Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1906-10-05 · Heft 40 (5.10.1906) · p. Seite 478

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
70 (1906)
Issue
Heft 40 (5.10.1906)
Date
1906-10-05
Page
Seite 478 (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3228690-3228731--62963-3290151
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

4 entity mentions

478 Es folgt nun die Geschichte mit dem Kikajon und der Schluß : „Und als nun die Sonne strahlte, da ließ Gott einen schwülen Ostwind kommen, und die Sonne brannte dem Jona auf das Haupt, daß er matt wurde; da wünschte er sich den Tod und sprach: Es wäre mir besser zu sterben, als weiter zu leben. Da sprach Gott zu Jona: Ist es Wohl billig, daß du dich also ärgerst über, den Kikajon? Und Jona antwortete: Billig ärgere ich mich zu Tode. Da sprach Gott: Dich jammert der Kikajon, an dem du nicht gearbeitet und beu du nicht großgezogen hast, der in einer Nacht geworden und in einer Nacht vergangen ist. Und mich sollte nicht jammern Ninive, die große Stadt, in welcher sind mehr als 120 000 Menschen, die noch nicht rechts und links zu unterscheiden wissen, und so vieles Vieh?" „Mit dieser Frage schließt das letzte Buch der prophetischen Literatur Israels. Schlichter, als etwas ganz Selbstverständliches und eben darum herrlicher und ergreifender ist es im alten Testament niemals ausgesprochen worden, daß Gott, eben als Schöpfer der ganzen Welt, auch zugleich der Gott und Vater der ganzen Welt sein müsse, dessen liebendem, gütigem Vaterherzen alle Menschen gleich nahe stehen, für den es keinen Unterschied von Nation und Bekenntnis gibt, sondern nur Menschen, welche er nach seinem Ebenbilde geschaffen hat. Hier leben Hosea und Jeremia wieder auf, diesen beiden Größten reicht der unbekannte Verfasser des Büchleins Jona die Hand: in die Sphärenharmonie des unendlichen göttlichen Erbarmens klingt der israelitische Prophetismus aus, als köstlichstes Vermächtnis für die ganze Welt." (Cornill.) Eine zweite Tendenzdichtung, ebenfalls eine Parabel und gleich „Jona" erfüllt vom prophetischen universellen Geist, besitzen wir in dem kleinen Buche Ruth. Seine Spitze ist hauptsächlich gegen die Engherzigen gerichtet, welche namentlich die heidnische Frauenwelt als massa perditionis cm sehen. Die unbarmherzige Strenge, mit der Esra die Vertreibung aller ausländischen Frauen erzwang, erscheint dem unbekannten Verfasser als ein nach Sühne schreiendes Unrecht. So führt er uns in einer herrlichen Dichtung ein edles moabitisches Weib. Ruth, vor. Ihr Mann , ist tot, und Naemi, ihre Schwiegermutter, im Begriffe nach Juda zurückzukehren, schlägt ihr und Orpah vor, im Laude Moab zu bleiben. Orpah bleibt zurück. Ruth aber spricht zu Naemi: „Wohin du gehst, gehe ich, und wo du übernachtest, übernachte ich; dein Volk ist mein Volk und dein Gott ist mein Gott." (1, 16.) Dieser freiwillige Anschluß eines heidnischen Weibes an das Judentum wird in Juda freudig begrüßt. Und Boas ruft der Fremden zu: Es vergelte dir Gott dein Tun, und es sei dein Lohn voll bei dem Ewigen, dem Gotte Israels, da du gekommen bist, unter seinen Flügeln dich zu bergen." (2, 12.) Und dieser Wunsch hat sich herrlich erfüllt: Ruth, das moabitische Weib, wird die Stammutter des größten israelitischen Königs, David. Mit nicht zu mißverstehenden Worten gibt der Verfasser seinen Gedanken Ausdruck, daß ein reiner israelitischer Stammbaum noch keine Bürgschaft dafür ist, daß man ein lebendiges Glied der Gottesgemeinde sei. Ans die innere Gesinnung, auf die sittliche Lebensführung kommt alles an. Ob Heide oder Jude: vor Gott sind alle gleich. Darum weg mit allen Schranken und Scheidewänden! Auch die Andern haben ein Anrecht an Gott, an seiner Liebe, an seiner Wahrheit. Und deine Mission, Israel, besteht eben darin, an deiner und der Völker Befreiung zu arbeiten, damit auch diese sich unter den Flügeln Gottes bergen können. Die dreizehn Artikel des Msinmnides und das Glsubenslyltrm des modernen Judentums. Von Dr. K. Köhler, Rektor des Hebrew Union College in Cincinnati. VI. E. Ist ein besonderes Glaubensbekenntnis für das Reform-Judentum notwendig oder ratsam? ir kommen nun zur Hauptfrage. Die Vorlegung seines Credo begründet Professor Margolis mit der vollkommen richtigen Behauptung, daß das Judentum keine bloße Rassenangehörigkeit und kein engherziges nationales Dasein, sondern höchste religiöse Wahrheit, heiligstes und reinstes Denken, Leben und Streben des Geistes bedeute; daß wir also, die wir den fortgeschrittenen Anschauungen der Zeit huldigen, unserer religiösen Ueberzeugung gemäß das jüdische Glaubensbekenntnis neu formulieren müssen im bewußten Gegensatz zu den Glaubensartikeln der Orthodoxie, die wir von Beginn der Reformbewegung seit Geiger, Holdheim, Samuel Hirsch, Einhorn in Deutschland und Isaak M. Wise in diesem Lande verworfen haben. Allein, paradox wie es klingen mag, so behaupten wir doch, daß, so dringend im Interesse der Selbstvergewisserung die Aufstellung eines besonderen Glaubensbekenntnisses für das Reform-Judentum auch erscheinen mag, so unratsam ist es, ein solches in aller Form und mit Ausschluß der übrigen Teile der Judenschaft durch eine repräsentative Versammlung aufzustellen und als bindend anznnehmeu. Ueberstüssig ist es, nach den klaren Auseinandersetzungen von Leopold Löw, dem Professor Schechter gefolgt ist, die so häufig und gedankenlos wiederholte Behauptung Mendelssohns zu widerlegen, daß das Judentum bloß Gesetze, aber keine Glaubensgrundsätze oder Dogmen habe. Seit zwei Jahrtausenden legt der Jude zweimal täglich sein Glaubensbekenntnis ab, wenn er im Lehema Jisroel die Einheit Gottes proklamiert und darauf im Emeth we Jatziw, im Emeth we Emunah die Erklärung folgen läßt: „Wahr und sicher für ewig ist es, daß der Herr allein Gott ist und sonst Keiner." Und als betreffs der Wiederauferstehung und der künftigen Erlösung die Meinung der Parteien weit auseinandergingen, weil die Sadduzäer nur beim alten Glauben an Scheol starr verharrten, da verliehen die pharisäischen Begründer der Synagoge, die sogenannten Männer der großen Synode, diesen beiden Glaubenssatzungen einen besonderen Platz in der täglichen Gebetsordnung. Diese Tatsache aber beweist nicht bloß, daß das Judentum seine Dogmen hat, sondern zeigt auch, wie religiöse Lehrmeinungen den Charakter von positiven Glaubensgrundsätzen annehmen. Durch die Aufnahme gewisser Formeln des Bekenntnisses in die Liturgie erhebt die religiöse Genossenschaft, die Glaubensgemeinde, die darin ausgesprochene Lehrmeinung zur Würde und Bedeutung eines Glaubensbekenntnisses, das füralle bindende Kraft annimmt. Wer die Ani Maamin, das auf den dreizehn Glaubensartikeln "des Maimonides im Mischnah-Kommentar begründete Credo, verfaßt und sie iir die synagogale Liturgie eingeführt hat, bedarf noch einer näheren Untersuchung. Darüber kann kein Zweifel herrschen, daß, während das mohammedanische Glaubensbekenntnis, dessen Ablegung einer der fünf unerläßlichen Glaubensakte des Moslim ist, wahrscheinlich eine Nach-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.