Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 51 (23.12.1898)
- Date
- 1898-12-23
- Page
- Seite 609 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3228257-3228309--55132-3291332- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
-- 609 - Wirken in der Gemeinde Zusammenhängen, und die an seine Arbeitskraft große Anforderungen stellen. Ich will vorweg bemerken, daß ich das -Institut der Präparandenünstalt bei jüdischen Seminarien Nicht befürworten kann, und zwar hauptsächlich darum, weil unsere Lehrerbildungsanstalten so" schlecht fundirt sind, daß sie der Vorbereitungsanstalt wenig Fürsorge widmen können. Sodann aber sprechen sich hervorragende Pädagogen dagegen aus. Sie glauben, daß sich eine „Erweiterung und Vertiefung des seminaristischen Unterrichts nur erreichen läßt, wenn wir auf die Vorbildung rechnen dürfen, welche eine gut eingerichtete realistische Bildungsanstalt gewährt". Schon Diesterweg sagte, daß nicht die jungen Leute, welche in einer Präparandenanstalt gewesen waren, ihm die liebsten seien, sondern die Schüler höherer Bürgerschulen. Auch Dittes bezeichnete auf der Lehrerversammlung in Chemnitz 1864 die Realschule als \ die beste Vorbereitungsanstalt. Was ich aber bis jetzt von den privaten jüdischen Präparandenanstalten, die ja.durchweg von Theologen geleitet werden, gehört habe, berechtigt mich zu der Annahme, daß dem jüdischen Wissen die größte Sorgfalt gewidmet wird. Wohl ist ein reicher Fonds jüdischen Wissens dem Lehrer unerläßlich, soll dieser den vielfachen Anforderungen gerecht werde», die im beruflichen Leben an ihn gestellt werden, aber eine Vorbereitungsanstalt und ein Seminar, die ihre Hauptarbeit nach jener Richtung hin verlegen, erzielen nicht die erwarteten Erfolge, wenn sie ihre Schüler ins Examen senden. So wissen wir thatsächlich, daß alljährlich ein großer Prozentsatz der Abiturienten eines bekannten Seminars das Examen nicht besteht oder es vorzieht, vorerst eine Religionslehrerstelle anzunehmen und sich privatim auf das Examen vorzubereiten. Das ist ein Zustand, der mein Urtheil vollständig rechtfertigt. Wie hier Abhilfe zu schaffen ist, wie dafür gesorgt werden kann, daß der jüdische Lehrer mit einem größeren Fonds von profanem und jüdischem Wiffen, als er von manchen Seminarien mitbringt, ins Amt tritt, das wage ich nicht zu entscheiden. Diese Frage muß ich zur Diskussion stellen, und ich erwarte, daß insbesondere die Seminardirektoren ihr laisser faire aufgeben und in dieser Angelegenheit, die für die Zukunft des jüdischen Lehrerstandes von großer Bedeutung ist, Stellung nehmen. Doch, ich will mich nicht nnr in Raisonnements ergehen, sondern eine bestimmte Direktive geben, indem ich die bis zum Lehrertage von Breslau geäußerten Wünsche der deutschen Lehrerschaft und die Bestimmungen einiger Bundesstaaten über die Vorbildung der Lehrer hier vorführe, um Alle so zu der Erkenntniß zu bringen, daß es in Betreff der Erziehung der jüdischen Lehrer nicht so weiter gehen kann, ja, daß es geradezu ein Verbrechen wäre, wenn nicht auch aus den Reihen der jüdischen Lehrerschaft sich eine Stimme erhöbe, die für energische Wandlung plädirte. Derjenige befände sich wahrlich in einem großen Jrrthum, der glaubte, daß, sobald behördlicherseits eine Reorganisation der Seminarien ins Werk gesetzt wird, auch die! jüdischen Anstalten davon tangirt würden. Wir alle wiffen, wie / manche Sätze der Allgemeinen Bestimmungen für unsere alma mater I nur auf dem Papier standen. Ich mache keiner Person und keiner Behörde daraus einen Vorwurf, alle Mängel unserer Seminarien sind in erster Linie der schlechten Fundirung aufs Schuldkonto zu setzen. Aber ich sehe wirklich nicht ein, warum einem Soldaten eine schlechtere Waffe in die Hand gegeben werden soll als dem anderen, wenn von beiden dieselbe Kampffähigkeit verlangt wird. Liegt die Sache aber so, daß an den jüdischen Seminarabiturienten geringere . Anforderungen gestellt werden als an den christlichen, dann erheischt es unsere Würde, daß wir energisch gegen eine derartige Mißachtung Protest erheben, entweder eine größere Leistungsfähigkeit der jüdischen Anstalten oder die Aufnahnre in die staatlichen Lehrerbildungsschulen dringend fordern. Ehe ich weiter gehe, möchte ich zunächst dem Vorwurf begegnen, ich sei pietätlos und undankbar, ich wollte die Anstalten, denen wir alle unsere Ausbildung verdanken, herabwürdigen. Nichts liegt mir ferner. Aber wenn wir zu der Erkenntniß gelangt sind, daß ein Werk, das vor nun bald 100 Jahren von idealen und tüchtigen Männern begründet worden, stagnirt, wenn es in Zeiten gewaltigen Fortschritts nur mühsam nachhinkt,- wenn absolute Theilnahmlosigkeit der Kreise, für die dies Werk begründet worden, denn die Lehrerseminarien sind von einem Haindorf, einem Frensdorf, einem Jacobsohn nicht für die jüdischen Lehrer, sondern für das Judenthum, für die Juden ins Leben gerufen worden, ich sage, wenn Niemand ein warmes Jntereffe für diese Anstalten an den Tag legt, und noch immer die unentbehrlichsten Mittel zu ihrer Unterhaltung zusammengebettelt werden müffen, dann ist es im Jntereffe der Zukunft unseres Standes nöthig, den Ruf zu erheben: Fort mit diesen Anstalten oder vollständige Wandlung. Im erstere» Falle Fortführung des Werkes der hochherzigen Gründer in befferer, zweckentsprechender Weise, im anderen Fall energische pekuniäre Unterstützung der Gemeinden resp. Sicherung des Bestandes und Organisation, entsprechend der an staatlichen Anstalten. Die Wünsche der deutschen Lehrerschaft lassen sich nach den Verhandlungen der letzten 6 Jahre, von dem Lehrertage in Halle 1892 bis zu dem Lehrertage in Breslau 1898, zu Folgendem resumiren: „Einig ist die Lehrerschaft darin, daß sie die gegenwärtige Vorbildung des Volksschullehrers für ungenügend hält, einig darin, daß die allgemeine Vorbildung von der fachlichen getrennt, erstere wesentlich erweitert und letztere wesentlich vertieft werden muß, einig endlich darin, daß zur Fortbildung des Lehrers ihm, wie jetzt bereits in Sachsen, der Besuch der Universität gestattet werden muß. Verschiedener Ansicht ist man betreffs der Art der allgemeinen Vorbildung." Die meisten Führer des Lehrerstandes, unter ihnen vor allem der badische Oberschulrath Dr. E. von Sallwürk, fordern für den Seminaraspiranten die Absolvirung einer höheren Schule, entweder der Realschule oder der Oberrealschule oder gar des Realgymnasiums. Ihre Gründe sind recht stichhaltig. Sie verwerfen die Präparandenanstalt, weil sie sagen, daß eine Anstalt, die der Vorbildung zu einer Fachschule dient, die allgemeine Vorbildung zurücktreten läßt. Sie bemerken ferner, und das trifft gerade für unsere Verhältnisse zu, weil in jüdischen Kreisen ein gesteigertes Bildungsstreben zu bemerken . ist, daß die höhere soziale Schätzung des Lehrerstandes erlangt wird durch die Absolvirung der Anstalt für die gebildeten Stände. „Denn auch der Volksschullehrer muß, um das Ansehen zu haben, das einem Wirken erst den rechten Erfolg verbürgt, freie Bahn erhalten auf dem Bildungswege, den man die leitet, aus denen die geistigen Führer des Volkes hervorgehen sollen." Und sie heben drittens hervor, daß nur eine allgemeine Bildungsanstalt unabhängig von kirchlichen und politischen Bewegungen ist. Dieser letzte Punkt verdient unsere besondere Beachtung. Es ist traurig und für Manchen schon von großem Schaden gewesen, daß der furor theologicus die Scheidung der jüdischen Lehrerseminarien in orthodoxe und Reform-Anstalten vollzogen hat, daß die Signatur, die ein theologischer Leiter eines Seminars demselben ausgeprägt hat, ihm für immer und ewig anhaftet. Wie es sinnlos ist, einen Rabbiner, der nur Rabbiner und nicht auch gewiegter Schulmann ist, zum Leiter eines Lehrerseminars zu berufen, ebenso sinnlos ist es, junge Lehrer,' die von einem sogenannten orthodoxen Seminar kommen, von vornherein als orthodox, und diejenigen, die auf einer sogenannten „neuen" Anstalt ihre