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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1898-04-19 · Heft 17 (19.4.1898) · p. Seite 204

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
62 (1898)
Issue
Heft 17 (19.4.1898)
Date
1898-04-19
Page
Seite 204 (sequence 12)
Language
German
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- 204 Heute schien's ihm besonders kalt und düster. Er setzte sich auf sein hartes Lager und Thräne auf Thräue rann ihm die Wangen herab. Wochenlang schwebte Lea in Todesgefahr. Es herrschte in der Gasse tiefe Trauer. Im Tempel sagte man alle Abend Tehillim, und die alten Frauen trieben allerlei Aberglauben und Heimlichkeiten, um damit das Leben des von Allen geliebten Kindes zu erhalten. Der Vater litt furchtbar. Er saß jede freie Minute an ihrem Lager. Angstvoll spähte er in ihr vom Fieber geröthetes Antlitz. Er hörte ihre seltsamen Phantasien und durchlebte tausendmal die qualvolle, unselige Stunde, die seinen Liebling so elend gemacht. Seine zitternden Hände glitten sanft über die heißglühendcn Wangen seines Kindes; seine Schmerzensthränen kühlten ihre brennende Stirn. Seltsame Bilder jagten an ihrem fiebernden Hirn vorüber. Wunderliche Gedanken ängstigten sie. Immer hob sie flehend die Hände ihrem Peiniger entgegen. Gnade flehten die trockenen Lippen. Gnade baten die angstvoll starrenden Augen. Inmitten all der Schrecken, die die Krankheit mit sich brachte, inmitten all der Todesangst und Pein hob der alte Rabbi seine Hände und flüsterte mit ersterbender Stimme: „Auch das zum Guten, mein Gott. Strafe nicht härter, nicht grausamer!" Wie schwer wurde es ihm, dem alten Mann, sich demuthsvoll dem Geschick zu beugen! In seinem langen Leben, so reich an Kämpfen und Leiden, hatte ihn nicht einen Augenblick sein festes Vertrauen auf Gott verlassen. Nun, da er alt und elend war, nun sollte er noch den letzten Lichtblick verlieren, den Gott ihm gegeben? Nun sollte er das junge, lebenswarme Geschöpf, das so ganz ihm gehörte, sein köstlichstes Gut auf Erden war, enden sehen. Noch glühte der Körper, noch kämpfte er gegen die Gewalt des Todes, noch athmete sie ja — Lea — sein Kind. Immer noch konnte der Barmherzige helfen. Zu ihm, zu ihm hob er seine Hände in heißem Flehen. Er, der da heilet die Kranken und aufrichtet die Gebeugten. Er allein konnte Wunder thun! (Fortsetzung folgt.) Spvechsaal. Geehrter Herr! <Äln Nr. 15 Ihres geschätzten Blattes wird die Zurückweisung jüdischer Mädchen von verschiedenen privaten höheren Töchterschulen in Berlin, namentlich im Westen, gemeldet. Nach genauer Feststellung ist es Thatsache, daß einzelne dieser Lehranstalten die Aufnahme von Jüdinnen ablehnen, andere nur einen gewissen Prozentsatz zulassen. Daß die Eltern über solche Zurückweisungen aus konfessionellen Gründen sich verletzt fühlen und erregt sind, ist leicht erklärlich. Die darüber geführten Beschwerden bei der städtischen Schulverwaltung sollen deshalb nicht gefruchtet haben, weil angeblich das Provinzial-Schulkollegium geantwortet habe, „man könne eine zwar konzesstonirte, aber doch Privatschule nicht zwingen, jedes sich meldende Kind aufzunehmen, es stände der Vorsteherin zu, dieses abzulehnen, jenes anzunehmen". Daß auch bei Staatsanstalten Zurückweisungen aus konfessionellen Gründen vorgekommen, ist uns nicht bekannt. Wir lassen es dahingestellt, ob die städtische Verwaltung künftig bei Anstellungen, Pensionirungen rc. die Angestellten einer Privatschule gleich solchen anderer Schulen behandeln werde, sondern wollen heute nur die Interessenten darauf aufmerksam machen, daß die weiteren vorzunehmenden Maßnahmen nur dann Abhilfe versprechen, wenn es gelingt, die städtische Verwaltung zu veranlassen, im Westen eine städtische höhere Töchterschule zu errichten. Die städtische Verwaltung wird nicht einen Augenblick zögern, einer großen Anzahl hochbesteuerter Bürger Gleichberechtigung zu gewähren, und bei dem notorischen Nothstand leben wir der Erwartung, daß die Verwaltung so schleunig als thunlich das Weitere veranlassen wird. Berlin, 25. April 1898. M. H . . . . n. * Geehrter Herr! s sei mir gestattet, zu dem in Nr. 14 der „Z. d. I." vom 8. April d. I. enthaltenen Paragraphen 39 des „Von den Quellen der jüdischen Sittenlehre" überschriebenen Artikels von Prof. Lazarus im Interesse der Texteskritik und Apologetik Folgendes zu bemerken: Es heißt daselbst: Wie oft hat man den heftigen Ausspruch des Simon ben Jochai vorgerückt: „Auch den besten der Heiden erschlage". Man hat vergessen, das Simon bis aufs Blut von den Römern verfolgt und gezwungen war, 13 Jahre in einer Höhle verborgen sein Leben thatlos und freudlos zu fristen re. Ich kann nicht umhin, darauf aufmerksam zu machen, daß in diesem Citate zwei sehr wichtige Worte, die noch im Texte stehen und ilön^Ö lauten, fortgelassen sind. Diese beiden Worte aber ändern den Sinn des Ausspruchs ganz und gar. Bereits im Mittelalter, und zwar im Jahre 1240, benutzte der berühmte Tosafist R. Jechiel aus Paris dieselben, um den Borwurf, der dem Judenthum schon damals wegen des Ausspruchs des Rabbi Simon ben Jochai gemacht wurde, energisch zurückzuweisen und den feigen Ueberläufer und elenden Denunzianten seines ehemaligen Glaubens Namens N. Dunin — als Christ Nicolaus — ad absurdum zu führen. Dies geschah in der Disputation des Letzteren mit den vier ad hoc ernannten französischen Rabbinen über die Wahrheit oder Unwahrheit der gegen den Talmud erhobenen Beschuldigungen. Bekanntlich wurde dieser Meinungskampf seinerzeit vor einer gelehrten Kommission und in Gegenwart der Königin Blanche ausgefochten. Als nun Dunin berüchtigten Angedenkens an der Hand jenes Ausspruchs die Ehre und Lehre des Judenthums beflecken zu können gedachte, nahm ihn R. Jechiel gründlich ins Verhör und fragte ihn, ob ihm auch die Quelle bekannt wäre, welcher jener Ausspruch entnommen sei. Als der so Gefragte mit Nein antwortete, schlug der gelehrte Rabbi die betreffende Stelle im Traktat Soferim e. 15 auf, woselbst es nicht allgemein^ snn a’uatp Bits sondern ann nai-feia nj?®3 B'ISBV Bits.' d. h. den besten der Heiden erschlage zur Zeit der Kriegsführung mit ihm. Es ist genau dieselbe Lehre, die in einem anderen Ausspruche der Weisen enthalten ist und lautet: „Wer dich zu tödten im Begriffe steht, komme du ihm zuvor und tödte ihn." In beiden Fällen ist von keiner Offensive, sondern nur einer Defensive oie Rede! Dahingegen ist das Verbrechen gleich groß, ob man einen Juden oder einen Heiden tödtet, wenn man sich eben nicht im Stande der Nothwehr befindet. Das Gebot: „Du sollst nicht morden", Exod. 20, 43 und Deut. 5, 17, bezieht sich ganz allgemein auf das Leben eines jeglichen Menschen, weß Glaubens und Stammes er auch immer sei. Selbst das Leben der Heiden aus der Mitte der sogenannten „sieben Völker", mit denen die Israeliten einen Kampf auf Leben und Tod führten, galt als heilig und unantastbar, wenn diese den angebotenen Frieden annahmen, und nur, wenn sie den Krieg wollten, wurde schonungslos gegen sie vorgegangen. Siehe Deut. 20, 10 und die Erläuterungen des Nachmanides zur Stelle. Demnach fällt der Vorwurf, den man dem Judenthum aus jenem Ausspruche des Rabbi Simon ben Jochai macht, in Nichts zusammen. Jnowrazlaw. Dr. H. T. -st Briefkasten der Redaktion. E. L. in B.: Allerdings. Der sel. Dr. Elias Pleßner hatte die Absicht, im Gegensatz zu anderen Ausführungen den bestimmten Nachweis zu erbringen, daß sein Vater durchaus nicht der Kabbalah gehuldigt und den Sohar nur um seiner sprachlichen und exegetischen Bedeutung willen geschätzt habe. Während der Arbeit an diesem Thema ist er gefährlich erkrankt und bald darauf, allgemein betrauert, verschieden. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.

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