Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1898-10-28 · Heft 43 (28.10.1898) · p. Seite 510

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
62 (1898)
Issue
Heft 43 (28.10.1898)
Date
1898-10-28
Page
Seite 510 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3228257-3228301--54993-3291179
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

4 entity mentions

510 gehört, wie man sagte: „Soll man nur unsere Kinder in eigene Schulen schicken, wenigstens werden wir mehr jüdische Lehrer anstellen können." Ja, so weit ist es gekommen. Leute, welche, um nur eines zu erwähnen, es dulden, daß der jüdische Religionslehrer an unseren von Hunderten von Schülern mosaischer Konfession besuchten Mittelschulen die unwürdigste Stellung einnimmt, die da nicht laut ihre Stimmen zur Abhilfe erheben, haben es verwirkt, daß man ihrem Rufe folge. Sie haben abgewirthschaftet. Iwri. ÄeUinek und Nießer über den Zionismus. Bon Dr. D. Leimdörfer-Hamburg. i, einer der letzten Nummern dieser Zeitschrift wird die Stellungnähme des Seminardirektors Zacharias Frankel und des Historikers L. Herzfeld zum zionistischen Gedanken, durch besondere Citate belegt, hervorgehoben. Auch der berühmte Gelehrte und Kanzelredner Adolf Jellinek nahm in einem Aufsatz, den er am 17. März 1893 veröffentlicht hat, anläßlich einer ungarischen Bischofskonferenz zu dieser Frage Stellung. Er schreibt: „In den ungarischen Bischofskonferenzen, welche in diesen Tagen in Budapest über kirchenpolitische Fragen abgehalten wurden, hat der Primas von Ungarn, Kardinal Vaszary den Entwurf eines Memorandums vorgelegt, in welchem das Judenthum nicht blos als eine Religion, sondern auch als eine Nationalität bezeichnet wird, und daraus Konsequenzen gegen die Rezeption der Juden abgeleitet werden, da man argumentirte, daß der Uebertritt vom Christenthum zum Judenthum zugleich ein Verlaffen der ungarischen Nationalität bedeuten würde. Dieser Behauptung gegenüber fragen wir: Giebt es eine Nationalität ohne ein eigenes abgeschloffenes Territorium der Nation und ohne eine besondere abgeschlossene Geschichte und Entwickelung derselben? Können einige Millionen Menschen, die in fünf Welttheilen zerstreut leben, eine Nation bilden? Die Raffe oder der Stamm ist. ein Naturprodukt, deren Eigenschaften und Besonderheiten der Angehörige einer Raffe oder eines Stammes mit sich zur Welt bringt, wo er auch leben und welchem staatlichen Gemeinwesen er angehören mag; die Nation aber ist ein Produkt der Kultur und der Geschichte. Man ist Mitglied einer Nation, wenn man deren Geschichte theilt, deren Geschichte durchlebt, deren Wohl und Wehe mitempfindet, deren Jntereffen und Bestrebungen als Theil des Ganzen fördert. Die Juden haben daher längst aufgehört, eine Nation zu repräsentiren. Sie gehören einem und demselben Stamme an, bekennen sich zu denselben Glaubenssätzen, sind aber nimmermehr eine besondere Nation. Ein König ohne Land ist kein Herrscher, ein Stamm ohne selbständiges politisches und kulturelles Leben kann nimmermehr als eine Nation erscheinen. Wir wollen ein Beispiel und einen Beleg aus Oesterreich anführen. Die Deutschen in Oesterreich sind Bestandtheile des deutschen Volkes oder Stammes, nimmermehr aber Mitglieder der deutschen Nation, die in Deutschland politisch organisirt ist, einen eigenen Herrscher, eine eigene Verfaffung und eine eigene Geschichte hat, welche mit derjenigen der Deutschen in Oesterreich nicht parallel sich entwickelt. Wenn heute z. B. die deutsche Nation unter Führung des deutschen Kaisers einen Krieg gegen Frankreich führt, so werden die Deutschen in Oesterreich gewiß mit ihrem ganzen Herzen dem Ausgang dieses Krieges folgen, nicht als Söhne der deutschen Nation, sondern als Stammverwandte derselben. Man kann daher unmöglich der Behauptung des Primas von Ungarn zustimmen, daß das Judenthum nicht blos eine Religion, sondern eine Nationalität repräsentire. Da es sich in dieser Diskussion nicht um eine Theorie, sondern um die Lösung einer praktischen Frage handelt, so muß man gegen die These des Kardinals Vaszary im Namen der ungarischen Juden aufs Entschiedenste protestiren. Die ungarischen Juden sind die glühendsten Patrioten, die treuesten Söhne Ungarns, die opfermuthigsten Bürger im Reiche der Magyaren, die begeistertsten Förderer der ungarischen Interessen- Sie zeichnen sich im Heere durch ihre Tapferkeit und Opferfreudigkeit aus. sie besitzen eine große Anzahl von Schriftstellern, welche die magyarische Sprache meisterhaft schreiben, sie sind die tüchtigsten Vertreter von Handel und Industrie, ste find sehr empfindlich für die Ehre des ungarischen Namens und des ungarischen Ansehens. Wenn auch die Behauptung des ungarischen Primas von der Bischofskonferenz abgelehnt wurde und keine praktischen Folgen haben wird, so erwarten wir dennoch von unseren Glaubensgenossen in Ungarn, daß sie nicht unterlaflen werden, dagegen mit allem Nachdruck aufzutreten, daß sie nicht volle, ganze, hingebende, opfermuthige Bürger des ungarischen Vaterlandes find, und daß ihre Konfession ihren begeisterten Patriotismus adschwächt. Wir können aber nicht umhin, unsere Stimme gegen das unbesonnene Treiben jener Vereine in vielen großen Städten zu erheben, welche die Fahne einer besonderen jüdischen Nationalität aufpflanzen und sich darauf vorbereiten, für das Kommando des künftigen jüdisch-nationalen Heeres zur Eroberung von Palästina neue hebräische Ausdrücke zu schaffen, auch die Farbe und den Schnitt der Uniformen zu bestimmen. Das Exerzirreglement wird ja ganz prächtig klingen und wird an Originalität alles übertreffen, was bisher in diesem Fache geleistet ist. Das sind nicht unsere Freunde, welche uns eine besondere Nationalität aufoktroyiren, und das sind nicht die echten Juden, welche uns in Verlegenheit bringen und bittere Kämpfe verursachen." Auf diesen Aussatz wies mein seliger Lehrer Jellinek in der letzten Zeit seines segensreichen Lebens mit Vorliebe hin, so oft man den Kardinalpunkt der zionistischen Idee streifte. Ob Jellinek jemals zu den Nationaljuden gezählt worden, weiß ich nicht, doch zweifelsohne würde so Mancher nach der eingehenden Lektüre seiner klassischen Reden über Zion schwerlich Anstand nehmen, ihn zu den Zionisten zu zählen. Anders verhält es sich mit Gabri el Nießer. Diesen jüdischen Anwalt der Emanzipation der Juden in Deutschland hat man, ob dona fide oder nicht — einerlei — zur Zeit, als deutsche Rabbiner ihre Stimme gegen die zionistische Bewegung erhoben hatten, in dem neuen Organ der Zionisten als einen Nationaljuden hingestellt. Man lese dagegen Gabriel Rießrrs Schriften, Band II, Seite 145. Hier heißt es: „Sollten unter Tausenden Einige sein, die sie verweigerten (nämlich die Erklärung, daß die Juden sich als den: Staate, in welchem, als der Nation, unter welcher sie leben, angehörend betrachten) und es vorzögen, einem nicht existirenden Staat und einer nicht existirenden Nation anzugehören, so möchte es räthlich sein, dieselben unter polizeiliche Aufsicht zu stellen — nicht der Gefährlichkeit ihrer Ansicht wegen, sondern weil eine starke Vermuthung für Verrücktheit vorhanden wäre." Idiä. S. 354: „Was die Juden national von anderen Nationen zu trennen scheint, ist nichts Wirkliches, es ist ein Traum, ein Bild, ein flüchtiger Schatten der Erinnerung, höchstens eine Sehnsucht überirdischer Frömmigkeit; es ist nicht das frische Leben der Gegenwart, es sind die Gräber der Vorzeit, in denen die Scheidewand ruht." Was Gabriel Rießer apologetisch über die Ehre seines Glaubens und seiner Glaubensgenoffen geschrieben, die vielen Kapitel, in denen er die Juden zu treuem Festhalten an ihrer Religion in fulminanter Weise mit Geist, historischem Scharfblick und beißendem Witz ver-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.