Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 51 (23.12.1898)
- Date
- 1898-12-23
- Page
- Seite 607 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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607 hingegeben zu haben, Frankels Abneigung gegen das Oberrabbinat in Berlin überwinden zu können. Mit Ausnahme Veits zeigte sich der Vorstand damals mit der Kandidatur des Dr. Sachs wenig befreundet. Wir werden in der Folge sehen, wie uneigennützig und edel sich Frankel in dieser Angelegenheit gegen Veit benahm, und wie warm er sodann für Sachs eintrat. Am 12. Juni schrieb Frankel an Muhr: „Ihr Schreiben vom 8. d. M. hat mich mit tiefer Wehmuth erfüllt. ... Ich hoffe. Sie werden sich nach und nach überzeugen, daß ich nach meinem Dafürhalten nicht anders handeln konnte. Ich werde, wenn wir, so Gott will, Zusammenkommen, Ihnen noch manches mittheilen, was, wie ich hoffe, in Angelegenheit Ihrer Gemeinde nicht ganz unersprießlich sein wird. Das kann ich Ihnen aufrichtig versichern, daß ich es so gut mit Ihrer Gemeinde meine wie vielleicht selten ein Anderer. Ich bin nicht nach Berlin gegangen, weil nach manchen Anzeichen noch vieles anders werden muß, ehe ein Rabbiner dort eine gehörige Wirksamkeit findet, und ich wollte nicht umsonst Geld nehmen. Jetzt versichere ich Sie nochmals, daß, in welcher Sache man sich zum Wohle Ihrer Gemeinde an mich wenden will, ich zu jeder Zeit bereit sein werde ^221 '»tPfiJ ^22 »on ganzer Seele und mit meinem ganzen Vermögens, denn ich liebe meinen Stamm unendlich und werde es niemals vergessen, daß ich für mich allein nichts bedeute. Sie erhallen Ihrem Wunsche gemäß eine Abschrift vom Briefe des Ministers Eichhorn, den Sie wohl für sich behalten werden. Sie sehen, daß es nur feine Wendungen sind, ohne sicheren Halt. . Im Juli des Jahres 1843 ging Frankel zu seiner Erholung nach dem Seebade Swinemünde. Er reiste dorthin über Berlin, wo er einige Tage Aufenthalt nahm. Der Empfang, den Frankel in der preußischen Hauptstadt fand, war ein sehr warmer. Frankels Brief an Eichhorn machte gerade damals die Runde durch die jüdische und politische Presie in Deutschland und erregte großes Aufsehen, bei den Juden in Deutschland lebhafte Zustimmung. Die jüdische Gemeinde in Frankfurt a. M. ließ an Frankel eine Dankadresse ergehen, was diesen in einem Schreiben vom 6. September zu folgenden Aeußerungen veranlaßte: „Die jüdische Gemeinde in Frankfurt a. M. hat an mich eine Dankadresse wegen meines Briefes an Eichhorn ergehen lassen, da ich meinen eigenen Bortheil der Wahrheit zum Opfer gebracht habe. . Wie selten muß doch in unseren Tagen die Wahrheit sein, wenn sie da, wo sie einmal gesprochen wird, so viel Aufsehen erregt!" Die Unterhandlungen mit Frankel wegen Uebernahme des Berliner Oberrabbinats waren offiziell noch nicht abgebrochen, wenn auch bei diesem selbst der Entschluß, nicht nach Berlin zu gehen, feststand. Von Swinemünde aus dankte er Muhr für die freundliche Aufnahme, die ihm in Berlin zu Theil geworden, und warnte ihn dabei vor gewissen Agitationen, die damals zu Gunsten Geigers in Berlin inszenirt wurden. Noch im Spätsommer des Jahres 1843 glaubte der Vorstand der jüdischen Gemeinde zu Berlin, nicht alle Hoffnungen auf Frankel aufgeben zu müssen. Er trat in neue Verhandlungen mit Letzterem. Jndeffen wollte Frankel von dem Berliner Oberrabbinat unter keinen Umständen etwas wiffen. Am 6. September schrieb er an Muhr: " „Vermuthlich wird Ihnen dieser Tage die Antwort zukommen, die ich an den Berliner Vorstand auf sein Schreiben vom 28. August gerichtet. Diese Sache fängt mir schon wahrhaft an sehr lästig zu werden. Ich bin nicht ganz wohl, habe persönlich keine Neigung für diese Stelle, und doch ruft man mich, ich möchte fast sagen, ruft es mich,, da der Zustand in Berlin so ganz traurig ist, verlassen und heillos, wie ich ihn mir gar nicht dachte, und daher Hilfe dringend gefordert wird. Aber werde ich der Arzt sein? ich die Heilmittel herbeischaffen, die verlangt werden, da die Gefahr so dringend ist? — Ich habe dem Vorstand geantwortet, wie ich unter den jetzigen Umständen konnte. Uebrigens wird, wie mir dünkt, die Sache doch zuletzt 'an den König gelangen müssen; und dies ist, waS der Vorstand eigentlich zu veranlassen hat. Das Fernere geht mich nichts an; ich wünsche nur Ruhe, und daß man schon einmal einsehe, daß für mich^das Beste ist, - in Dresden zu bleiben. ..." , , Damit war nun diese Angelegenheit endgiltig abgethan, und für den Vorstand in Berlin handelte es. sich um die Frage, die aus der Mitte der Gemeinde gewählten Waylmänner und die Gemeinde selbst von der Resultatlosigkeit der Rabbinerwahl zu verständigen. Man suchte nach einer passenden Form und nach Gründen, die man dem großen Publikum mittheilen dürfte. Im Grunde genommen hätte der Vorstand mit dem zweiten Kandidaten, der bei der Wahl vom 28. August 1842 nach Frankel die meisten Stimmen erhalten hatte, in Verbindung treten müssen. Auf Dr. Adler aus Hannover fielen damals 17 Stimmen, mithin die absolute Majorität; er war also gewählt, sobald Frankel abgelehnt hatte. Indessen verstand es Veit, die Bahn für Dr. Michael Sachs zu ebnen. Um die Folgen der Wahl vom 28. August 1842 zu umgehen, wurde im Vorstand beschlossen, von der Berufung eines Oberrabbiners abzusehen und einen dritten Dajjan, einen Rabbinatsassessor und Prediger, dafür zu wählen. Dazu brauchte man nicht die Zustimmung der Wahlmänner. Bei dieser Gelegenheit kam es zu einem offenen Zwiespalt zwischen Muhr und Veit. Frankel schrieb darüber an Ersteren (5. Oktober 1843): „Sie zeigen mir an, daß beim Vorstand ein Entschluß über eine Vorlage an die Wahlmänner gefaßt wurde, und Sie in einen Streit mit Dr. Veit gerathen sind, weshalb Sie über den ganzen Hergang der Unterhandlungen zwischen mir und dem Vorstand noch einen Bericht verlangen. Mein theuerer Freund! Was habe ich mehr mit dieser Angelegenheit zu schaffen? Veit wirst Ihnen Jntriguen vor. Sie vermuthen bei Beit eine Jntrigue; ich meinerseits halte Sie beide für ehrenvolle Männer und begreife überhaupt gar nicht, was es hier zu intriguiren giebt. Ich gehe nun einmal nicht nach Berlin, meine Motive liegen in dem Schreiben an den Minister Eichhorn deutlich vor. Daß ich Recht hatte, von der Regierung aus anerkannt sein zu wollen, werden Sie wohl selbst einsehen, wenn Sie erwägen, aus welchen fremdartigen Elementen der Vorstand zusammengesetzt ist, und wie wenig in ihm, mit Ausnahme Ihrer und allenfalls des Herrn Salomon Meyer, das Judenthum repräsentirt wird. Wenn Beit, wie aus Ihren Briefen hervorgeht, der Tonangeber ist, so kann, bei aller Achtung vor seinem Charakter, von einer religiösen Auffassung des Judenthums nach seiner herkömmlichen frommen und gemüthlichen Weise nicht die Rede sein; Veit kennt nicht das Judenthum, hat sich in dasselbe nie hineingelebt, ist nicht darin erzogen worden, hat nie darin gestanden. Man kann nicht sagen, daß er sich ihm entfremdet, er war ihm vielmehr nie befreundet, er ist höchstens ein politischer Jude, wozu ihn sein Vorsteheramt erst eigentlich machte. Sie sehen also, daß, wie wir uns auch freundschaftlich nahe stehen, wir — Veit und ich — doch schwerlich je harmonirt hätten, und es trat dieses sogleich in seinem ersten Brief bei seiner Zurückkunft nach Berlin hervor, als er bei mir hierarchische Pläne fürchtete. Darum, mein Freund, ist es im Grunde einerlei, was Sie immer den Wahlmännern sagen wollen; wer eigentlich Schuld habe, daß ich nicht hingehe, wäre, nach meiner Ansicht, nicht gerathen, den Wahlmännern mitzutheilen und würde nur Streitigkeiten Hervorrufen. Wohl mag Veit ein bischen das Herz pochen, und er will also diese Mittheilung vermeiden; geben Sie nach, und lassen Sie es bei dem Schreiben an den Minister und bei meinem letzten Schreiben an den Vorstand bewenden. Diese beiden Briefe legen Sie den Wahlmännern vor, und so ist Niemand kompromittirt." Am 24. Oktober theilte Frankel seinem Berliner Freunde die Absicht mit, die „Zeitschrift für die religiösen Interessen des Judenthums" zu gründen, da „das Drama in Berlin ausgespielt" war. Am Schluß dieses Briefes bemerkte er: „Uebrigens muß ich Ihnen melden, daß Veit die beste Freundschaft mit mir pflegt, wie es wir sein am Freitag einaegangener Brief sagte-