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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1898-04-19 · Heft 17 (19.4.1898) · p. Seite 203

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
62 (1898)
Issue
Heft 17 (19.4.1898)
Date
1898-04-19
Page
Seite 203 (sequence 11)
Language
German
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203 Schriftthums und der Ueberlieferung erfüllt und von demselben geleitet, auch aus dem Einzelnsten das Allgemeine, aus dem Offenbaren das Verborgene, aus der Erscheinung das Wesen geschöpft haben.') (Forts, folgt.) EUILLETON Ner Narr. Erzählung von Jda Oppenheim. fv 5 (Fortsetzung.) (cjrvfCTafitenb Lea in wilden Fieberphantasien sich ruhelos auf dem Lager hin- und herwarf, hatte Nathan eine schwere Prü- 0 fung bei Eitel zu bestehen, die ihn natürlich für alles verantwortlich machte. „Wo Du Deine Hände im Spiel hast, da giebt's nichts Gutes, Du Narr," rief sie zornig. Sie keifte und zankte mit dem Burschen, der ganz gegen seine Gewohnheit still und blaß dastand, die Augen fort und fort auf die halbgeschlossene Kammerthür gerichtet, aus der sein Ohr eigenthümliche Laute trafen, die ihm so wehe thaten, er wußte selbst nicht warum. „Was stehst Du hier müßig?" rief die Alte zornig, da Nathan still und stumm, ohne sich zu rühren, vor ihr gestanden. „Mach Deine Sache, Du Tagedieb!" Zögernd folgte der Bursche ihrem Befehl. Der Hunger quälte ihn, er schlich sich still fort. Da öffnete sich langsam die Thür; der Rabbi trat heraus. „Gebt Nathan zu essen," sagte er mit klanglos milder Stimme. „Dann bleibt bei Lea. Bald kommen die Bocherim zum Lernen." Mürrisch leistete die Alte dem Befehl Folge. Nathan rührte nichts an von den dargereichten Speisen. Er legte den Löffel fort, der Bisien quoll ihm im Munde. „Hebt's auf für einen Anderen," sagte er leise, indem er hinausging. Gitel sah ihm ärgerlich nach. „Was der doch Allen für eine Last ist!" brummte sie. „Der ist in keiner guten Stunde geboren. Wo er sich zeigt, da giebt es Unglück, und unser gutes Kind ist immer so freundlich zu ihm, so voller Mitleid. Nun hat er ihr auch zu ihrem Unglück verholfen. Ach Gott, ach Gott! Wohl ist der Mutter, daß sie diesen Schmerz nicht mehr erlebt hat!" So jammerte die Alte fort und fort, indem sie hastig die Küche aufräumte, um dann schnell einen Blick auf die Gasse zu werfen und zu der Kranken hineinzugehen. Gitels kurze Umschau draußen hatte genügt, um die Unglücksbotschaft in ausführlichster Weise, geschmückt mit allen Verwünschungen und Drohungen gegen den Gutsherrn, zu verbreiten. ') Vergl. Michael Sachs: Beiträge zur Sprach- und Alterthumsforschung, Berlin 1854. II. Bd. S. 135. „Die Erzählung des Alterthums wird zur Prophetie, die Poesie der späteren Zeiten rückgreifende Symbolik." — Daher sind: „die Väter die Füße für den Gottesthron", denn wie Sachs treffend diese Worte deutet: „in den Patriarchen gründet die Gotteserkenntniß und die Gottangehörigkeit ein neues Reich höheren Lebens in der Welt" . . . „In jedem Worte (des Hohenliedes nach des Midrasch Deutung) spiegelt sich die wundervolle Vergangenheit ab, und die phantasievolle Willkür der Erklärung und Umschreibung sprengt die Kette des Zusammenhanges, da sie jeden Ring derselben zu einem unverhältnißmäßigen, selbständigen Kreise erweitert." Alle, die daheim waren, kamen in Windeseile auf die Gasse, und Gitel war umringt von einer Schaar, die von Minute zu Minute wuchs. Endlich wußten Alle von dem schrecklichen Vorfall. Befriedigt und erleichtert ging die Alte zur Kranken. Ihr folgten eine Anzahl Frauen und Mädchen, die mit allerlei Rathschlägen, in seltener Zungenfertigkeit hervorgebracht, dienten und die Kranke durch lautes Reden ängstigten. Der Rabbi schickte Alle fort, gab strengen Befehl, Niemand einzulasten, und begab sich schweren Herzens zu seinen Schülern. Jeder wollte gern den Narren sprechen. Er hatte ja alles mit angesehen, er mußte Auskunft geben. Doch Nathan war nirgends zu finden. Plan- und ziellos wanderte er im nahen Wäldchen umher. Seine Hände ballte er zu Fäusten, seine Augen blickten wild um sich. Aus seiner schnell athmenden Brust drangen stöhnende Laute. Wie unglücklich war er doch gewesen, daß er sie nicht schützen konnte. Warum nur hatte der Wütherich nicht ihn sich zum Opfer erkoren, ihn, der ja Niemand hatte, um den ja Niemand trauern würde. Er warf sich auf die Erde; seine brennenden Wangen kühlte das weiche dunkle Moos. Er fühlte sich so elend. Niemand konnte er nützen. Ach, und Lea hätte er so gern geholfen! Sie war ja so gut zu ihm. stets so gut! Ein Narr war er, Keinem zur Freude auf der Welt. Allen eine Last, sich selbst zum Ueberdruß. Wie es in ihm gährte und arbeitete. Es schien seine Brust sprengen zu wollen, das wilde Weh, das in seinem Herzen wüthete. Ihm war, als müßte er etwas thun, um die schwere Last von sich zu werfen, die ihn zu ersticken drohte. Er streckte die Hände weit von sich. Sein Körper dehnte sich, er erfaßte einen alten Baumstamm, den vor Jahren ein Sturm niedergeschmettert, und der jetzt oft den Spaziergängern der Gasse 1 am Sabbathnachmittag als willkommene Ruhebank diente. Diesen versuchte er weiterzuschleifen. Die Anstrengung that ihm wohl, j Er ward müde — ruhiger. Die Nacht war inzwischen hereingebrochen. Die Gasse lag still i und öde da. ' Die kleinen Fenster waren verschloffen, und durch die Holzläden drang dann und wann ein kleiner Lichtschimmer. Langsam ging Nathan über die schlechte, holprige Straße. Vor dem Hause des Rabbi blieb er stehen. Wie gern wäre er hineingegangen, um nach Leas Ergehen zu fragen. Ob sie wohl noch so wirr sprach? Ob sie Schmerzen hatte? j Er wagte es nicht. Gitel hatte ihn so ausgezankt. Er war ja ' an allem, au allem Schuld.! Traurig und bekümmert setzte er sich auf die Schwelle und horchte. Die Nacht war kühl und feucht. Es fröstelte ihn, aber er rührte sich nicht. Still saß er da und lauschte, das Haupt gegen die Thür! gelehnt. Ein dumpfer Schmerz im Kopfe zwang ihn, die Augen zu schließen. Er schlief ein. Am Morgen, als der Schulklopfer die Andächtigen zur Synagoge; rief, fand er den Narren halb erstarrt am Boden liegen. Recht unsanft rüttelte er ihn aus dem Schlafe und jagte ihn fort. Wankend schritt der Bursche seinem Heim zu. Es war ein elend' Bodenkämmerchen im Schulhause, nur dürftig ausgestattet

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