Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 15 (14.4.1899)
- Date
- 1899-04-14
- Page
- Seite 180 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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— 180 - Aus dem alten Berlin. Von David Hirschfeld. i. Die alte Gabbete. enn wir ein gewisses Alter erreicht haben, vielleicht das siebenzigste Lebensjahr, und Rückschau halten auf das, was wir erlebt und erstrebt haben, so treten in unserer Erinnerung liebe, freundliche Gestalten auf, die uns im Leben nahe gestanden und deren Andenken wir hoch in Ehren halten. Eine solche liebe Gestalt war die alte Gabbete Rüben Meyer, meine Urgroßmutter. — In der Jüdenstraße 4, wo sich jetzt das mächtige Rathhaus erhebt, stand ihr kleines, unscheinbares Haus. Eine wackelige alte Treppe führte zum ersten Stock, wo sie wohnte und jederzeit bereit war, mit Rath und That einzutreten, wenn man ihre Hilfe i» Anspruch nahm. Und man nahm sie viel in Anspruch. Heute bei einem Wochenbett, wo es darauf ankam, die Wöchnerin zu pflegen unb dem neugeborenen Erdenbürger das erste Bettchen zu bereiten, morgen bei einem Sterbenden das letzte Ruhekisien zurechtzu legen. In einem Hinterzimmer hatte sie eine kleine Synagoge mit einer Abtheilung für die Frauenschul. Viel mehr als die 10 Mann zum Minjan gingen nicht hinein, und wie schwer war es, diese 10 Mann zusammenzubringen; wie oft preßte sie die Vorübergehenden, ihre Schul zu besuchen, und wie oft kam es zu komischen Mißverständnissen, wenn sie einen jüdisch aussehenden Christen zum Schulbesuche aufforderte. Um der alten Frau eine Freude zu bereiten, wurde ich in dieser Schule Barmitzwo, und sie war recht stolz darauf, daß sich ihr Urenkel sogar dazu aufgeschwungeu hatte, Maftir zu sagen. Aber der Glanz und der Sammelpunkt der Familie waren die I o m t o w - A b e u d e. Im weißen Kleide auf dem Sopha sitzend, empfing sie die Besuche ihrer zahlreichen Familie. Zu ihrer Zeit waren die Bellevue-, Victoria- und Thiergartenstraße noch eine unentdeckte Welt. Die Juden des alten Berlin wohnten im Centrum der Stadt, in der Gegend der alten Synagoge, und da man damals noch häufiger „in Schul" ging als heutzutage, so versäumte man auch nie, nach dem Gottesdienst zu Großmutter Rüben Meyer nach der Jüdenstraße zu wandern und ihr Gut Jonüow zu wünschen. Ja, diese Jomtow-Abende übten einen solchen Reiz auf die Mitglieder der Familie, daß selbst die christliche Frau eines Enkels niemals fehlte und mit einem freundlichen „Gut Jomtow, Großmutter!" sich den übrigen Familienmitgliedern auschloß. Vorbei, vorbei, ihr freundlichen Gestalten, Vorbei, vorbei, ich kann euch doch nicht halten. Vorbei, vorbei, der schöne Traum zerstiebt. Gesicht und seine behäbige Figur erinnerten an den Klosterbruder in Lesstngs „Nathan der Weise", dessen milde, tolerante Gesinnung er auch theilte. Ich entsinne mich noch einer Entscheidung, die er traf, und die großes Aufsehen in der Gemeinde machte. Der Rabbiner der Reformgemeinde Dr. Holdheim war gestorben, und es handelte sich daruni, ob er in der Rabbinerreihe beerdigt werden sollte. Viele waren dagegen. Oettinger aber sagte: Holdheim war Rabbiner und hatte die Morenu erhalten, folglich gehört er in die Rabbinerreihe. Für das, was er hier auf Erden gelehrt, ist er nur Gott allein verantwortlich. „Tommer hatte er Recht, und wir haben Unrecht." Oettinger hat noch das seltene Fest seiner goldenen Hochzeit erlebt, das die Gemeinde feierlich beging. Er trat selten in die Oeffentlichkeit, und sein Wirkungskreis beschränkte sich auf dm Cheder und die Schul. War nun Oettinger ein Stubengelehrter, so war Rosenstein mehr Weltmann. Ich sehe ihn noch vor mir, eine mittelgroße Gestalt mit dem feingeschnittenen Kopfe, den stets ein großer runder Hut niit breiter Krempe bedeckte, ein Rock mit breiten Sammetaufschlägen vervollständigte seinen Anzug. Ein liebenswürdiges verbindliches Lächeln hatte er für Jeden bereit. König Friedrich Wilhelm IV. ehrte ihn durch den Rothen Adlerorden vierter Klaffe in der vom König selbst erfundenen jüdischen Ausgabe und lud ihn zum Ordensfeste ein, wo man für ihn ein koscheres Couvert beim jüdischen Restaurateur Frank bestellt hatte. Rosenstein traf einmal im Omnibus mit seinem Antipoden Dr. Holdheim von der Reformgemeinde zusammen. Holdheim, der Rosenstein kannte, eröffnete die Unterhaltung und entwickelte dabei so viel jüdisches Wissen, daß Rosenstein ganz begeistert um seinen Namen bat, worauf Holdheim erwiederte: „Joseph erkannte seine Brüder, aber sie erkannten ihn nicht." Und der Dritte im Bunde, last not least, Dr. Michael Sachs, war ein Kanzelredner, wie ihn die Berliner Judenschast noch lange in Erinnerung behalten wird. Seine gedankenvolle, poetische Sprache, seine Geistestiefe, seine Gewandtheit der Rede rissen die Hörer mit sich fort und zogen sie zur Synagoge, um seinen Worten zu lauschen. Dazu das sonore, volltönende Organ, die einfache, würdevolle Haltung und Sprechweise der Rede vermehrten noch den angenehmen Eindruck, den seine Reden hervorriefen, denn man wußte, daß man niemals nach seiner Predigt heimkehrte, ohne einen Gedanken, eine geistige Anregung heim zu bringen. Dr. Sachs erfreute sich daher einer großen Beliebtheit nicht nur bei seinen Glaubensgenossen, sondern auch in der großen Gemeinde des geistigen Berlins. Das Hans Jüdenstraße 4 mußte dem Rathhause weichen, die alte Gabbete Rüben Meyer ist schon längst zur ewigen Ruhe eingegange». Als sie gestorben war, ehrte sie der Gemeindevorstand dadurch, daß er sie selbst zum Grabe trug und ihr dasselbe in der Ehrenreihe des Friedhofes bereitete. * 2. Die Rabbinatsasiessoren. Ich erinnere mich noch der Zeit, wo man die Männer, welche das Amt eines Rabbiners bekleiden, Rabbinatsassessoren nannte. Wodurch dieses, Wort sprachrechtlich gerechtfertigt ist. überlasse ich den Philologen zu beweisen, aber die Männer, die es damals bekleideten, waren damit zufrieden und so wollen auch wir uns darüber beruhigen. Tres faciunt collegium, und so waren zur Zeit, von der ich rede, auch drei Herren im Amte. Ich nenne sie dem Alternach: Oettinger, Reb Jankif Jossef genannt. Rosenstein, Red Chone genannt, und Dr. Michael Sachs. Oettingers rundes, freundliches Kprerffscral. Geehrter Herr Redakteur! dem Protokoll der Jahresversammlung des Vereins jüdischer Lehrer der Ostseeprovinzen am 2. Januar 1899 in Posen, veröffentlicht in der „Allgemeinen Zeitung des Judenthums" Nr. 9 vom 3. März 1899, Seite 103, ist unter anderen Theilnehmern ein Herr genannt, welcher sich als „Wanderlehrer des Bezirksverbandes der Synagogengemeinden Magdeburg" bezeichnet hat. Wir bemerken hierzu, daß in unserer Gemeinde nur die Herren Dr. Spanier und Steinhardt als Lehrer angestellt sind, von welchen keiner die Posener Lehrerversammlung besucht hat. Magdeburg, 16. März. Der Vorstand der Synagogengemeinde. S. Singer, Vorsitzender des Synagogengemeinde-Berbandes der Provinz Sachsen. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.