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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1906-03-02 · Heft 9 (2.3.1906) · p. Seite 102

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
70 (1906)
Issue
Heft 9 (2.3.1906)
Date
1906-03-02
Page
Seite 102 (sequence 6)
Language
German
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102 Meinung kommen, daß Juden zu Geschworenen ungeeignet sind. Dies ist das bedauerliche Ergebnis. Der Posener Ausschuß wird sicher nach wie vor unbefangen seine Pflicht, tmz.. MochtW-Me Austizhehörden aber dafür sorgen, daß das beklemmende Gefuht verletzender Behandlung von den-jüdischen Bürgern genommen werde!" (Vielstimmiges Bravo!) Unter Bravorufen aus der Mitte der Versammlung endete die Rede. Der Schauplatz für beide Begebnisse ist Posen, dasselbe Posen — in dem die gute Gesinnung gefördert und die vielgerühmte Einigkeit aller Deutschen hochgehalten werden soll. Lwirkscher Kultus. man mag über reformierende Tendenzen im gottesdienstlichen Leben des Judentums denken wie man will, ja man kann selbst der orthodoxen Richtung angehören, man wird doch der Billigkeit Raum geben müssen, daß die Empfindungen und Anschauungen der Menschen selbst in der Verehrung Gottes verschiedene sein können. Kann man nämlich begreifen und sogar nachempfinden, wie ans dem ursprünglichen „katholischen" Christentum der Protestantismus sich entwickelt hat, so soll man es auch versuchen, sich in das Sehnen derer mit unparteiischem Verständnis hineinzuversetzen, die, sei es, daß sie eben nicht im altüberlieferten, traditionell-gesetzestreuen Judentum ausgewachsen sind, oder daß sie dem Fortschritt! seelischer und geistiger Empfindung nachgeben und den alten! Kultus in Formen bringen wollen, die einem modernen Geschmack mehr zu entsprechen scheinen, teils nachahmend, teils philosophisch und psychologisch von Grund aus aufbauend, die Reform in mehr oder minder starker Eklatanz in das gottesdienstliche Leben hineinbringen. Allerdings entwickelt sich hieraus sofort die Frage, welche Art des Kultus die alleinseligmachende sei; aber eine billig denkende Gemeindeverwaltung wird niemals in dieser Frage das Majoritätsprinzip der Gemeindevertreter, ja selbst der Gemeindemitglieder, ausschlaggebend sein lassen dürfen. Denn hier, wo die eventuelle Knechtung oder Vergewaltigung des Gewissens in Frage kommen kann, wird die Erwägung bestimmend sein müssen, daß nicht der Zwang zum vermeintlichen Fortschritt, sondern die Voraussetzung gottesdienstlicher Erbauung die Annahme oder Ablehnung des reformierten Gottesdienstes entscheiden müsse. Man darf wohl mit Recht behaupten, daß sich das Gewissen des Reformers eher in dem altüberlieferten, als das des Orthodoxen in dem modernen zurechtfinden und befriedigen könne, denn jenem bleibt die Möglichkeit, das Fremde durch einfaches Studiuin von Sprache und Form sich geläufig zu machen, während der letztere durch seine Skrupel von einem Wechsel seiner Gottesverehrung abgehalten wird. Daher mögen wohl Großgemeinden, die sich den „Luxus" eines Doppelkultus leisten können, diesen bei sich einführen, wobei sie gut täten, wie z. B. in Frankfurt a. M., Breslau, im Interesse wirklicher Seelsorge das Parochialsystem geltend sein zu lassen; kleinere Gemeinden, die ex publico nur ein Gotteshaus besitzen, sollten niemals, eben um der Billigkeit und Gewissensfreiheit halber, mit dem althergebrachten Kultus, der ja auch für orthodoxe Anhänger einer gewissen Modernisierung fähig ist, brechen. In der Provinzialhauptstadt Posen sind neuerdings im Geineindeleben verstärkte Bestrebungen hervorgetreten, die eine offizielle Anerkennung der „Brüdergemeinde", in der der Orgelgottesdienst geltend ist, herbeiführen wollen. Zur letzteren, gehört eine große Anzahl, Dow Mitgliedern - der HWptgenieinde, rhzMM«terijMtt ^Steuerleiflung M starkes Kontingent bilden und von dieser höchstens mit einem „Zuschuß" bedacht werden, ohne daß ihr Kultus oder Rabbiner (zurzeit Rabbiner Dr. Philipp Bloch, dessen Name infolge seiner anerkannten und ausgedehnten literarischen, besonders historischen Arbeiten und seines gesegneten philanthropischen Wirkens einen guten'Klang hat) „von Amtswegen" anerkannt wären. Die pietätvolle Rücksicht auf den langjährigen und hochbejahrten, in hoher Verehrung stehenden, im orthodoxen Judentum als Autorität, fast zu wenig gewürdigten; und auf seinem Standpunkt weitausschauenden Gemeinderabbiner Dr. Wolf Feilchenfeld hat, wie wir hören, den Ausgleich plausibel gemacht, die offizielle Verschmelzung beider Kulte und die Uebernahme beider auf den Gemeindeetat, sowie die Anerkennung des erstgenannten Rabbiners als „Gemeinderabbiner" noch hintanznhalten. Aber es verlautet schon jetzt, daß der Vorschlag des Gemeindevorstandes dahin geht, die Synagoge der Brüdergemeinde zu übernehmen, wobei die „Brüdergemeinde" mit einer einmaligen Zahlung von 150 000 Mark' abgefunden werden soll, während das doppelte Gemeinderabbinat erst bei einer späteren („über 100 Jahre") Neubesetzung des bisherigen einzigen Gemeinderabbinats kreiiert werden soll. Doch sollen Schechitah und sonstige rein rituelle Angelegenheiten auch dann ausschließlich dem in der altrituellen Synagoge amtierenden Gemeinderabbiner unterstellt werden. Das Parochialsystem wird dann auch in Posen gelten, und, wie man hört, ist den orthodoxen Vertretern der bisherigen Hauptgemeinde die Ueberzeugung eigen, daß es richtig ist, hierin nachzugeben, ehe Verdrossenheit Platz greift und das, strenge Majoritätsprinzip den Frieden der Gemeinde stört. Möge sich jedenfalls auch in Posen der alte Spruch bewähren : Scw bv Dibtrv Ganz anders ist das Bild, das die letzten Tage in Frankreich aufzurollen scheinen. Die Hoffnung mancher Antiklerikalen, daß die jetzt endgültig beschlossene Trennung von Staat und Kirche auf die kirchlichen Gemeinschaften zersetzend einwirken, antizentralistische Tendenzen fördern und schließlich eine Kirchenspaltung zur Folge haben werde, scheint sich merkwürdigerweise zuerst bei den dortigen Juden verwirklichen zu wollen. Dazu kam, daß vor kurzem der langjährige Oberrabbiner (Grandrabbin) von ganz Frankreich, Zadoc Kahn, in dessen Person das ganze Kultusleben der französischen Judenheit einheitlich vereinigt war, gestorben ist. Und so vollzieht sich jetzt dort eine sprunghafte Wandlung. Vor einigen Tagen versammelten sich in Paris im Salon der Madame Eugene Simon eine Anzahl hervorragender jüdischer Persönlichkeiten, darunter Theodor Reinach, der berühmte Historiker, Professor Abraham von der Sorbonne, und Rabbiner Louis Germain Levy von Dijon, um über die Gründung einer reformierten Gemeinde zu beraten. Die Urheber des Gedankens gehen von der Beobachtung aus, das; ein großer Teil der jungen Generation des Judentums dem jüdischen Glauben in der überlieferten orthodoxen Form untreu geworden ist. Das atheistische Freidenkertun;, sowie der Sozialismus, machen auch in den Kreisen des begüterten jüdischen Bürgertums große Fortschritte, die Mischehen nehmen zu, die Kindererziehung wird aller Religiösität entkleidet, und wenn nicht die starke Zuwanderung aus dem europäischen Osten wäre, so wäre (eum grano salis) nach der Ansicht jener Männer fast eine Auflösung des Judentums in naher Zeit zu befürchten. Diesen Tendenzen wollen nun die jüdischen Kapazitäten des Gezeichneten Kreises entgegenwirken. Das Reformjudentum,

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