Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 9 (2.3.1906)
- Date
- 1906-03-02
- Page
- Seite 103 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3228690-3228700--62429-3289568- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
üs mm 103 das. sie begründen wollen, soll die religiös-sittlichen Prinzipien des alten Glaubens erhalten, und., Je in einer der modernen Weltanschauung entsprechenden Form, darbieten. Die rituelle Strenge dagegen, die nach ihrer Ueberzeugung ihre historische Berechtigung und ihren erziehlichen Wert eingebüßt haben soll, und eine Entfremdung zwischen den Juden und den Massen der übrigen Bevölkerung schafft, soll ausgegeben werden. Das Reformjudentum will ausschließlich seelisch - religiös, nicht „national-separatistisch" sein. Vielmehr soll das Bestreben, die französische Judenheit mit dem übrigen Volk in einem nationalen Organismus zu verschmelzen, auch äußerlich dokumentiert werden durch Einführung der französischen Landessprache in den Gottesdienst. Nur einzelne kurze hebräische Gebete sollen sozusagen, als „historische Zeugnisse" beibehalten, die Dauer des Gottesdienstes aber gemäß den Bedürfnissen des modernen Lebens aus eine Stunde beschränkt werden. Von besonderer Bedeutung dürfte die Zulassung des Laienelements zur Predigt sein. Der eigentltdje Gottesdienst soll am Sonntag stattfiuden, doch soll den konservativen Bedürfnissen auch durch eine Gebetstunde am Sonnabend nachmittag Rechnung getragen werden. — Eine der wichtigsten Fragen ist für die in der Organisation begriffene Gemeinde oie des Gotteshauses. Die Reformisraeliten wollen aus eine der vorhandenen Synagogen Anspruch machen. Es ist nun nicht unwahrscheinlich, daß die Konservativen diese Absicht werden durchkreuzen wollen, indem sie ihre Kultusgemeinden den Bestimmungen des Trennungsgesetzes entsprechend umgestalten und den Neuerern ihre Identität mit dem Judentum bestreiten. Für analoge Fälle in der katholischen Welt hat das Parlament die Bischöfe als Richter eingesetzt, und so wird im Judentum wohl die Synode die Entscheidung in Anspruch nehmen. Hier werden jedenfalls die Hindernisse nicht allzu schwer zu besiegen sein. Sind es doch vornehmlich die reichen israelitischen Kreise, die die Resormbestrebungen unterstützen oder wollen, und diesen wird es nicht schwer fallen, sich nötigenfalls einen würdigen Betsaal neu zu schaffen. Vielleicht führen jedoch die gemeinsamen Verhandlungen wenigstens zu einer Modifikation der Ansprüche der Reformer, namentlich hinsichtlich des Sonntagsgottesdienstes; sonst wird sicherlich bald der Boden für das in Deutschland beliebte und geübte Mittelding zwischen Orthodoxie und Rreform gegeben fein. D. Hill. Umlchel Mayer von Kathlchild. Ein Gedenkblatt von Dr. Adolph Kohut. bschon wir in einer Zeit leben, wo der Name „Millionär" beinahe antiquiert ist, indem, wie sich einst ein großer Finanzier geringschätzig ausdrückte, schon ein Mann, der ein e lumpige Million besitzt, sich Millionär nennt, und weil die Multimillionäre, speziell in Amerika, die Herrschaft im Reiche des Mammons angetreten haben, so hat doch der Klang des Namens Rothschild noch immer einen solchen Reiz, daß alles, was der eine oder ändere Bertreter dieser Dynastie tut, das große Publikum immer noch interessiert. Groß ist die Zahl der hervorragenden Bankiers, die seit einem Jahrhundert aufgetaucht sind und durch ihre Transaktionen, ihren enormen Reichtum und den Einstuß, den sie auf dem Gebiete der Politik geübt, sich einen klangvollen Namen — in des Wortes eigentlicher Bedeutung — verschafft haben, aber dennoch gebührt der Dynastie Rothschild in der Phantasie des Volkes gleichsam eine Ausnahmestellung. Das Emporkommen dieses Bankhauses vor etwa einen» Jahrhundert und die Macht, die es seitdem, in Finanz- und politischen Kreisen auszuüben gewußt hat,. nicht minder aber auch die vornehme Gesinnung und die Charakterstärke, wodurch die einzelnen Mitglieder des Hauses von jeher .sich ausgezeichnet haben und — zuletzt, aber nicht am letzten — die treue Anhänglichkeit, die die Rothschilds in bezug auf ihren jüdischen Stamm und ihre Glaubensgenossen allezeit betätigt haben — alle diese Momente sind wie dazu geschaffen, das Interesse des Publikums für die „Könige der Gläubiger und Gläubiger der Könige" stets wach zu halten. Ist auch das Haus Rothschild gegenwärtig nicht mehr die erste Finanzmacht der Welt und ist, wie gesagt, der Reichtum desselben von vielen Multimillionären bereits weit in den Schatten gestellt, so erscheint diese Weltfirma doch noch immer als ein gewaltiger Faktor, mit dem nicht allein die Börsen in aller Herren Länder, sondern auch die europäischen und amerikanischen Staatsmänner rechnen müssen. In der Entstehungs- und Entwicklungsgeschichte dieser Dynastie zeigt sich bis auf den heutigen Tag ein merkwürdiger Charakterzug, der früher, wenigstens in der alten, guten Zeit, den Juden überhaupt eigentümlich war: das Gefühl der Solidarität und Zusammengehörigkeit. Dasselbe herrschte, vom Begründer des Hauses angefangen, bis zum letzten Agenten herab. Stets haben die Vertreter des Hauses sich es zur höchsten Ehre angerechnet, durch strenge Rechtlichkeit und Genügsamkeit, ungeachtet des in zahllosen großen Geschäften errungenen Gewinns, das Ehrenschild der Rothschilds rein zu halten und dem Namen neue Ehre und neuen Glanz zu verschaffen. Zu dieser Solidität der kaufmännischen und finanziellen Grundsätze gesellten sich noch zahlreiche seltene Eigenschaften, als da sind: umsichtiger, genialer Unternehmungsgeist, gründliche Kenntnis der Menschen und der Lage der Dinge, scharfsinnige und glückliche Benutzung der Zeitumstände und rastloser Fleiß. Auch darin zeichnete und zeichnet sich das Haus Rothschild vor zahlreichen anderen Bankhäusern aus, daß frommer, jüdischer Sinn und wohltätige Uebung barmherziger Werke ohne Unterschied des Glaubens allen seinen Mitgliedern eigen war. So kam es, daß das Ableben zweier Mitglieder des Hauses Rothschild, des Freiherrn Alfons in Paris und des Freiherrn Nathaniel von Rothschild in Wien, in diesem Jahre die öffentliche Meinung und die Presse längere Zeit lebhaft beschäftigt und daß den beiden Finanziers mehr oder weniger eingehende Betrachtungen bezüglich ihrer Stellung, die sie in der Bankwelt einnahmen, gewidmet wurden. Aber all diese Erinnerungsblätter müssen zurücktreten, wenn wir des Aufsehens gedenken, das der Tod des Börsenfürsten A.M. von Rothschild gerade vor einem Jahrhundert allenthalben hervorrief. Alle Welt fühlte, daß mit ihm einer der genialsten und scharfsinnigsten finanziellen Denker, sowie einer der interessantesten Charaktere des neunzehnten Jahrhunderts ins Grab gesunken war. In der Tat verdient dieser Rothschild noch jetzt, daß wir, anknüpfend an die Wiederkehr seines fünfzigsten Todestages, sein Erdendasein in einigen großen Zügen schildern. Wir wissen, daß der eigentliche Begründer, Stammvater und Stifter des Hauses Rothschild, der alte Mayer Amschel Rothschild, ein einfacher jüdischer Handelsmann — geboren 1743 im Ghetto in Frankfurt — war. Es war ihm an der Wiege nicht vorgesungen worden, daß er zu Vermögen und Einfluß gelangen und als Finanzkapazität ersten Ranges von den Mächtigen der Erde zu Rate gezogen werden sollte; denn ursprünglichzum Rabbiner bestimmt, studierte er einige Jahre mit regem Eifer auf der Talmudschule zu Fürth, wie er denn auch Zeit seines Lebens in seinen Mußestunden biblischen und rabbinischen Studien gern oblag. Das kaufmännische Talent