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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1898-12-23 · Heft 51 (23.12.1898) · p. Seite 606

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
62 (1898)
Issue
Heft 51 (23.12.1898)
Date
1898-12-23
Page
Seite 606 (sequence 6)
Language
German
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- 606 -- das Stück zu einem Doppeldrama, das weder durch den Titel noch durch die Haupthandlung berechtigt ist. Jndeß, mit dieser Seite der Frage, einer rein üsthetischen, die mit der jetzt herrschenden Zerfahrenheit ästhetisch-dramaturgischer Begriffe überhaupt zusammenhängt, haben wir uns an diesem Ort nicht zu beschäftigen. In einem Blatt, das selbstverständlich die Taufe, geschehe sie aus welchen Gründen auch immer, verdammt und verdammen muß, soll ferner auch keine Untersuchung darüber angestellt werden, ob ein konfessionslos erzogener, rein deutsch gebildeter Mann nicht völlig aufzugehen vermag in die Gemeinschaft seiner Stadtgenoffen, und ob dieser wirklich, selbst wenn er einen ehemaligen Glaubensgenoffen in sein Haus ziehen will, eine derartige zelotische und pietätlose Begegnung von seinen nächsten Verwandten erfahren muß, ja nur erfahren kann. Nur-hingewiesen werden muß auf diese ganze Art der Charakteristik, weil es der Vcrfaffer absichtlich darauf anlegte, in allen christlichen Personen dieses Stückes, natürlich mit Ausnahme der christlichen Geliebten, die an ihrem jüdischen Bräutigam trotz allem festhält, Zerrbilder zu schaffen. Unter allen den Haupt- und Nebenpersonen, — letztere bestehen hauptsächlich aus Studenten und Profefforen, — ist kein einziger anständiger Mensch. Entweder sind es Schmarotzer oder Säufer. Neidhämmel oder Schwächlinge, blinde Eiferer oder gedankenloses Heerdenvieh; in Keinem, wirklich keiner einzigen Person, findet sich auch nur eine Spur von Gemüth, in Keinem auch nur rin selbständiger Gedanke. Für alle diese Menschen existirt keine Treue und Liebe, mit einziger Ausnahme eines Dieners, der bei seinem Herrn, dem Geheimen Kommerzienrath, bleiben will trotz alledem. Gegen eine solch« Schilderung muß auch in einem jüdischen Blatt der stärkste Protest, als gegen eine verdammenswerthe Verkennung der thatsächlichen Verhältniffe, als gegen eine Verhetzung der christlichen Mitbürger, eingelegt werden. In den Kreisen, die der Verfaffer schildert, mag es Einzelne geben, die seiner Charakteristik gleichen; derartige Einzelfälle zu verallgemeinern, ist ebenso ein dichterischer wie ein sittlicher Fehler. Der Fehler wird um so größer, als die Gegenbilder von einer Art Glorienschein umstrahlt sind. Der Held ist natürlich ein Musterbild der Entsagung; er ist ein großer Gelehrter und dabei ein geschickter Tänzer, ein liebenswürdiger Plauderer, der gutsitzende Kleidung trägt und sich trefflich hält. Er entsagt der Mitgift, damit es nicht heißt, daß er des Geldes wegen geheirathet. und schießt in die Luft, als er der Pistole seines Gegners gegenübersteht. Was die Entsagung betrifft, so ist sie in dem Zusammenhang vielleicht angebracht; ein Privatdozent der Mathematik, der etwas auf sich hält und von den Gelehrten für etwas gehalten wird, kann sich ja wohl sagen, daß er über kurz oder lang eine Lebensstellung erhalten muß, in der er einen Hausstand zu gründen fähig ist. Die Zurückhaltung im Duell dagegen ist der pure nonsens. Will Dr. Kohn dadurch Muth zeigen, so verfehlt er seinen Zweck vollständig; will er sich erschießen laffen, so nützt er weder der Sache noch sich selbst. Der Sache nicht, denn es heißt doch von ihm, daß der Jude sich feig benommen; sich nicht, denn auf Schonung, auf eine edelmüthige Regung detz Gegners, hatte er nicht zu rechnen. Er bietet sich also einfach der Mordkugel als Opfer dar, sein Ziel hat er daher nicht erreicht, weder die innere Rehabilitirung noch die äußere Anerkennung. Will er durchaus mit seinem Dasein abschließen, dann wäre eS schon beffer, er entfernte sich durch Selbstmord aus dem Leben, wenn er sich nach den Deklamationen über die Größe seiner Liebe nicht aus dem Kreis, in dem er als Eindringling behandelt wird, freiwillig entfernen will. Aber der Verfaffer will ja darthun: 1. Der Jude, der sich taufen läßt, bleibt Jude und wird selbst von seinen Nächsten immer als solcher behandelt. 2. der Jude, der sich nicht taufen läßt, — denn diesem, von seinen Schwiegereltern' als selbstverständlich erklärten Ansinnen widersteht Kohn, — hat keine Möglichkeit, in christlichem Kreise oder in deutschen Landen zu existiren und fortzukommen. So bleibt also, so müßten wir meinen, dem Juden nichts Anderes übrig, als sich umzubringen oder sich tödten zu lasten, wenn wir nicht rechtzeitig daran dächten, daß Nordau Zionist ist und im Zionismus die beglückende Lösung findet. In der Hauptunterredung nämlich zwischen dem alten Moser und Kohn komnit folgende Stelle vor: Moser: Verstehe ich Sie recht? Sollen die Juden etwa wieder ein besonderes Volk werden? Kohn: Werden? Wir find es! Man sagt es uns genug. Moser: Ein Volk ohne Land, ohne Sprache — Kohn: Wir werden suchen, ein Land zu erringen, und wir müssen uns nur unserer vergessenen Sprache wieder erinnern. Moser: Sagen Sie mir, Dr. Kohn, kennt meine Christine Ihre Anschauungen? Kohn: Sie kennt ste. Moser: Und ste billigt ste? Kohn: Sie fühlt sie mir nach. Das also ist des Pudels Kern! Aus Deutschland heraus nach Palästina zur Gründung des Reiches, zu der sich ja schon eine Bank gebildet hat! — Darauf kann ich, wie hoffentlich alle Diejenigen, die es mit Judenthum und Kultur ernst meinen, nur das einzige vernünftige Wort antworten, das sich in dem ganzen Drama findet, und das der alte Moser sagt: „Schön gesagt, Herr Doktor, aber das sind doch nur Worte!" Die Schreier, die uns wirklich glauben machen wollen, daß sie selbst nach Palästina gehen werden, sind entweder Betrüger oder Betrogene. Keinem Juden, der als Arzt oder Anwalt, als Schriftsteller oder Gelehrter, als selbständiger Kaufmann oder Angestellter in Deutschland sein Brod findet, wird es im Ernst einfallen, sein Vaterland zu verlaffen. Jeder von ihnen betrachtet Deutschland als sein Vaterland und weiß sehr wohl, so schlimm die Zeiten auch sein mögen, daß die Glieder dieses Vaterlandes sich auf ihre Pflicht besinnen werden. Es ist nicht blos eine Thorheit, sondern es ist ein Verbrechen, uns glauben machen zu wollen, daß wir ein anderes Vaterland haben als das, dem wir unsere ganze geistige Bildung und ein gutes Stück unserer sittlichen Bildung verdanken, ganz abgesehen von der puren praktischen Unmöglichkeit, auch nur die jüdische Bevölkerung eines einzigen größeren Landes in Palästina unterzubringen. Es bleibt ein an Wahnsinn streifendes Verbrechen, den deutschen Juden zu wiederholen, daß sie nur Juden und keine Deutschen sind! Somuß das Stück des Herrn Nordau wegen seiner armseligen Erfindung, wegen seiner ungeschickten Bearbeitung bei jedem ästhetisch Gebildeten Mißbilligung, wegen seiner Schilderung der christlichen Gesellschaft und seiner zionistischen Tendenz bei jedem ehrlichen deutschen Juden Entrüstung Hervorrufen. rEe Iacharias Frankel in Berlin. Von Dr. S. Bernfeld. XIV. ach Empfang des Eichhorn'schen Briefes war Frankel entschloffen, die Wahl in Berlin abzulehnen, zumal ihm auch das Verhalten Veits Mißtrauen einflößte. Er theilte diese Absicht seinem Freunde Muhr mit, der darüber untröstlich war. Hingegen scheint sich der Berliner Vorstand noch immer der Hoffnung

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