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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1898-12-23 · Heft 51 (23.12.1898) · p. Seite 608

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
62 (1898)
Issue
Heft 51 (23.12.1898)
Date
1898-12-23
Page
Seite 608 (sequence 8)
Language
German
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Der gute Mann! Er mag sich gewiß sehr freuen, mich loSgeworden zu sein, er und Rubo; doch ist vielleicht reeiprok meine Freude nicht viel kleiner. Frankel blieb auch ferner in regem Briefwechsel mit Muhr. Es kamen dann zwischen den Freunden viele wichtige Ereignisse in der Judenheit zur Besprechung: Die Rabbinerversammlung in Braunschweig (1844) und jene, die ein Jahr darauf in Frankfurt am Main stattgefunden, und an der Frankel zuerst theilgenommen, um bald darauf mit Eklat auszutreten; ferner die Gründung der Reformgemeinde zu Berlin und ähnliche Vorgänge in Frankfurt und in Breslau. Die Briefe Frankels bieten eine Fülle inhaltreicher Aussprüche nach dieser Richtung, die gewiß der Veröffentlichung Werth wären. Doch muß ich mir dies vorerst versagen. Hingegen will ich noch zum Schluß dieser Publikation über die Mitwirkung Frankels an der- Berufung Michael Sachs' nach Berlin berichten, da dies mit der Geschichte der jüdischen Gemeinde in Berlin in enger Verbindung steht. Dieses warme Eintreten Frankels für Sachs macht Beiden Ehre- Anfang Januar 1844, als es sich ernstlich um die Wahl Sachs' handelte, gegen die Muhr eingenommen war, schrieb ihm Frankel: Sie klagen in Ihrem Schreiben sehr, daß sich manches zuträgt, was Ihnen nicht konvenirt, und meinen VH [früher war es doch besser), und daß Sie keinen Gefallen daran finden können. Sie haben, theuerer Freund, sehr Unrecht. Wenn man in Berlin damit umgeht, Dr. Sachs als dritten Rabbiner zu berufen, so sehe ich gar nicht ein, warum sich nicht Jedermann damit freuen soll. Er ist ein wahrer [gottessürchtiger Maring der nach seinen Kräften [in die Bresche treten] will; es ist ihm die Rednergabe in hohem Grade verliehen, nebst vielen Wissenschaften anderer Art. Auch habe ich in Prag gehört, daß er sehr fleißig D"vP [Talmud und rabbinische Schriften) lernt. Was kann man demnach gegen ihn haben, und wer soll denn sonst diese Stelle bekommen? Etwa Männer wie Geiger und Holdheim? Sachs wird, wie ich glaube, beide Parteien zufrieden stellen. Er wird auch eine weniger schwierige Stellung haben, als ich sie gehabt hätte; denn da er nicht als Oberrabbiner, sondern nur als Dajjan hinkommt, so hat er weniger den Neid und den Haß der Parteien zu fürchten, und werden sich gegen ihn weniger die Jntriguen richten. Sie sagen mir. Sie find besorgt, daß einst im Verlauf der Jahre intriguirt werden würde, Sachs zum Oberrabiner in Berlin zu machen. Mein theuerer Freund, was sollen diese Sorgen auf fernere Zeiten hinaus? Was kann sich bis dahin nicht alles ereignen! Und im Fall Sachs sich bis dahin qualifizirt und fleißig studirt, warum denn nicht? Soll Berlin noch länger in dem trostlosen Zustand bleiben, in welchem es sich jetzt befindet? Und ich frage nochmals: Wen wünschen Sie hin? Mich? Ich kann wegen meiner Gesundheit und wegen anderer Umstände nicht annehmen, und ich sage mit innigem Dank zu Gott, es war sein Wille, daß daraus nichts geworden ist, denn ich gewinne täglich mehr die Ueberzeugung, daß meine Kraft dort bald abgenutzt gewesen wäre. .?) Sie trauern, daß Sachs einst vielleicht daran kommen könnte sin Berlin Oberrabbiner zu werden)? Trösten Sie sich, Freund! Die Aussichten sind nicht so schlecht, wie Sie in Ihrer Düsterheit sie fich malen. Sachs ist ein redlicher und charaktervoller Mensch; glauben Sie mir, durch ihn wird gewiß kein n^pil [sittlicher Schaden) entstehen. . . Nehmen Sie sich in Acht, daß Sie es nicht später tief bedauern, nicht mit Sachs zufrieden gewesen zn sein." Am 18. Mai schrieb Frankel nochmals in dieser Angelegenheit: „Jch^bin nun einmal nicht nach Berlin gegangen, und ich glaube mit Sicherheit, daß von Gott so zu meinem Besten beschlossen ward. Ich halte aber jetzt für dringend nöthig, daß Sachs hinkomme, denn er ist ein tmbx KT1 V'8 [ein redlicher und gottesfürchtiger Mann), und auch Sie werden ihn wohl unterstützen, schon aus Freundschaft für mich, da ich ihn herzlich liebe. Denn er ist wirklicher ^1*0 i) In diesem Brief finden sich sehr scharfe Auslassungen gegen Geiger und Holdheim, die ich hier übergehe, zumal Frankel am Schluß dieses Briefes hinzufügte: „Ich wünsche, daß Sie dieses Schreiben sogleich verbrennen." nan. wo» iw pis 111, nn*)- Ich brauche nur auf Holdheim, Geiger und Genossen Hinzuwersen. Warum wollen Sie also nicht einen Sachs unterstützen?" Ich schließe hiermit vorläufig die Veröffentlichung der Frankelschen Briefe; für die vielen anderen, die in meinem Besitz find, wird sich eine andere paffende Gelegenheit noch bieten?) Mas bis jetzt der Oeffentlichkeit übergeben wurde, zeugt für den edlen und lauteren Charakter des berühmten Gelehrten, deffen Wählspruch lautete: „Ehre der Wahrheit, die, fern von kränkenden Ausfällen und Gehässigkeit, sich unwiderstehbar den Weg zu ihrem göttlichen Ziele bahnt." Ueber die Vorbildung des jüdischen Lehrers. Bon Mittelschullehrer Josef Feiner in Hamburg. II. die man als lebhafte Köpfe und strebsame Menschen äLJ im Seminar kennen gelernt hat, finden nach dem Seminar teJs» de« Weg zu wissenschaftlicher Weiterarbeit nicht: was sie im Seminar gelernt haben, liegt als etwas ganz Abgeschlossenes hinter ihnen, ohne fruchtbare Ansätze zu weiterer Entwickelung. Andere, deren Wissensdurst befriedigt ist, würden gern mit dem theuer erworbenen Pfunde wuchern; aber sie finden es nicht nutzbringend angelegt bei der unruhigen Jugend, welche die Bedeutung jener elementaren Dinge, die ihr mitgetheilt werden, nicht höher schätzen kann als der junge Lehrer, der sich zu keinem höheren Standpunkt emporgeschwungen hat. Was ist der Grund dieser Erfahrungen? Wir suchen ihn in einer gewiflen Unklarheit und Halbheit der Lehrerbildungsanstalten. Sie geben ein gut abgerundetes Wissen, aber nicht wie eine Berufsschule, sondern wie die allgemeinen Bildungsanstalten es geben, welche ihre Zöglinge zu einer ganz anderen Lebensthätigkeit entlassen und wenig danach fragen, ob und wie die in der Schule gezogene Pflanze weiterwachse, während die Berufsschule mit allem Eifer darauf sehen muß, daß der Boden auch für spätere Aussaat fruchtbar bleibe, und nicht die gesammte Ernte ein für allemal aus ihm ziehen sollte. Wenn die späteren Lehramtskandidaten ihre Vorbildung zum Lehrberuf beginnen, sind sie noch Kinder; man setzt sie gleich wieder auf die Schulbank, wo sie gerade so weiter lernen, wie sie in der Volksschule gelernt haben. Wenn sie zum Abschluß ihrer Bildung gelangen, find sie an Jahren reifer, aber noch nicht reif genug, die große Verantwortung zu begreifen und zu tragen, welche ihr zukünftiges Amt ihnen auferlegen wird. Aber daran trägt nicht die etwa zu kurze Seminarzeit die Schuld, sondern die Form der Seminarbildung sSallwürk, Volksbildung und Lehrerbildung), die ungenügende Vorbildung und die mechanische Einpaukerei im Seminar, wobei von Durcharbeitung des Stoffes doch keine Rede sein kann. Wir muffen darum mit unseren christlichen Kollegen dringend fordern, daß zur Aufnahme in das Seminar mindestens das Wiffen eines Abiturienten einer Realschule verlangt wird, damit das Seminar eine Berufsanstalt werde und den Charakter einer Presse verliere, Wir müssen dies um so dringender fordern, als an den jüdischen Seminaristen Aufgaben herantreten, die mit seinem dereinstigen 1) Er ist als rechtschaffener Man» erprobt in diesem verwahrlosten Zeitalter, in welchem die Führer, die Rabbiner, Israel verführen. 2) In dem vorigen Abschnitt muß es Seite 596 Spalte 1 heißen: TMTöb xb OX statt 'H xb OK

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