.1899)
- Date
- 1899-04-21
- Page
- Seite 188 (sequence 8)
- Language
- German
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- 188 - richtig er die Verhältnisse beurtheilte, davon zeugt folgende, von ihm selbst überlieferte Anekdote. Nach einem Vortrage, den er in New-Aork gehalten hatte, .sagte ihm der dortige Prediger Raphalt: Sie sind ein junger Mann, der eine glänzende Zukunft vor sich hat, aber Sie halten zu einer aussichtslosen Sache. Raphall lebte lange genug, um an seiner eigenen Lebensgeschichte zu erfahren, wie sehr er geirrt habe. So leicht, wie sich das heute aus der rückblickenden Prophetie erkennen läßt, war es vor fünfzig Jahren nicht, zu wissen, welcher Partei der Sieg zufallen würde. Dr. Wise war nach vierjähriger Amtsthätigkeit in Albany nach Charleston in Süd-Karolina berufen worden, wo er sich 1842, durch das in London gegebene Beispiel angeregt, aus Sephardim eine Reformgemeinde gebildet hatte. Er lehnte ab, weil er in Albany ein günstigeres Feld erhoffte. Doch er hatte sich getäuscht. Am ersten Neujahrstage kam es in der Synagoge zu Thätlichkeiten, und Dr. Wise wurde gewaltsam von der Kanzel entfernt. Die Synagoge wurde durch die Polizei gesperrt, und am zweiten Neujahrstage versammelte Dr. Wise einen kleinen Bruchtheil der Gemeinde in seinem Hause zum Gebete. Nach und nach bildete sich aus der Minorität eine neue Gemeinde, der Dr. Wise Vorstand, bis er im Jahre 1854 nach Cincinnati berufen wurde. Dort ergab sich für ihn ein Arbeitsfeld, wie er es sich gewünscht hatte. Er gründete den „American Jsraelite" und im darauffolgenden Jahre die „Deborah", die. gegenwärtig die ältesten jüdischen Zeitungen Amerikas, beide noch unter seiner Leitung bestehen. Er schreibt für beide noch allwöchentlich seine Leitartikel, ohne sich eines Stenographen zu bedienen. Wie er die Richtung der Zeit nach der Seite der Reform hin erkannte, so wußte er auch die Neigung der Juden zur englischen Sprache zu würdigen. Während die gelehrten deutschen Theologen, die in den fünfziger Jahren die hervorragenden jüdischen Kanzeln Amerikas versahen, an der deutschen Sprache festhielten, hatte Wise schon durch Annahme der englischen Orthographie seines Namens seine Bestrebungen an den Tag gelegt, die auf der Erkenntniß fußten, daß die im Lande geborene und erzogene Generation das Deutsche als eine fremde Sprache behandeln würde. Durch seine Beherrschung der englischen Sprache wurde Wise ein populärer Prediger und Redner, der bei Synagogeneinweihungen und ähnlichen öffentlichen Repräsentationen des Judenthums nach allen Theilen des Landes berufen wurde. Seine litterarische Thätigkeit war ebenfalls von der Erkenntniß des Bedürfnisses geleitet. Er schrieb eine Geschichte des Judenthums vom babylonischen Exil bis zum Untergang des zweiten Tempels, einen jüdischen Katechismus, eine apostolische Schrift zur Vertheidigung des Gottesglaubens, The cosmic God, eine Vertheidigung des Judenthums gegenüber dem Christenthum und endlich eine biblische Einleitung, die ganz im Sinne der striktesten Traditionsgläubigkeit gehalten ist. Alle diese Werke waren das Resultat der Mußestunden eines Mannes, der zwei wöchentliche Zeitungen redigirte, einer großen Gemeinde Vorstand und die schwierigen Pflichten zu erfüllen hatte, welche das öffentliche Leben dem amerikanischen Seelsorger auferlegt. Von jeher nahm Dr. Wise an den Versuchen, eine Gesammtorganisation des Judenthums in Amerika zu schaffen, lebhaften Antheil. Auf einer zu Cleveland, 1855, gehaltenen Versammlung fügte er sich einem Kompromiffe, welcher der Orthodoxie das Zugeständniß machte, daß der Talmud die richtige Fortbildung und Erklärung des biblischen JudenthumS sei. Auf der 1869 in Philadelphia gehaltenen Versammlung stimmte er den Vorschlägen bei, das rabbinische Ehescheidungsgesetz für aufgehoben zu erklären, und stellte den weitgehenden Antrag, Proselyten ohne Beschneidung zuzulassen, den er jedoch unter dem Druck dex öffentlichen Meinung desavouirte, um ihn 1892 auf der Rabbinerkonferenz in New-Dork aufzunehmen. Diese ruhige Beharrlichkeit im Warten charakterisirt seine staatsmännischen Eigenschaften. Verspottet, vcrlaffen und bekämpft ging er seiner Lieblingsidee, der Gründung eines nationalen Jüdischen Verbandes, nach, bis es ihm gelang, durch seine persönlichen Verehrer die Union of American Hebrew Congregations 1873 zu gründen, welcher zwei Jahre später daS Hebrew Union Gollege, das erste amerikanische Rabbinerseminar, folgte, welches sich eine unbestrittene nationale Reputation erobert hat und in der Geschichte des Gesammtjudenthums einen dauernden Platz einuehmen wird. Ebenso ist es ihm gelungen, durch Schaffung der Gentrat Conference of American Rabbis (1889) einen Rabbinerverband ins Leben zu rufen, der, nach allen Anzeichen zu schließen, bestimmt ist, den Kern zu der seit Jahrhunderten vergeblich angestrebten Verfaffung des jüdischen Kirchenwesens abzugeben. Trotz dieses an Thaten und Erfolgen reichen Lebens denkt Dr. Wise durchaus nicht an Muße. Er stellte den Antrag, daß die Rabbinerversammlung alljährlich am 1. Nissan in Cincinnati tage- Mit aufrichtiger Selbstbefriedigung darf er sich sagen, daß an ihm der Spruch in Erfüllung gegangen ist: Wenn der Herr Wohlgefallen findet an den Wegen eines Mannes, versöhnt er auch seine Feinde mit ihm. Sein unerschütterlicher Optimismus, der ihn aus der Schullehrerswohnung des armseligen böhmischen Dorfes auf die Höhe geführt hat, die ihm zu erreichen gegönnt war, ist bei Anerkennung alles dessen, was äußere Umstände für ihn gethan haben, sein eigenes Verdienst, das Verdienst seines Festhaltens an Goethes Worten: Und dem unbedingten Triebe Folget Freude, folget Rath, Und dein Streben, sei's in Liebe, Und dein Leben sei die That. r-ÄKk Aus den Memoiren eines jüdischen Kaufmanns. gütigen Leser erinnern sich vielleicht noch des braven Mannes aus Treuenbrietzen, der auf so wunderbare Weise nach Stockholm gekommen war und trotz seines „Kann nit verstau" die Freiheiten und Privilegien, als Jude dort zu wohnen, erhalten hat. Die Schicksale dieses vortrefflichen Mannes in der zweiten Hälfte seines Lebens will ich nun heute nach seiner „Sjelfbiografi" (Stockholm 1898) kurz zusammenstellen. Aron Jsak war ein guter Jude. Kaum hatte er das Wohnrecht, so dachte er auch schon an die Erfüllung religiöser Bedürfnisse. Er ging wieder zum Oberstatthalter und hielt folgende Rede an diesen: „Sie wissen, Ihre Exzellenz, wir haben kein Nachtmahl, wir haben aber das Versöhnungsfest, daß wir hoffen durch die Buße unserer Sünd' Vergebung, das kann aber nicht geschehen, wenn wir nicht elf bis zwölf Mannspersonen haben, auch eine Synagoge, auch Platz zu Begräbniß." Dem Oberstatthalter schienen diese Gebräuche zu gefallen und er gab ihm die Erlaubniß, eine Synagoge zu bauen, zehn Glaubensgenossen bei sich anfzunehmen, und außerdem erhielt er vom Magistrat einen Platz für einen Friedhof. Daun schrieb er nach Hamburg an einen guten Freund, und bald darauf kamen aus Mecklenburg einige Juden angereist. Verwandte und Freunde Aber auch mancherlei böse Gesellen. Landstreicher und Betrüger. Da nun Aron Jsak für die Juden, die sich in Stockholm aufhielten, ver-