Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 85 (1921)
- Issue
- Heft 4 (18.2.1921)
- Date
- 1921-02-18
- Page
- Seite 48 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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48 w e l tb e h e r r s che n de n U n i v-e r s a l sp r a che zu entwickeln, uns geistig zurückzuerobern, was das poetische Verhängnis uns derlieren ließ. Dieser Beweis sternpelt das Buch zu einer Kampfschrift. Seine stets vornehme, dabei höchst unterhaltsame und humorgewürzte Polemik gilt den Sprachverderbern und Sprachstümpern, die jener Mission entgegenarbeiten, weil sie das Geheimnis der Sprache, ihre tiefinnersten Kräfte nicht zu begreifen vermögen. Hier zum ersten Male erschließt sich dieses Geheimnis zur Freude für jeden Unbefangenen. Sprachliche Heber raschun gen ohne Ende werden geboten. Es ist, als ob die Schleier zerrissen, die sich über die Gründe der Sprache spannten und deren Jnnenwefen verhüllten. Das will sagen, daß diese Schrift in hohem Maße den Rang eines Belehrungsb/uches beansprucht. Streifen wir selbst alles ab, was in ihm als Tendenz und Streitruf zutage tritt, so bleibt noch ein Buch zurück, das jedes Lesers Wissen um Unentbehrliches vermehrt; das ihn zu dem befähigen wird, seine eigene „Rede und Schreibe" zu kräftigen, und« zu veredeln. Stilschätze stecken in ihm, geöffnet und beveitgestellt für jedermann, der das Bedürfnis fühlt. Meister und Mehrer seines eigenen Sprachgutes Zu werden. Mit Genugtuung nehmen wir Kenntnis von dieser universal gedachten und großzügig durchgeführten Schrift, die, der Feder eines deutschen Juden entstammend, berufen ist, in das Geistesleben des deutschen Volkes tiefe Furchen zu ziehen. » 3 f a ct c B re ue r. Ein Kampf um Gott. Frankfurt a. M. 1920, Sänger u. Friedberg. Das Problem des lebendigen Judentums in einem wissenschastlichen Werke auszuschöpfen, kann und wird niemals voll gelingen, dazu ist frk Zahl der Fragen eine viel zu große und ihre Behandlung allzusehr von der Persönlichen Stellungnahme des Verfassers abhängig. Aber von hohem Reiz ist es, im Roman innerhalb der Entwicklung eines jungen Juden zu zeigen, in welcher Weise er sich mit all dem auseinandersetzt, was der empfindsame junge Mensch in sich durchzumachen hat, will er sein Judentum lebendig werden lassen. Heinrich Thorning wird in einer gesetzestreuen Umgebung geboren und finoet nach schweren inneren Kämpfen den Weg zum Nationaljudentum, um aber auch in ihm nicht restlos befriedigt zu sein. Eine Kugel macht seinem zerbrochenen Leben im Kriege ein Ende, einem Leben, das reich war an feinsten seelischen Schwingungen, das aber zerbrechen mußte an den Widrigkeiten der Umwelt. Der Golus mit seiner Gespaltenheit der Weltanschauung liegt schwer auf dieser Jünglingsseele, und er findet aus ihm nicht den Ausweg. Schien es eine Zeitlang, als ob er in der Thora die Zuflucht fände, die ihm Ruhe brächte, so muß er erkennen, daß auch sie ihm nicht mehr Heimat sein kann. Das Buch kann naturgemäß nicht den befriedigen, der in ihm die Antwort auf all die Fragen seines jüdischen Jchs sucht, denn es gibt nun einmal, keine restlose Antwort auf sie; wer sich aber mit ihnen inner/lch auseinandersetzen will, der wird viel Freude an der Erzählung haben, die -uns bereichert und in weihevoller Stimmung entläßt. Dr. W i l l y C o h n. Sprkchsgsi. Herr Redakteur! Es mag nicht unbescheiden sein, wenn ich voraussetze, daß ich der Veteran unter den Mitarbeitern Ihres geschätzten Blattes bin. Mein erster Beitrag ist eine Korrespondenz, die 1878, Seite 520—521, abgedruckt ist, und seit. 1885 habe ich in jedem Jahrgange Artikel geliefert, bis der Krieg unsere Verbindung unterbrach. Ich habe die Zeitung während beinahe vier Jahren sehr ungern entbehrt, und lese erst langsam nach. Meine Arbeit will ich mit dem neuen Jahre wieder aufnehmen. Zunächst mit einer Berichtigung und Ergänzung. „Die Geschichte der drei Gerim" von Maximilian- Blmn in Nr. 37 hat bei mir Erinnerungen losgelöst. Ich hörte eine ganz ähnliche Geschichte in meiner mährischen Heimat, und obwohl die Namen verschieden lauten, muß es sich doch um dieselbe Persönlichkeit handeln. Es wurde mir genau so erzählt, wie es Herr Blum darstellt, daß dn alter Bauer auf seinem Totenbette seine bereits erwachsenen und verheirateten Söhne beschworen habe, sich zum Judentum zu bekennen, das die einzige wahre Religion sei, die er schon lange im Herzen bekannt habe. Die Söhne, welche diese Absicht in Oesterreich nicht allsführen konnten, begaben sich nach Preßburg, wo in dem dicht bewohnten Getto sich eine solche Zeremonie unbeachtet durchführen lassen konnte, und R. Moses Sofer nahm sie ins Judentilin auf. Es ist wahrscheinlich derselbe Fall, der in dieser Zeitung 1844,' Seite 622, berichtet ist. Ein Mitglied dieser Familie, der im Christentum geborene Sohn eines der Proselyten, war Lehrer an der jüdischen Schule meiner Heimat Kanitz in Mähren und dort als Ignaz Goldstein bekannt. Es muß wohl in den fünfziger Jahren, jedenfalls vor 1864 gewesen sein, als ich in die Schule eintrat. Die Familie hatte ihren Namen Sedlaczek aus Gründen der Vorsicht mit dem weniger auffälligen Goldstein vertauscht. Goldstein hatte Schwierigkeiten im Amte, bei denen auch seine Abstammung mitspielte. Er ging nach Wien, suchte dort eine Stelle an einer städtischen Schule, und da ihm bedeutet wurde, für Goldsteins sei im Wiener Schuldienste keine Verwendung, holte er einen Taufschein herbei, der dartat, daß er wenige Tage nach seiner Geburt als Franz Sedlaczek getauft wurde. Er hieß von nun an Sedlaczek-Goldstein und erklärte diesen Zwitternamen mit der Legende, daß er nach dem frühen Tode seiner Eltern von gutherzigen jüdischen Mchbarn adoptiert worden sei. Er starb in Wien und wurde auf der katholischen Abteilung des Zentralfriedhofes begraben. Ein Sohn kam nach Amexika und blieb dem Judentum fern. Ein Zweig der Familie kam nach Amerika durch eine Schwester des Ignaz Franz Sedlaczek-Goldstein, die mit einem Mitgliede der Familie Wollner verheiratet war, welche aus der Gegend von - Trentschin stammt und zum Teile in Peoria (Illinois) lebt, wo sie zu Reichtum und Ansehen gelangte. Ich wurde darauf durch einen Herrn Szold, einen Verwandten des verstorbenen Rabbiners von Baltimore, Benjamin Szold (1829—1902), der auch, aus der Slowakei stammt, aufmerksam gemacht, konnte aber von der hochbetagten Frau, der „Tante Hanni", wie sie allgemein genannt wurde, keine nähere Auskunft über ihre Familie erhalten. Vielleicht tragen diese Zeilen dazu bei, bei anderen Erinnerungen zu wecken. In der Zeit, wo „die Sünde wider das Blut" solches Aufsehen erregt, sollte es an und für sich interessant sein, manchen Rassentheoretikern obskurer Abstammung eine Gänsehaut zu verursachen. Da ich von Proselyten spreche, möchte ich darauf Hinweisen, daß der fleißige Forscher auf dem Gebiete derjüdischen Geschichte Polens, Dr. L. Lewin, einen vermutlich rassenreinen italienischen Rabbiner des 17. Jahrhunderts zu einem Proselyten gemacht hat. In dem „Jahrbuch der Jüdisck>Literarischen Gesellschaft", Band XI, Seite 271 (Frankfurt a. Ni. 1916), gibt er uns auf Grund eines Autographen auf dem Titelblatte von Salomo Alkabez' Gedichten einen Proselyten, der sich selbst als -)j bezeichnet. Dieser Proselyt' ist niemand anders als Wraham Josef Salomo Graziano (s. Jewish Encyclopedia, VI, 84), und außer .den dort an g>e führten Quellen: Pachad Jizchak, Artikel „Seser Thora", Seite 133a—134b, wo es sich um die schwierige Frage handelt, ob man eine Thorarolle gebrauchen darf, in der an einer Stelle das Kaph Finale so geschrieben ist, daß der Querbalkenlänger ist als der vertikale, siehe auch Daniel Terms: ‘HjTJJ/ 1/ 26b (Florenz 1806) und David Hofsmann: Festschrift, Seite 286, Rabbiner in Modena, e. 1650—1680. Ta ich nun schon beim Verbessern der immer sehr fleißigen und wertvollen Arbeiten Herrn Dr. Lewins bin, will ich noch darauf aufmerksam machen, daß er ohne Rücksicht aus Plebiszit und Versailler Verträge Podolien Westpreußen zngeteilt hat. In demselben Jahrbuch, Seite 167, ist von einem -nach Hildesheim berufenen Rabbiner Joske ben Jechiel aus Flatow die Rede. Der Text der Haskamah in dem W^rke OV (Frankfurt a. O. 1716) zeigt den Ortsnamen das offenbar Zlatov in Podolien ist. In diesem Orte war Joske Rabbiner und sein Vater Jechiel, den er als Märtyrer nennt, war offenbar ein Opfer der von dem Autor geschilderten Pogrome von 1656, welche die Folge der Schwedenkriege und des Ausstandes des Generals Ezarnicki waren (Grätz, IX, 71, 3. AZ. Diese Geschichte hat sich auf diesem blutgetränkten Boden oft wiederholt, und leider ist das letzte Blatt noch lange nicht' geschrieben. Uebrigens könnte dieser Märtyrer auch mit dem R. Jechiel bei Eliezei- (Grätz, ibidem 63) identisch sein. Schließlich meine Freundesgrüße den Lesern der „Allgemeinen Zeitung des Judentums". Tantum incepta opus est, sagt Cicero. Olew Hascholem. Cincinnati, Ende Dezember 1920. Gotthard Deutsch.