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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1899-04-14 · Heft 15 (14.4.1899) · p. Seite 179

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
63 (1899)
Issue
Heft 15 (14.4.1899)
Date
1899-04-14
Page
Seite 179 (sequence 11)
Language
German
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- 179 - Vorurtheile nicht alles das, was für mich Leben heißt, rauben. Auch ich habe ein Recht auf Glück." „Was heißt Glück?" In das energische Gesicht des jungen Studenten trat ein seltsam schwermüthiger Zug. „£>, Alphons, Du hast noch nie Jemanden lieb gehabt! Warte, bis Deine Zeit gekommen ist. Einstweilen würdest Du von alledem doch nur sprechen wie der Blinde von der Farbe." „Mag sein, Regina. Allein ich warf eben nur die Frage auf, ob ein derart gegen den Willen der Mutter ertrotztes Glück wirklich diese Bezeichnung verdient. Gut, daß wenigstens dem Vater dies alles erspart ist!" „Dem Vater? Mit dem wäre ich fertig geworden. Du weißt genau so gut wie ich, daß er viel toleranter dachte, in Glaubenssachen viel zugänglicher war als die Mutter." „Dein Dichauflehnen gegen sie hätte er aber schwerlich gebilligt. Indessen, wer weiß? Vielleicht hätte er andererseits sie mehr zur Nachgiebigkeit zu bestimmen gewußt. Jedoch, eigentlich bezweifle ich auch das. Die Mutter hat in ihrem Leben so viel mehr über jene Fragen gehört und nachgedacht, daß er in dieser Hinsicht, glaube ich, ebenso wenig Einfluß auf sie besaß wie jeder Andere und sie deshalb in allen dahin bezüglichen Sachen meist ruhig gewähren ließ. Unser Vater entstammte einer Kaufmaniisfaniilie und ist demgemäß unter verschiedenartigen Einwirkungen — idealen und praktischen —, in einem Milieu, in das die große Außenwelt mit ihren mannigfaltigen Forderungen vielfach hineinragte, ausgewachsen. Die Mutter dagegen, seine Kusine, die einzige Tochter des großen Talmudforschers Gabriel da Silva, hat von Kindheit an nichts anderes gesehen und gehört als jene Forschungen, jenes rastlos rinentwegte Vordringen auf Wegen, die — ich will es zugeben — heutzutage nur Wenige noch betreten. Ich erinnere mich noch sehr wohl, den Vater erzählen zu hören, wie gewaltig ihm der zum Schwiegervater gewordene Onkel imponirte, wie alles umfassend sein Wißen, wie geradezu undenkbar ein Widerspruch gegen eine seiner Behauptungen war. Wie er aber bei alledem sich von einem Menschen jeden Einwurf gefallen ließ — von seiner Tochter Simonette. Und nun muß diese, die gewohnt war, ihr Wort bei den Bedeutendsten etwas gelten zu sehen, bei ihrer einzigen Tochter linbeugsamer Opposition in dem, was für sie das Heiligste ist, begegnen!" „Glaubst Du, es wird mir leicht? Mein Gott, ich meine schon, ich gehöre hier gar nicht mehr her. Ich weiß, das war vorhin die Trennung fürs Leben." Mit leeren Blicken starrte sie um sich. „Hier, dies ganze Zimmer, in dem ich herangewachsen und groß geworden bin, muthet mich bereits fremd an. Aber ich kann nicht anders, ich kann nicht... . ." Und zur selben Zeit antwortete unten im Wohnzimmer Simonette da Silva auf die beweglichen Vorstellungen ihres Sohnes Raphael fast mit demselben Schrei aus den Tiefen ihrer gequälten Seele heraus: „Ich kann nicht anders! Und ich will auch nicht! Ich will von meiner Ueberzeugung nicht lassen!" Früh am nächsten Morgen war's. In derselben abweisenden Haltung stand Simonette da Silva auf demselben Platz wie am gestrigen Tag, als sei sie über Nacht nicht von der Stelle gewichen. Heute war ihr Gegner jedoch ein Anderer. Vor ihr stand ein Mann, in seiner ganzen Erscheinung, mit dem dunkelblonden Haar, dem kräftigen, gedrungenen Wuchs ein eigenthümlicher Gegensatz zu den schlanken feingliedrigen Gestalten ihrer eigenen Kinder, in deren Adern wohl gar mancher versprengte Tropfen Maurenblut rollte. Aus dem Leuchten seiner klaren blauen Augen sprach das Arbeiten eines mächtigen Geistes, jenes Geistes, dem sich die Tochter des Hauses unwiderruflich zu eigen gegeben hatte. In seinem ganzen Auftreten lag etwas unbedingt Jmponirendes. Man fühlte eS, das war einer der Aristokraten im Reiche des Geistes. Und auch die Frau vor ihm versuchte sich diesem Eindruck so wenig zu entziehen, daß sie, statt, wie sie beabsichtigt hatte, die ganze Unterredung stehend zu absolviren, sich halb unfreiwillig zu den Worten: „Bitte, Herr Profeffor, nehmen Sie Platz!" herbeiließ. Schweigend gehorchte er. Er befand sich in den Fesseln einer ihm sonst fremden Befangenheit. Vorhin, als er im Begriff stand, hier ins Zimmer zu treten, war Regina, die seine Stimme auf dem Flur vernommen hatte, mit pfeilartiger Geschwindigkeit die Treppe herabgeflogen, um, seinen Arm mit heißer Inbrunst umklammernd, leidenschaftlich angstvoll zu flüstern: „Du gehst einer bösen Stunde entgegen, Emanuel. Unterschätze es nicht." Voll glühender Zärtlichkeit hatte er seine Blicke in die ihren getaucht. „Wenn ich Dich nur auf meiner Seite weiß, Regina!" Sie richtete ihre dunklen Augen, in denen eine ganze Welt von Innigkeit lag, von Neuem fest auf ihn. „Ach, Emanuel, das weißt Du doch." „Laß mich's noch einmal hören, Geliebte, oder, nein, schau mich nur noch einmal so an wie eben." Und als sie ihm ^wortlos gehorchte, hätte er sie am liebsten ohne Weiteres in seine Arme gerissen und sie mit sich genommen, weit aus dem Bereich enger, kleinlicher Rücksichten hinaus. . . Regina hatte sich zuerst gefaßt. Sie entzog ihm leise ihre Hand, die er zwischen seinen beiden hielt, und eilte dann, mit der geflüsterten Mahnung: „Laß die Mutter nicht warten!" flüchtigen Fußes davon. Nun saß er jener Frau gegenüber, deren überwachte Augen und Leichenbläffe von schlaflosen Nächten redeten, während ein neuer, fremder, scharfer Zug um die Mundwinkel Zeugniß dafür ablegte, daß das sie augenblicklich Bewegende sie bis ins Mark traf. Er hatte sie bisher öfter in Gesellschaften, bei beiderseitigen Verwandten und Freunden, zuweilen auch in ihrem eigenen Hause gesehen. Näher getreten war er ihr freilich überhaupt nicht; Simonette da Silva war keine Frau, mit der man leicht intim wurde. Noch nie aber war sie ihm so achtunggebietend, so unnahbar erschienen wie heute. Von der gegenüberliegenden, in hellen Sonnenschein getauchten Seite der Straße fielen, durch blitzende Fensterscheiben reflektirt, tanzende Lichtflocken ins Zimmer. Auf dem Fußboden, an den Wänden lagen sie breit hingeworfen und ließen durch ihre Helligkeit den das weite Gemach erfüllenden Schatten noch deutlicher hervortreten. Emanuel Steinhardt fröstelte. Wohl wußte er's, es war nur eine Idee von ihm, und seine Regina hatte in dem großen, alten Hause, behütet von den strengen, aber zugleich unermüdet fürsorglichen Augen ihrer Mutter, eine glücklichere Jugend gehabt als manches in Scherz und Frohsinn ausgewachsene, von verhätschelnder Liebe umgebene Mädchen. Aber in diesem Augenblick war es ihm. als sei jene Lichtvertheilung gleichsam symbolisch, als läge hier überhaupt alles im Schatten, in den nur zuweilen eine Abspiegelung des wirklichen Lichtes fiel, als sei das wahre Leben, der wahre Sonnenschein nur außerhalb der dicken, alten, hundertjährigen Mauern daheim. Und wieder war's ihm, als müsse er die Geliebte jenem Bann kalter Abgeschlossenheit unverzüglich entziehen, als müsse er sie mit sich nehmen, gleich heute, gleich jetzt! . . . Während diese Vorstellungen durch sein Inneres zogen, hörte er sich mechanisch die wohlüberlegten, einleitenden Worte zu seinem Heirathsantrag, auf den Regina die Mutter gestern hatte vorbereiten sollen, sagen. (Forts, folgt.) MM

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