Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 45 (11.11.1898)
- Date
- 1898-11-11
- Page
- Seite 532 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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- 532 - halb, weil er freieren Anschauungen über das Wesen unserer Lehre hegt, in Frage gestellt werden. Von orthodoxer Seite war inan oft geneigt, Männer, die das Judenthum als eine lebensvolle, der Entwickelung fähige Idee behandelten, zu verketzern und ihnen jeden Antheil an dem väterlichen Glauben abzusprcchen. Diese Verirrung liegt in der menschlichen Natur und ist deshalb, wenn auch nicht berechtigt, doch jedenfalls erklärlich und auch entschuldbar. Im Anfang des dreizehnten Jahrhunderts tobte in der Judenheit ein erbitterter Kampf gegen die Lehren Maimonides', in denen manche Glaubensgenossen solche dem Judenthum widersprechende oder gar feindliche Anschauungen zu finden glaubten. Der Widerstreit gegen den großen jüdischen Denker des Mittelalters war gewiß an sich und auch sachlich berechtigt. Aber wohin der orthodoxe Fanatismus führen kann, zeigte nachher das traurige Ereigniß, als die Feinde der Religionsphilosophie, nachdem sie mit ihrem Räsonnement zu Ende waren, keine Bedenken trugen, die Hilfe der Dominikaner anznrufen. „Ihr richtet die Ketzerei in Eurer Mitte", sprachen die „Retter des Judenthums", wie könnt Ihr es nur dulden, daß sich die Ketzerei unter den Juden verbreite?" Und richtig griffen die glaubenseifrige» Mönche zn; sie verbrannten die philosophische Schrift des Maimonides, aber auch — den Talmud. Die Lehren unserer Geschichte müßte jeder Jude beherzigen, freilich gehört dazu in erster Reihe, daß man sie kennt. Der größte Feind des Judenthums ist die Unwissenheit, und die schlimmste Orthodoxie ist die, welche aus dieser Unwiffenheit hervorgeht. „Der Ignorant darf nicht überfromm sein", lehrten daher die Weisen Israels. Die meisten Streitigkeiten in der Judenheit, namentlich die unserer Zeit, haben ihren Ursprung darin, daß sich der Ignorant, der „Am-Haarez", als Frommer, als „Chassid" geberden will und dabei natürlich nicht weiß, wofür er zu eifern hat. Welche Kämpfe hat es nicht bereits in der Judenheit deshalb gegeben, weil in mancher Synagoge das „Kol-Nidre" zum Jom-Kippur-Abend abgeschafft wurde. Wir brauchen uns gewiß nicht erst dagegen zu verwahren, als ob wir dem Kol-Nidre jene Bedeutung beilegten, die ihm von feindlicher Seite beigemessen wird. Aber ebenso wenig hat das Kol-Nidre jene hohe Bedeutung, die von orthodoxer Seite ihm beigelegt wird. Es ist eine Thatsache, die jeder Sachkundige weiß, daß sich dieses liturgische Stück in der Gebetordnung gegen den Willen der größten Autoritäten in Israel eingebürgert hat; sie waren dagegen aus dem einfachen Grunde, weil es eine Art von Lösung der Gelübde bedeutet, die man nach talmudischer Anschauung am Sabbath oder an einem Feiertage gar nicht vornehmen darf. Eine der größten Koryphäen der Orthodoxie unseres Jahrhunderts, Rabbiner Samson Raphael Hirsch, ordnete daher auch in Nikolsburg, wo er als Landrabbiner von Mähren fungirtes an, daß das Kol-Nidre am Rüstetage des Jom-Kippnr, am hellen Tage, gesagt werde. Was geschah jedoch? Ein frommer Am-Haarez schrie den gelehrten und strenggläubigen Landrabbiner an: „Wir werden es nicht dulden, daß Sie das Judenthum zerstören!" Eine Zerstörung des Judenthums bedeutet bei unseren Orthodoxen jedes noch so winzige Abweichen von dem Hergebrachten. Vor etwa einem Jahrtausend schickte ein Schuloberhaupt aus Babylonien, damals die höchste Autorität in der Judenheit, eine Gebetordnung an die europäische Judenheit. In jener Gebetordnung befand sich auch ein Gebet für das Schuloberhaupt und für die Mitglieder der höchsten geistlichen Behörde im fernen Asien, das bekannte Jekum- Purkan, das übrigens nicht hebräisch, sondern in der aramäischen Landessprache abgefaßt war. Seitdem hat das Gaonat, wie jene geistliche Behörde in Babylonien hieß, schon längst zu existiren aufgehört. Die Judenheit betet aber noch immer für das Leben des Oberhauptes jenes Schulhäuses, das schon seit achthundert Jahren nicht vorhanden ist. Und da geschah es Anfangs der fünfziger Jahre, daß Michael Sachs (ja, ja, Michael Sachs und nicht etwa Holdheim oder Geiger) die Abschaffung dieses Gebetes in der Synagoge anordnete. Die Berliner Orthodoxen erwirkten jedoch vom Kultusministerium einen Erlaß, wonach eine Abänderung der Gebetordnung, die „einen Eingriff in das Judenthum bedeutet", nicht zulässig wäre. Hatten unsere Weisen nicht'vollkommen Recht, als sie sagten, der Am-Haarez soll kein Chassid sein, und find solche Erinnerungen nicht die eindringlichsten Warnungen für die augenblickliche Situation in unserer Gemeinde? Und doch können wir uns zur Noth auch mit diesen Orthodoxen befreunden. Wenigstens haben sie für sich die „Naivität der Unwissenheit". wie Treitschke zu sagen pflegt. Weil sie das Glück haben, den „Schulchan-Aruch" nicht zu kennen, glauben sie, ihm in allen Einzelheiten treu geblieben zu sein. Sie wiffen in ihrer gottgesegneten Unwiffenheit nicht, daß sie täglich unzählige Verbote dieses „Schulchan-Aruch" übertreten und noch mehr Gebote desselben mißachten. Was soll man aber von unseren spezifisch Berliner Neuorthodoxen halten, die mit der „Schinkenstulle" in der Hand für den „Schulchan-Aruch" schwärmen? Geiger (Jüdische Zeitschrift für Wiffenschaft und Leben II., 267) sagt von dieser Neuorthodoxie: „Allerdings ist sie in ihren Führern eine künstliche Frucht; sie war von vornherein forcirte Uebertreibung, gemachtes Echauffement, und sie kann sich nur erhalten in der Temperatur der Siedehitze, sie muß sich ereifern, um nicht zu erlahmen." So standen die Verhältniffe im Jahre l863. Seitdem hat die Neuorthodoxie freilich nur in Berlin „Fortschritte" gemacht. Sie gestattet ohne Weiteres die Mißachtung aller jüdischen Gebräuche; es gehört sogar in diesen Kreisen zum guten Ton, daß jeder Führer in den Sitzungen des Centralvereins für sich öffentlich betheuert, praktisch das Ceremoniell des Judenthums nicht im Mindesten zu berücksichtigen. Aber die Religion müffe erhalten werden. Für wen? Nun, für die Anderen! Dabei handelt es sich nicht blos darum, daß etwa von Gemeindewegen die nöthigen religiösen Einrichtungen getroffen werden, wodurch jedes fromme Mitglied der Gemeinde seine religiöse Befriedigung finden kann. Dies geschieht ja in Berlin stets. Nein, die Gemeinde muß „fromm" werden. Wie sagte doch einst ein französischer Deputirter, als im Parlament über die Abschaffung der Todesstrafe debattirt wurde? „Mögen doch die Herren Mörder den Anfang machen!" Mögen doch die Herren Orthodoxen, vor allem die Repräsentanten lind Führer selbst den Anfang machen, mögen sie persönlich zeigen, daß es ihnen mit dem „Frommsein" ernst ist. Und wenn ihr frommer Uebereifer manchesmal uns unbequem werden sollte, wenigstens wird er nicht widerwärtig sein, und wir werden uns seiner schon erwehren! Wir finden in dem ganzen talmudischen und rabbinischen Schriftthun? keine Anweisung dafür, daß man etwa verpflichtet wäre, die Gemeinde fromm zu machen; eher heißt es da, man solle, wenn manches religiöse Verbot allgemein übertreten werde, lieber dazu schweigen, damit das aus Unwiffenheit (beschogeg) und nicht mit voller Absichtlichkeit (bemesid) geschehe. Dagegen aber lautet ein ethischer Ausspruch im Talmud in Bezug auf Frömmigkeit: „Schmücke zuerst damit dich selber und erst dann die Anderen!"