Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 43 (28.10.1898)
- Date
- 1898-10-28
- Page
- Seite 511 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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511 »MiMIMMWWD„IJU SBR»J mahnt, die klassischen Sätze, die er als Grundsätze seiner patriotischen und religiösen Gesinnung der Mit- und Nachwelt hinterließ, darauf hinzuweisen, bietet dieser Artikel weder Gelegenheit noch Raum. Sind doch viele derselben sogar in die Lehrbücher der jüdischen Schuljugend gelangt. Könnten aber selbst diese seinen Standpunkt zum politischen Zionismus aufs Klarste erweisen, so mag noch außer dem hier angeführten folgendes Citat seinen Platz an dieser Stelle finden: „Wer mir den Anspruch auf mein Vaterland bestreitet, der bestreitet mir das Recht auf meine Gedanken, meine Gefühle, auf die Sprache, die ich rede, auf die Luft, die ich athme. Darum muß ich mich wie gegen einen Mörder gegen ihn wehren!" Spricht also ein Nationaljude im Sinne des Zionismus? Unsere Bibel in Wissenschaft und Unterricht. Vortrag, gehalten in der wissenschaftlichen Vereinigung jüdischer Schulmänner zu Berlin von Rabbiner Dr. B. Jacob in Göttingen. Meine Herren! ine Anzahl Schulberichte, welche ich seit einer Reihe von Jahren über den Religionsunterricht in meiner Gemeinde Göttingen veröffentlicht habe, und die zu Ihrer Kenntniß gekommen sind, hat in mehreren Sitzungen Ihrer geschätzten Vereinigung eine so fachkundige und überaus wohlwollende Beurtheilung gefunden, daß ich mich freue, Ihnen heute auch mündlich meinen tiefgefühlten Dank aussprechen zu dürfen. Gern bin ich daher der ehrenvollen Einladung Ihres hochgeschätzten Herrn Vorsitzenden, meines lieben Freundes Dr. Adler, gefolgt, in Ihrer Mitte einen Vortrag zu halten. Ich habe geglaubt, für eine „wiffenschaftliche Vereinigung jüdischer Schulmänner" kein angemeffeneres Thema zu finden als: Unsere Bibel in Wissenschaft und Unterricht. M. H.! Wer auch auf die leiseren Stimmen der Zeit zu horchen sich bemühte, der wird seit einiger Zeit eine schüchterne Klage unter uns vernommen haben, von der zu wünschen ist, daß sie bald zu einem allgemeinen lauten Rufe anschwelle:, die Klage über den Verlust der Bibel. Die Bibel ist fast verschwunden aus der jüdischen Wiffenschaft, aus dem jüdischen Hause und hat nicht überall die gebührende Stellung im jüdischen Unterricht. Das schlechthin Einzige, was Israel an unvergänglichen, weltbeglückenden Gütern hervorgebracht hat, die Grundlage seines Glaubens, die Quelle seines dreitausendjährigen Geistenslebens, sein höchstes Gut, sein theuerstes Heiligthum ist ihm entriflen. Unsere Bibel ist nicht mehr unsere Bibel. Unterschätzen wir nicht die Schwere dieser Thatsache. Sie ist eine schlimme Prophezeiung für unsere religiöse Zukunft. Mit der Bibel in der Hand haben wir — die Jahrtausende rufen es uns zu — die Aufgabe, eine Geistesmacht ersten Ranges zil sein. Der biblischen Weltanschauung und ihren sozialen Gedanken muß sich immer wieder die Menschheit zuwenden, wenn wieder einmal eine religiöse, philosophische, wiffenschaftliche oder soziale Lehre, die Wahrheit, Gerechtigkeit und Glück versprach, Bankerott gemacht hat. Das Judenthum aber ohne Bibel ist dem Tode verfallen. Wenn wir die Quelle unserer Religion verschütten oder abgraben kaffen, dann müffen früher oder später für uns die Waffer des Lebens versiegen. Keine noch so vielseitige litterarische Geschäftigkeit noch die Regsamkeit eines lallten Gemeindelebens noch die glänzendsten Veranstaltungen der Nützlichkeit und Zweckmäßigkeit dürften uns über den Todeskeim im Innern hinwegtäuschen, über die innere Haltlosigkeit und Erstorbenheit, über den Mangel eines aus der Tiefe sprudelnden Lebens. Licht und Leben ist uns von jeher aus der Bibel gefloffen, und nur die Rückkehr zu ihr kann uns wiederbelebeli. Wir müssen der Bibel wieder die Stellung geben, die ihr im Judenthum gebührt als Führerin und Richterin, als Text unseres Lebens, damit wir zu Herolden ihrer ewigen Wahrheiten für die nach Heil dürstenden Jahrhunderte werden. Die Bibel muß in den Mittelpunkt der jüdischen Wiffenschaft und des jüdischen Unterrichts treten, um von da. in das jüdische Haus einzuziehen. I. Also eine jüdische Bibelwissenschaft fehlt uns. Aber ist denn die Bibel nicht in den Händen der nichtjüdischen Wissenschaft bereis so gut aufgehoben, daß wir uns einfach ihr anschließen und als Mitarbeiter bei ihr eintreten können? Darf die Wiffenschaft konfessionell sein? Um das Recht und die dringende Nothwendigkeit einer jüdischen Btbelforschung zu erweisen, ist es nöthig, den Charakter der heute herrschenden alttestamentlichen Wiffenschaft zu beleuchten. Alle Auffassungen des Alten Testaments in dieser Wiffenschaft liegen zwischen den Extremen der christlich - dogmatischen und der kritischen. Daß wir das erstere als wahr und dem Wesen und Sinn der Bibel angemessen nicht anerkennen können, ist selbstverständlich. Die christlich-dogmatische Auslegung des Alten Testaments sieht in diesem nur eine niedrigere Stufe und unvollkommene Form der religiösen Erkenntnisse und sittlichen Forderungen. Erst das Neue Testament mit seiner Lehre von der Liebe ist die höchste Stufe und endgiltig vollkommene Form. Das Alte Testament ist die Ahnung, das Neue Testament die Gewißheit, das Alte die Vorbereitung, das Neue die Vollendung, das Alte die Weissagung, das Neue die Erfüllung. Gewißheit, Vollendung und Erfüllung sind erschienen in Jesus von Nazareth, dem Christus, dem Heiland der Welt. Das Gesetz war nur ein Zuchtmeister auf ihn, die Propheten verkünden ihn, die Psalmen sind die Stimmen der nach ihm sehnsüchtigen Herzen. Diese Richtung studirt daher das Alte Testament, um zu zeigen, inwiefern das Neue bereits in ihn: vorgebildet ist. Es ist ihr eine Schatzkammer von Beweisstellen. Es ist eine Form, die man eigentlich zerschlagen könnte, nachdem das Kunstwerk selbst geschaffen ist, die man aber pietätvoll aufbewahrt, um an ihr die Ungestalt zu studiren. Die Quelle dieser Auffassung ist das Neue Testament selbst, besonders die paulinisch beeinflußten Schriften. So schief und mißverständlich die Auffassung des Alten Testaments in diesen Schriften ist, das Christenthum beruht auf ihr. Es ist also für immer daran gebunden, und trotz aller Windungen wird es stets darauf hinauskommen. Wir wissen, wie sehr diese sich als die absolute und allein wahre gebende Auffassung zeitlich bedingt ist. Sie ist entstanden aus der Bildung eines besonders stürmisch zählenden Jahrhunderts, beeinflußt durch Vorurtheile, Hoffnungen und Wünsche eines kleinen beschränkten Kreises, geprägt nach der einseitigen Individualität einzelner Persönlichkeiten und schon verurtheilt durch die mangelhafte Kenntniß des fremd gewordenen Originals. Bei dem Nachweis brauchen wir uns nicht aufzuhalten. Das Geschäft, die christlich-dogmatische Auffassung des Alten Testaments als unhaltbar nachzuweisen, ist durch die andere Richtung bereits so gründlich besorgt, daß uns nichts mehr zu thun bleibt. Längst hat eine historische Betrachtungsweise die Unmöglichkeit dargethan, Christus im Alten Testament zu finden, längst ist die Beweiskraft aller alttestamentlichen Aussagen für spezifisch christliche Lehren und Dogmen unwiderruflich zerstört. Freilich würde man sich täuschen, wenn man damit die christlichdogmatische Auffaffung des Alten Testaments für beseitigt hielte. Was durch eine historisch-kritische Beweisführung hinausgeworfen ist, ■;i :4 \