Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 85 (1921)
- Issue
- Heft 4 (18.2.1921)
- Date
- 1921-02-18
- Page
- Seite 47 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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47 ' D a v l d: Fräulein Lea blöiöt in,der Stadt. Feldmann: Sie stürmen sich und «ns alle ins Verderben. Sie hätten das Fräulein wenigstens in ein Versteck bringen sollen! Kann sie vielleicht bei Ihnen Unterkommen, Herr Veilchenblum? Veilchenblum: Bei mir? Gott bewahre. Wer wird zuerst gefragt, wenn etwas im Judenviertel nicht in Ordnung ist? Die Beamten von der Gemeinde. Feldmann: Großer Gott, was soll ich tun! Ich habe ja die ganze Verantwortung. — Wenn man das Mädchen bei Ihnen findet, so stehe ich für nichts. Heute noch kann es vielleicht losgehen. V e i l che n b l u m: Gott du Gerechter, meine Frau, meine Kinder! Feld mann: Geben Sie einen Rat, Veilchenblum, Sie wissen sich doch sonst immer zu helfen! Veilchenblum: Fliehen müssen wir, Reb Feldmann, heimlich fliehen, ehe die Gojim etwas merken, heute nacht. Abends soll sich alles in der Synagoge versammeln. Ich werde die Keine Seitentür offen lassen, und jetzt werde ich gehen von Haus zu Haus un>d werde allen sagen, daß sie sich vorbereiten. Feld mann: Sie haben recht. — Wenn wir nur das nackte Leben retten! Ich helfe Ihnen. Gehen Sie die Gasse links hinunter, so werde ich inzwischen die rechte Seite nehmen. Je schneller es alle wissen, desto besser ist es. David: Lea darf nicht mehr bis zum Abend hier bleiben. Sie müssen ihr Unterkunft gewähren, Herr Veilchenblum, wenn nicht in Ihrer Wohnung, dann in der Synagoge. Wenn sich abends die ganze Gemeinde dort versammelt, dann wird es nichts schaden, wenn Lea ein paar Stunden früher dort ist. Veilchenblum: Das läßt sich eher hören. (Am Begriff zu gehen):. Ich bin gleiche wieder hier, um Fräulein Lea abzuholen. (Mit Feldmann grüßend ab.) David: Armer Vater, jetzt mußt du die Mutter nicht nur auf den Abschied von mir vorbereiten, sondern auch noch auf die Flucht. Elias: Beides darf sie nicht zugleich erfahren. Ich werde zuerst nur von dir reden. In einer Viertelstunde kannst du hereinkommen, und dann werden wir ihr das andere beibringen. (Elias ab.) (David geht schweigend auf und ab, bleibt daun vor Lea stehen.) David: Ich ließ mir das Geld von Vater geben. Er verlangte nicht zu wissen, wofür. L e a: Du hast es über dich gebracht? David: Vom Vater das Geld zu erbitten, ja. Aber es brennt mir wie siedendes Pech in den Fingern. Ich kann es nicht so verwenden, wie du es wolltest. Du hast dich an den Unrechten gewandt. Der darf kein Gewissen haben, der deinen Plan ausführen kann. Ich brauche dir nicht zu sagen, wie sehr ich. dichliebe, dich und die Eltern. Ich bin auch kein Feigling. Aber ein Verräter muß tollkühn sein, er muß wagen, nicht wägen. Doch ich denke an die Folgen der Tat. Wenn sie mißlingt, wenn das Komplott entdeckt wird, dann müssen alle Juden Rußlands für meine Uebereilung büßen. Lea (mit kaum merklichem verächtlichen Lächeln): Du brauchst das Opfer nicht mehr zu bringen. — Es ist schon zu spät. Das Verhängnis naht noch schneller, als ich dachte. Du hörtest ja, daß wir noch heute fliehen müssen. — Wenn aber unsere Flucht nicht bemerkt wird, dann ist vielleicht bas Aergste, die grausamen Mißhandlungen von uns abgewandt. Das sage ich dir zum Trost, bevor wir uns trennen. (Mit plötzlich verändertem, weicherem Tone): Heute bin ich mutlos. — Gestern glaubte ich fest an das Gelingen meines Planes. Die Deutschen hätten uns das Glück und die Freiheit gebracht. Ein neues, herrliches Leben hätten wir unter ihrem Schutz beginnen können. Nun werdet ihr sie wohl durch eure Uebermacht besiegen und für immer zurücktreiben. (Forts, solgi.) Literarische Mitteilungen. — „Di>e synagogale Poesie des Mittelalters." Von Dr. Z,unz. Zweite, nach dem Handexemplar des Verfassers berichtigte und durch Quellennachweise und- Register vermehrte Auslage, im Aufträge der Zunz-Stiftung herausgegeben von Prof. Tr. A. Freimann. Frankfurt a. M., Kauffmann, 1920. VIII und 584 Seiten. 8°. Ein Buch von Leopold Znnz bedarf keiner Empfehlung. Tie 1855 zuerst erschienene „Synagogale Poesie" ist seit langem vergriffen. Ein jeder Neudruck würde von den Fachmännern mit Freuden begrüßt worden sein. 9t. Freimann konnte in die neue Ausgabe die zahlreichen Nachträge aus dem Händexemplar des Versassers aufnehmen, besonders die Beilagen (£>. 365 ff.) haben dadurch eine bedenkende Erweiterung erfahren. Schon beim Erscheinen, des Buches wurden die Quellennachweise für die b.iden Abschnitte „Leiden" (S. 9 ff.) und „Zwei neuere Jahrhunderte" (S. 334 ff.) ungern vermißt. Freimann hat mit großer Mühe die Quellennachweise säst restlos.ermittelt (S. 550 ff.) und die Gelehrten dadurch zu Tank verpflichtet. Er hat 'das Buch ferner durch drei sehr wichtige Register bereichert: ein Nantes und Sachregister, ein Register der hebräischen Termini und ein Register der zitierten und der übersetzten Poesien, denen wiederum ein Quellennachweis beigegeben ist. Dem Kuratorium der Zuuz-Stiftung gebührt Dank dafür, daß es das unschätzbare Werk in dieser gediegenen Neubearbeitung in vorzüglicher Ausstattung zu einem mäßigen Preise zugänglich gemacht hak. I. El bogen. # Herford, Travers: „Was verdankt die Welt den Pharisäern?" Ins Deutsche übersetzt von Rosalie Perkes, mit .einem Vorwort von Felix Perles. XII und 55 Seiten, 8». Leipzig, Gustav Engel, 1920. Die Bedeutung dieses Bortrages ist an dieser Stelle (1920, Nr. 7) bereits gewiür.dig't worden. Es mutig, daher genügen, den Inhalt der drei Teile kurz zufantmenzufassen. Die Bedeutung der Pharisäer sieht Herfoird darin, daß das Judentum trotz aller christlichen Bekämpfjuinig als lebendig,e Religion sortbesteht und muf die Rlekiigio>n'se.ntw!lckl:u,nig anregend wirkt. Tie Fähigkeit zu seinem starken Widerstand entnahm es den Grundsätzen des Pharisäismus, dessenhauptsächlichste lebense chattende Elemente geschildert werden. Die eindrucksvolle Darstellungsweise des Verfassers wn-rde bereits hervorgehoben, hier fei nur noch der lieber fetze rin für die ausgezeichnete Wiedergabe der Schriest gedankt. Herford wollte durch seinen Bortrag dazu beitragen^ „die Sache der Gerechtigkeit und Menschenliebe gegenüber -Vorurteil und Uebetwollen zu fördern". Das «wird aut besten gelingen, wenn, 'sein Buch recht weite Verbreitung bei Juden und Nichtjudeu findet. I. E l b o g e n. # — Strack, Hermann L.: „Einleitung in Talmud und Midras." Fünfte, ganz neu bearbeitete Auflage. München, C. H. Beck, 1921. 233 Seiten. 8°. Das Werk, das sich in den früheren Auflagen zahlreiche Freunde erworben hat, erscheint, wie der Titel besagt, in einer neuen Gestalt. Der neue, zweite Hauptteil „Zur Einführung in die MidraZim" (S. 195 ff.) wird allgemein um so freudiger begrüßt werden, als diese Ergänzung der Einleitung in den Talmud bisher stets vermißt wurde. Auch die Einführung in den Talmud ist dem heutigen Stand der Wissenschaft entsprechend mit der bei dem Verfasser längst anerkannten Gründlichkeit neu bearbeitet worden. Man darf den greisen Verfasser zu der Vollendung des Werkes herzlich beglückwünschen und hoffen, daß es ihm gelingen wird, seine weiteren literarischen Pläne durchzusüyren. I. El bogen. # Alexander Moszkowski: „D a s Geheimnis der Sprach e." Aus Höhen und Tiefen der Ausdruckssormen. Verlegt bei Hoffmann u. Campe. Hamburg/Berlin W 35. Preis gebunden 20 Mark. Aikexander Moszkowskis neues Werk ist ein Volksbuch in der vollen und reinen Bedeutung des Wortes. Entstehung und Leben, Wachstum und vor allem die Z u k u n s t unserer Muttersprache werden hier in einer gediegenen und zugleich, für jedermann leicht faßlichen Form dargestellt. Von sicherer Hand geführt, gelangt der Leser au zahllose bedeutsame, hochinteressante Ausblicke, die ihm restlos erschließen, was er als Sprecher und Schreiber bisher nur dunkel zu ahnen vermochte. Und ein beglückendes Gefühl wird ihn überkommen, wenn er aus klaren Beweisen erfährt, welche Sendung der deutschen Sprache Vorbehalten ist: die Sendung, sich zu einer