Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 17 (19.4.1898)
- Date
- 1898-04-19
- Page
- Seite 202 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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202 Er war ein ganzer Mann, das ist ihm oftmals nachgesagt worden. Er war ein ganzer Mann, das hat ein jeder seiner Gegner empfunden. Und wir, die wir ihn verloren haben, wir Deutsche jüdischen Glaubens, wir werden stets und zu jeder Zeit anerkennen: er war ein ganzer Mann. Glücklich die Familie, der er Vorstand; glücklich die Gemeinschaft, der er angehörte; und glücklich Diejenigen, die sich dereinst an seinem Charakter und seinen Thaten erfreuen werden. Möge es uns nie an solchen Männern fehlen! Aon den Ouellen der jüdischen Sitteniehre. Bon Prof. Dr. M. Lazarus. vm. § 60. Fasten wir nun noch einmal die Hauptgedanken über die Quellen zusammen, aus denen eine Darstellung der Sittenlehre des Judenthums zu schöpfen hat, so ist vor Allem dieses zu betonen: Aus dem Geiste des gesammten Schriftthumes viel mehr als aus deii.^einzelnen überlieferten Lehrsätzen erkennen wir den ethischen Gehalt, die Richtung und den Höhegrad seiner sittlichen Weltanschauung. Wenn schon überall der Grundsatz seine Geltung hat, daß das Einzelne einer schriftlichen Ueberlieferung nur aus dem Ganzen, zu dem es gehört, vollkommen verständlich wird: dann findet er auf unseren Gegenstand desto mehr seine Anwendung. Wie im lebendigen Organismus alle einzelnen Theile in ihrem Bestände und in ihrer Funktion viel mehr von dem Ganzen abhängig sind, als das Ganze von jedem einzelnen Theile: so kann man den wahren Sinn und die Bedeutung alles Einzelnen im jüdischen Schriftthum nur aus seiner Beziehung zum Ganzen erkennen. Den Gesammtgeist also, der alle die einzelnen Aussprüche durchdringt, sie umschwebt und sie belebt, muß man erfassen, in und aus ihm den wahren ethischen Gehalt erkennen. Man bleibt nicht blos von dem Ziele, das der Darstellung einer Sittenlehre des Judenthums gesteckt ist. entfernt, vielmehr man ist gar nicht auf dem Wege zu demselben, wenn man nur für die bei den heutigen Kulturvölkern insgemein geltende (oder in irgend einem System vorgetragene) Moral einzelne Aussprüche aus der Bibel und dem Talmud herbeizieht, in denen dieselbe Moral zum Ausdruck kommt. Das hat seinen guten historischpsychologischen Grund in den gegebenen Thatsachen. — Nicht nur in den biblischen Schriften, sondern auch im Rabbinismus ist die Reflexion auf die eigene Gesinnung, auf das innerste Wollen, auf das geführte Leben selten die Form, in welcher dieses selbst sich ihnen und uns offenbart. Wie die letzten Keimkräfte eines Baumes in seinen Saugwurzeln, oder die Quellpunkte eines Brunnens tief in der Erde verborgen bleiben, so auch entzieht sich bei ihnen der Grundtrieb und der Sinn für das Ziel dem ausdrücklichen Wort. Vieles, was auf dem Boden des Judenthums geschaffen, was innerlich erlebt, in Gemüth und Gesinnung ergriffen worden ist, hat den Weg zum methodisch geformten Gedanken, vollends zur systematisch geordneten Fastung deffelben, gar nicht gefunden; und es ist, wenn schon zum Denken, doch nicht zum strengen und klaren, kurz gesagt, zum sprachlich-wiffenschaftlichen Ausdruck gekommen. Bald ist es überhaupt nur als innerliche That erlebt, als Handlung geübt und so auch erzählt, bald hat sich eine Allegorie, eine Legende, eine Hindeutung auf einen biblischen Spruch oder Vorgang an die Stelle schlichter aber begrifflich deutlicher Lehre gesetzt. Die ethische Grundanschauung geht eben weiter, ist tiefer und klarer als die entwickelten Begriffe und als die formal durchgeführte Anwendung; deshalb gewinnt sie nicht die prägnante wiffenschaftliche Form.') 8 61. Daß bei der unvergleichlich reichen, vielseitigen und unermüdlichen geistigen Beschäftigung mit dem Gegenstände, welche mit Scharfsinn und sehnsuchtsvoller Vertiefung geführt wird, gleichwohl die sonst üblichen scientivischen Methoden systematischer Ordnung und logischer Ableitung vermißt werden, ist ebenfalls in historischen Thatsachen begründet. Einmal hat die älteste Gesetzgebung in ihren Vorschriften nur bestinimte Handlungen (oder Unterlaffungen) gefordert, den spezifischen sittlichen Antrieb und den besonderen Zug der Gesinnung, mit einem Wort: das Motiv des Gesetzes gar nicht oder nur mit der allgemeinsten sittlichen Idee (wie: heilig sollt ihr sein, denn ich bin heilig, u. dergl.) hinzugefügt. Sodann aber hat die jüdische Religion das Leben so mit symbolischen Handlungen durchflochten, welche die psychologisch leitende oder allegorischanschauliche Form einer sittlich-reinen Gesinnung darstellen oder vorbilden, daß das Bedürfniß nach einer anderen, nach einer begrifflich deutlichen Form auch für das Gebiet der sittlichen Handlungen und ihrer entsprechenden Gesinnungen sich nicht geltend gemacht hat. Unstreitig ist der eigentliche Jdealgehalt der Lehre in dieser Form des Vortrages unverkümwert und in Bezug auf die Erregung der Willenskraft vor der logischen Zergliederung sogar bevorzugt. Deshalb ließ der Geist des Rabbinismus sich an demselben genügen und konnte der Form der scientivischen Systematik entbehren. 8 62. Schließlich hat dabei noch eine Thatsache von hoher Bedeutung mitgewirkt. Der Zweifel und die Kritik sind die Erzeuger der wiffenschaftlichen Untersuchung. Alles sittliche Gebot aber galt dem jüdischen Geist zugleich als religiöses, das heißt also als göttliches Gebot. Ueber den allgemeinen Sinn und die allgemeine Gesinnung, die ihm zu Grunde liegt, konnte deshalb kein Zweifel entstehen, noch auch hätte Kritik an derselben Anwendung finden können. Eben deshalb aber, weil das Allgemeine und der innerste Grund des Ethischen so unbedingt feststand, hat man auch auf die Erörterung der spezifischen Bedeutung der einzelnen Gesetze und auf die logische Ableitung derselben verzichten zu dürfen geglaubt. Die Sicherheit des Gehorsams wurde dadurch erhöht, die Klarheit und Bestimmtheit des Wiffens aber hat es wesentlich beeinträchtigt?) 8 63. Darin aber sind die talmudischen Autoren, namentlich der älteren Zeit (der Mischnah. Tosifta und der talmudischen Midraschim) Meister und Vorbilder, daß sie, vom Gesammtgeist des >) Wir werden uns über dies Beryältniß im Innersten des rabbinischen Geistes umsoweniger wundern, wenn wir bei Eucken die feine Beobachtung hören, daß ein Gleiches selbst bei Kant, dem großen Meister der philosophischen Zergliederung, stattfindet. „Es kommt (bei Kant) zu keinem deutlichen Gesammtbegriff vom lebendigen Wesen des Menschen. Wenn Kant um die Begriffe: Persönlichkeit, Charakter, Handlung u. s w die größten Berdienste hat, ja, wenn dieselben erst hier recht in das Licht wiffenschaftlicher Erkenntniß treten, so geschieht das keineswegs von der Form her, sondern es wird vielmehr die Form durch eine reichere ursprüngliche Induktion ergänzt. Aber wenn die Grundanschauung weiter ist als die Begriffe, so kann sie natürlich in ihnen nicht zur Enfaltung kommen." (S. Die Lebensanschauung großer Denker. Leipzig 1890, S. 4öS.) 2) In späterer Zeit sind minder tiefe und desto mehr eifervolle Geister deshalb so weit gegangen, die Forschung nach den speziellen Gründen für die einzelnen Gesetze geradezu als ketzerisch zu verwerfen (z. B. in dem berühmten und berüchtigten Kampfe gegen Maimonides). Der Streit um die Erörterung des Gesetzes aus seinem Grunde (K“lp*7 SttPB t£?Tn“T) tritt schon im Talmud bei den Tannaiten hervor, hat aber hier wesentlich praktische Bedeutung für die Auslegung des Gesetzes.