Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 40 (5.10.1906)
- Date
- 1906-10-05
- Page
- Seite 477 (sequence 9)
- Language
- German
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477 -— und verletzerrden Angriffe auf die Ehre der Mitglieder einer Behörde, die lediglich nach ihrem pflichtmäßigen Ermessen und in Anwendung der Bestehenden Gesetze in schwierigster Läge gehandelt hat. Das Gericht erkannte auf eine Geldstrafe von zweihundertfünfzig Mark, welche im Falte der Uneinbringlichkeit mit einem Monat Gefängnis zu verbüßen ist. In Gemäßheit des § 200 des Reichsstrasgesetzbuches war der beleidigten Behörde die Veröffentlichungsbefugnis, wie geschehen, zuzuerkennen. Es kamen weiter in Anwendung § 20 Absatz 2 des Gesetzes über, die Presse und betreffs der Kostenentscheidung 8 497 der Strafprozeßordnung. Der erforderliche Strafantrag war sowohl von dem Oberrate als auch von dem Großherzoglich Badischen Ministerium der Justiz, des Kultus und Unterrichts form- und fristgerecht gestellt worden. Das letztere ist Vorgesetzte Behörde des ersteren. «ML- Melker, Propheten und Meile in Ursel. Von Professor Dr. G. Klein-Stockholm. VI. Opposition. Jona und Ruth. Ueber das Werk Esras lautet das Urteil des späteren Schriftgelehrten: „Als die Thora von Israel vergessen wurde, kam Esra aus Babel und gründete sie wieder." x) „Esra war würdig, daß die Thora durch ihn gegeben werde, hätte sie Moses nicht schon erhalten."^) Das Lob, das eine dankbare Nachwelt diesem energischen und zielbewußten Priester spendet, ist wahrlich kein unverdientes. Wohl hat er den Lebensbaum Israels mit einer harten Rinde umgeben. Aber wie wäre es ohne diese Rinde gegangen! Dieser Baum war ausgesetzt der Hitze des Tages und dem Froste der Nacht. Weltstürme haben ihn zu fällen und zu entwurzeln gesucht. Dank der Weisheit Esras hat er beispiellosen Widerstand geleistet, und sie haben nichts über ihn vermocht. Diese Rinde war ihm eine Schutzwehr vor allen äußeren Feinden. Daß dieser Baum sich aber noch durch die Jahrhunderte lebenskräftig und lebenspendend erwiesen. das war nicht Esras Werk, sondern das war das Verdienst der Propheten, die diesen Baum mit Saft und Mark reichlich versehen haben. Denn der Geist der Propheten hat in diesem sortgelebt und fortgewirkt und Früchte gezeitigt, die Gott und Menschen erfreuen. So war denn das Werk Esras für die Entstehung und Weiterentwicklung des Judentums von der allergrößten Bedeutung. Er hat seinen Nachfolgern, den Soferim, die Richtschnur für ihr Wirken angegeben, und sein Geist ist in allen späteren Einrichtungen des Judentums zu verspüren. Aber neben diesen offiziellen Repräsentanten der Lehre arbeiten die Weisen und die stillen Frommen im Lande an der Verinnerlichung der Religion. Es ist freilich nicht mehr der schöpferische, religiöse Geist, welcher die Zeiten des religiösen Werdens durchglühte, dennoch ist es universeller Prophetengeist, der auch diese Männer erfüllt. So erhält sich trotz Esra die frühere Dualität im Judentume, die universelle Religion neben der nationalen. Die Auflehnung gegen die von Esra inaugurierte Isolierung des Judentums hat schon früh begonnen. In dem kleinen Buche Jona kommt der universalistische Prophetengedanke zum herrlichsten Ausdruck. Der unbekannte Verfasser, wohl einer der Chachamim, bedient fich der Parabelsorm, um seinem Volke einen Spiegel vorzuhalten. Er will ihm zeigen, daß es fich mit seinem schroffen Partikularismus auf einer abschüssigen Bahn befinde i) Sukka 20a. 3) Sanhedr. 21. 51. und nahe daran sei, sein Ziel aus dem Auge zu verlieren. Denn Israels Ziel ist und bleibt, ein Licht der Heiden zu werden. Jona, der Repräsentant des soferischen Judentums, empfängt den Auftrag, sich an die Arbeit der Heidenmission zu machen. Er soll der Stadt Ninive das göttliche Gericht verkündigen. Jona aber weigert sich des und will zu Schiff nach Tartessus fliehen. Ein wilder Sturm entsteht. In ihrer Angst wenden sich die heidnischen Schiffer, ein jeder zu seinem Gott, nur Jona schläft. — Das will sagen: ein Sehnen und Lechzen nach Gott erfüllt die Heiden. Israel, der berufene Knecht Gottes, soll dieses Sehnen stillen, soll ihnen den Weg zu Gott zeigen. Aber Israel schläft, es ist froh, im Sturm ein Ruheplätzchen gefunden zu haben. An dem Wohl und Weh der Heiden ist ihm wenig gelegen. Für seinen Ungehorsam wird Jona gestraft. Er wird in die Meerestiefe gesenkt. Aber Wellen und Wogen vermögen nichts über ihn. — Damit drückt der Verfaffer den Jeremianischen Gedanken über Israels eigenartiges Geschick aus: „Du aber fürchte nicht, mein Knecht Jakob . .. denn mit dir bin ich, ist der Spruch des Ewigen, dich zu erlösen; wenn ich Vernichtung übe an allen Völkern, wohin ich dich zerstreut, übe ich doch an dir keine Vernichtung. Wohl werde ich dich züchtigen nach Gebühr und ungestraft werde ich dich nie lassen." (Jer. 30 10, 11). Nachdem Jona durch den Fisch aus Sturm und Meer gerettet ist, empfängt er abermals den Auftrag nach Ninive zu gehen, um seinen Bewohnern Buße zu predigen. Diesmal gehorcht er. Aber siehe, kaum daß er seine Missionstätigkeit begonnen, so strömen die Heiden ihm scharenweise zu. „Und die Leute von Ninive glaubten an Gott und riesen ein Fasten aus und kleideten sich in Säcke von Groß und Klein." „Und da Gott ihre Werke sah, daß sie umgekehrt waren von ihrem bösen Wandel, da bedachte sich Gott wegen des Uebels. das er geredet hatte, ihnen zu tun. und tat es nicht." — Die Werke, die Gott verlangt, sind nicht etwa kultische Handlungen — von Heiden konnten doch solche nicht verlangt werden — sondern sittliche Pflichten, und diese verlangt er von allen Menschen, denn alle sind seine Kinder. Darum soll auch Israel, der auserkorene Wegweiser der Völker den Schwerpunkt der Frömmigkeit auf eine sittliche Lebensführung, nicht aber auf Kutus und Ritual legen. Der Prophet Ezechiel hat diesen Gedanken im Namen Gottes so formuliert: „Sprich zu ihnen: So wahr ich lebe, ist der Spruch Gottes des Herrn, daß ich nicht Wohlgefallen habe an dem Tode des Sünders, sondern an der Rückkehr des Frevlers von seinem Wandel, daß er lebe. Kehret um, kehret um von eurem bösen Wandel, denn warum wollt ihr sterben, Haus Israel!" (Ezech. 33, 11). Man erwartet nun. daß die Bekehrung der Niniviter eine Sinnesänderung an Jona ausgeübt hätten. Aber nein, Jona beharrt in seinem Starrsinn, in seiner Engherzigkeit. „Jona ärgerte sich gewaltig und wurde sehr zornig und betete zu Gott und sprach: „Ach, Herr, das habe ich ja gleich gesagt, als ich noch in meiner Heimat war, und deshalb wollte ich anfangs auch nach Tartessus fliehen; denn ich wußte ja, daß du ein Gott bist, gnädig und barmherzig, langmütig und von großer Güte, und der sich das Böse gereuen läßt. Und nun Herr, nimm doch meine Seele von mir; denn es wäre nur besser zu sterben, als weiter zu leben." — Wohl kennt auch das sopherische Judentum den Gott der Liebe. Der Verfasser zitiert Ex. 34, 7 u. 32, 14. Aber die Priesterlehre macht es irre an demselben. Es will seinen Schatz für sich selbst behalten. Es will seinen separaten Gott haben.