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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1898-10-28 · Heft 43 (28.10.1898) · p. Seite 509

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
62 (1898)
Issue
Heft 43 (28.10.1898)
Date
1898-10-28
Page
Seite 509 (sequence 5)
Language
German
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That,. eine sonderbare Zusammenstellung; und doch sind es diese beiden, so disparaten Begriffe, welche dem Herrn Bürgermeister von Wien den Schlaf der Nächte rauben. Wenn man sich die Sache näher besieht, so besteht zwischen beiden allerdings ein Zusammenhang. Die erste That des Herrn von Wien sollte sein, daß er, wie er sagte, Wien von der Herrschaft der Engländer befreien wolle. Die Engländer haben allerdings dem Gewaltigen von Wien nichts gethan, aber er stellt sie natürlich den Juden gleich. Welche ethnographischen oder sozialen Momente ihn dabei leiten, wissen wir natürlich nicht. Genug, der Vertreter der Gas-Engländer ist ein Jude oder Judenstämmling, und der große Philanthrop Montefiore lebte auch in England, Grund genug dafür, in den Engländern Juden oder wenigstens Judenknechte zu sehen. Und diese reizen nun einmal den Obergewaltigen wie ein rothes Tuch gewisse Thiere. Nun wollte Lueger die Wiener mit seinem eigenen Licht, natürlich meinen wir Gaslicht, beglücken. Er rechnete den Tag, ja die Stunde aus, in welcher die Engländer mit ihrem Gaslicht würden vernichtet, zerschellt zu seinen Füßen liegen. So beschloß er mit seinem Mamelukenheer, in Wien eigene Gaswerke zu bauen und die Engländer fröhlich ans der Stadt des Stephansthurmes, des Heurigen, der Antisemiten und der Backhändel zu vertreiben. Doch siehe, Lueger und Gregorig und Purscht denken, aber die Engländer lenken. Ja, sie sind gescheidt, diese stolzen Söhne Albions. Sie ließen die Lenker Wiens theuere Gaswerke bauen, für welche Millionen Schulden gemacht wurden, und dann kamen sie, die elenden Shylock- und Krämerseelen, mit ihrem Schein. Und der Schein besagt, sie hätten das Recht, bis zum Jahre 1911 die Wiener Vororte mit ihrem Gas zu beleuchten; und jetzt stand er da, der große Advokat und Bürgermeister, mit den Schulden, die er gemacht, mit dem Gutachten von zwei hochgelahrten Wiener Professoren und seinem ganzen Gefolge an Schreiern. Männer, welche, um mit Lueger zu reden, zufällig Richter geworden — es werden gewiß lauter Juden gewesen sein, denn wir haben ja jetzt auch in Oesterreich jüdische Richter — entschieden den Prozeß zu Gunsten der Engländer, urid der Generalissimus von Wien muß nun vor Albion zu Kreuze kriechen, sonst verdirbt es ihm das Geschäft ganz und giebt das Gas billiger ab, was für die Wiener Bevölkerung gewiß nicht zum Nachtheil wäre, wohl aber zu in Nachtheil Luegers. Wo aber -hat Jemand das Recht, auf seinen Vortheil zu bestehen, wenn der große Volksvertreter dabei zu Schaden käme? Was ist das Volk und sein Vortheil gegen Lueger und seine Autorität? Freilich, das Wiener Volk ist anders geartet als das Volk an anderen Orten. Es jubelt seinem Führer zu, und wenn er es auch zum Tode führt. Er wirft ihm dann nur einige Juden vor, und die hochgehenden Wogen besänftigen sich, das Gemurmel schweigt, und holde Eintracht herrscht bald zwischen Heerde und Leithammel. Und so hat denn Lueger den Wienern wieder einige Juden zum Verspeisen gegeben; diesmal sind es die jüdischen Schulknaben. Derselbe Lueger, der im Abgeordnetenhaus unter dem Jubel der „Linken", auf der auch einige Glaubensgenossen, z. B. der Herr Zuckerfabrikbesitzer und Millionär Auspitz, sitzen, Minister tödtet und sich auf die deutsche „Gemeinbürgschaft" — ein neues Wort, hinter welchem nicht viel zu suchen ist — hinausspielt, derselbe Lueger, der sich hier so volksthümlich, so liberal, so radikal geberdet, derselbe Proteus mit den vielen Janusgesichtern und Chamäleonseigenschaften, hat den Klerikalen einen großen Dienst geleistet, er hat ihre Herzenswünsche erfüllt, er hat zur That geinacht, wonach sie sich schon so lange sehnen, er hat in Wirklichkeit die konfessionelle Volksschule in Wien wenigstens eingeleitet. Kraft seiner Machtvollkommenheit und inappellablen Weisheit hat er als Vorsitzender des, ihm alle Zeit getreuen Wiener Bezirksschulraths die jüdischen Kinder in eigene Klaffen und auch die christlichen in eigene Abtheilungen einpfarren oder, wenn man will, einschulen lassen. Darob großer Jubel im antisemitischen, sprich klerikalen Heerlager, Lueger hat Hasners, des Schöpfers unseres interkonfessionellen Reichsvolksschulgesetzes, Werk mit einem Schlage zu Nichte gemacht. Es geht nichts über einen Charakter. Vormittags ein Ausbund von Freisinn, ein Volksmann, umbraust vom Jubel „liberaler" Volksvertreter, zu denen auch natürlich unsere Sozialdemokraten, mit dem großen Daszynski an der Spitze, gehören. Nachmittags Schöpfer der konfessionellen Schule. Hie liberal, hie klerikal! diese Streitrufe verstummen, seitdem Lueger gezeigt hat, wie man sich von Sozialdemokraten und Tiroler Schwarzen zugleich beglückwünschen lassen kann. Ehrliche Männer nennen das Charlatanerie, die Wiener meinen, unser Lueger ist doch ein Genie, und die Wiener Frauen erst, sie küssen, natürlich im Geiste, den „schönen Karl", der noch immer unverheirathet ist. — Die Wiener können nun ruhig schlafen. Die Engländer, d. h. die Gasjuden, sind zwar noch nicht aus der Backhändelstadt vertrieben, dafür werden ihre Kinder nicht mehr von den unsittlichen jüdischen Kindern verdorben werden. Nach dem Ausspruch eines Lueger'schen Barrierestock-Gemeinderaths lernen nämlich die christlichen Kinder von den Juden nicht nur das „Rülpsen", sondern ihre Moral leidet auch von der jüdischen Unmoral erheblichen Schaden. Wir haben zwar in der Schule gelernt, das alte Testament und der Dekalog seien die Grundlagen der christlichen Sittenlehre ebenso wie der jüdischen; wir haben gelesen, es steht gewiß im Neuen Testament, der erhabene Religionsstifter habe verkündet: „Er sei gekommen, das Gesetz und die Propheten zu erfüllen"; aber was kümmert sich so ein Wiener Hausherr, Antisemit, Pfaidler oder Fleischer, Mechanikus oder Advokat um Altes oder Neues Testament, er dekretirt, es gäbe zwei Moralen und dabei bleibt's, „er selbst hat es gesagt". Wo Vernunftgründe nicht ausreichen, da muß in unserer Zeit der Aufrichtigkeit und Wahrheit „das Moralin" herhalten; es ist dies kein chemischer Stoff, aber ein sehr beliebter Gebrauchs- und Bedarfsartikel. Aber, was seh' ich? Jst's möglich? Ja, wahrhaftig, diesmal blendet mich nicht der Schein. Man höre! Man denke I Die Wiener Juden haben sich aufgerafft. Das ist kein Märchen. Das ist reine Wahrheit. Sie berufen Enqueten ein, um das — Elend der polnischen Juden zu lindern. Freilich ist die Sache bedenklich. Wenn ich nicht irre, sagte Bismarck irgend einmal: „Wenn man nicht weiß, was man thun soll, so beruft man Enqueten ein." In, die Wiener Juden organisiren sich. Sie wollen auch gegen Lueger, gegen die Einschulung der jüdischen Kinder protestiren: Diese Proteste müssen Lueger stürzen. Es wird viel gesprochen werden, der Dr. Mittler wird schöne Reden halten, und es bleibt beim Alten. Glauben die Weisen unter den „jüdischen Führern" nicht, daß es mit den Donnerworten und den schönsten Protestreden jetzt schon etwas zu spät ist? Haben diese klugen Strategen nicht vorausgesehen, daß es so kommen werde, so kommen müsse? Was haben sie gethan. um diesen Ansturm, der sich auf die Rechte des jüdischen Volkes vorbereitete, abzuwehren? Wir fürchten, gar mancher von diesen Grundgescheidten wird sich jetzt die bange Antwort geben: „Zu spät, zu spät!" Kleinlichkeiten haben uns zersplittert, den Blick auf das Ganze uns getrübt, und, was wir an dieser Stelle immer in den Vordergrund stellten, eine stramme Organisation, diese haben wir nicht zu erlangen getrachtet. Um es aufrichtig zu sagen, das jüdische Volk, die große Masse der Ringenden und Kämpfenden, steht den Versuchen Luegers, aber auch der Abwehr Dr. Mittlers und Konsorten kalt gegenüber. Sie hat von der einen Seite nichts mehr zu befürchten, von der anderen nichts zu erwarten. Wir haben

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