Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 85 (1921)
- Issue
- Heft 3 (4.2.1921)
- Date
- 1921-02-04
- Page
- Seite 32 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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32 Andenkens, ist ein Meister der Gesamtjudenheit geworden, denn kaum gibt es im Okzident einen Geistlichen, der nicht von chm belehrt oder beeinflußt, die Lehre der Wahrheit auf der jüdischen Kanzel der Neuzeit verkündet. Aber größer als mein und unser Rabbi ist sein Name. Der Name Jellinek bedeutet viel mehr. Er ist der Vertreter wissenschaftlicher Forschung der heiligen Schrift und der rabbinischen Literatur in bezug auf deren Anwendung im Einzel- und Gesamtleben des Judentums. Ein zündender Interpret der Wahrheit unserer Propheten, der Poesie unserer Psalmistender Denkarbeit unserer Weisen, insbesondere derer, die auf dem Gebiet der A g a d a, des Midrasch — d. i. Auslegung und Erläuterung der heiligen Schrift — dem menschlich und jüdisch fühlenden Herzen Gott und seine Ethik nahegebracht und die Heiligung des göttlichen N a m e n s in den Mittelpunkt des Geisteswaltens innerhalb und außerhalb unseres Bekenntnisses gestellt haben. Der Name Jellinek schwebt nicht nur auf den Lippen der Millionen, die ihn gehört und gelesen haben, die sich chm zum Mentor in der Seelsorgerwirksamkeit erkoren und zur Richtschnur und Vorbild gedankenreicher und formvollendeter Redekunst, und lebt nicht nur in seiner Gemeinde fort, er wirkt durch seine Werke und gelehrte Schöpfungen fort, die Nachwelt bildend, erziehend und veredelnd wie einst seine Mitwelt. Aber Erkennen und Verstehen der Genien unseres Volkes ist vielfach verloren gegangen, und damit stellte sich eine ertötende Gedächtnisschwäche ein, die eines Elixiers der Neubelebung bedarf. Solchem möchte diese Skizze dienen. Skizze, keine Biographie, die viel Zeit und Raum beansprucht und viel Studien erfordert. Vor 18 Jahren plante ich eine Biographie meines väterlichen Freundes Jellinek, mein Plan scheiterte an der Zurückhaltung der Familienpapiere seitens des Hofrats Georg Jellinek, Professor des römischen Rechts, in Heidelberg. Dieser hielt im Aufträge unseres Senats sechs juristische Vorträge am hiesigen Wilhelmghmnasium, bei welcher Gelegenheit er mir auch seine literarische Beihilfe zusagte. Er hielt sein Wort nicht. Meine Biographie unterblieb. Der berühmte Rechtsgelehrte hat bald darauf Namen und Andenken seines großen Vaters geschändet durch seinen Abfall vom Judentum. Briefe von Georg Jellinek, die ich besitze, wollte Professor Ludwig Geiger kurz vor seinem Tode veröffentlichen, aber meine Verehrung und Liebe für Adolf Jellinek bestimmte mich und Geiger, davon abzusehen. Adolf Jellinek wurde am 26. Juni 1821 in Draslawitz bei Ungarisch-Brod in Mähren geboren, früh verlor er seine frommen Eltern, die Mutter entstammte der Familie des Rabbi Sabbatai Cohen, Verfasser des „Schach", Rabbiner in Holleschau, und des R. Hirsch Broda. Dieser gelehrte Halachist und Autor des Werkes „Teome Zwija" zu „Eben Haeser" war Jellineks Großvater. Durch seine edle Großmutter Rebekka Bak wurde der fünfjährige Knabe zum ersten Unterricht in die Volksschule und in Bibel und Talmud geleitet und erwarb sich bis zum elften Lebensjahre Kenntnisse, die ihn befähigten, die Talmudvorlesung des Ungarisch-Broder Rabbiners D. Buchheim und später der Akademie (Jefchiba) von R. Moses Wannesried zu Proßnitz zu besuchen. Seine Lehrer bewunderten den Scharfsinn, den Fleiß und Eifer dieses ihres Jüngers, der mit Leichtigkeit jeden „Chiluk" (Diskussion) erfaßte und zu den vorzüglichsten Schülern zählte. Zur Barmizwahseier im 13. Lebensjahre schon war er imstande, die kundigen Schiffer durch das unermeßliche Meer des Talmud zu begleiten, und bald darauf ging er nach Prag, um in dieser Gelehrtenstadt seine Studien sortzusetzen und sich auch in den profanen Wissenschaften und in den Lehrfächern des Gymnasiums zu vervollkommnen. 1842 bezog er die Universität zu Leipzig, woselbst er unter Fleischer, Wachsmut, Weiße> und Brockhaus Ovientalia, Philosophie und klassische Philologie fleißig studierte und die Rhetorik Jesajas, Quintilians, Ciceros und der berühmtesten deutschen Kunstredner, wie Dräseke und Salomon, mit besonderer Vertiefung theoretisch und praktisch pflegte. Er fungierte 1845 als Prediger in Leipzig,, wo die Messebesucher aus allen Gauen sein geniales Redetalent anstaunten und seinen Ruhm nach allen Richtungen der Windrose hin trugen. Der Andrang im kleinen, nach dem Muster des Hamburger Tempels eingerichteten Gotteshauses war so groß, daß die Leipziger Gemeinde bald einen prachtvollen großen Tempel erbaute, in dem Jellinek fast 10 Jahre als erster Prediger bahnbrechend wirkte. Seine Predigten charakterisiert ein Zeitgenosse Dr. B. Berhard wie folgt: „Jellineks Redekunst gleicht der der kühnen Verkünder des Gotteswortes aus Israels Vorzeit, die aus die. Gemüter der Hörer den tiefsten Eindruck: übt. Logische Anordnung,: Tiefe der Empfindung, Gewandtheit im Ausdruck, Richtigkeit des Urteilsvermögens, Welt und Menschenkenntnis und unablässiges Streben nach Jdealzielen, das konnte man aus jeder Predigt, mochte sie drohend oder tröstend, erschütternd oder erbauend, niederdrückend oder erhebend, demütigend oder aufrichtend die Herzen bewegen, heraushören." Aber in der Charakteristik fehlen die mir wichtiger scheinenden Eigenschaften: „tiefgründige Kenntnis der Gotteslehre, der schriftlichen und mündlichen, haarscharfe, ohne Textverzerrung vorgetragene wissenschaftliche Exegese, nicht gesucht oderverkünftelt, dem Urtext entsprechend behandelt; sodann reich gestaltende P h a n t a s i e, die Wissenschaft, Geschichte und Leben in innigste Beziehung setzte zur Poesie der Weisen des Altertums, so daß man ein Gleichnis geistreich und schön zu hören vermeinte, während es nichts anderes gewesen als die geistvolle Anwendung eines alten Midrasch; endlich die G lut'der B eg erster u n g , die sich im packenden, alles mit sich fortreißenden Vortrag, kundgab und Ouintalians Wort: „keetus est enim, quod disertos facit", „Das Herz macht den Redner", wahrmachte. Die Homiletik Jellineks unterscheidet sich von der anderer bedeutender Prediger dadurch, daß sie originelll-j ü d i sch ist, nichts ist entliehen von berühmten Meistern als die äußeilrche sprachliche Formentönung. Sie zielt und schielt auch nicht nach Effekt, nicht nach Phrase, nicht nach philosophischem oder psychologischem Abhandlungsschein, sie fließt kernhaft, belehrend, bei Vermeidung blendenden Blümenprunks, leeren Wortschwalls und unnützer Wiederholungen und Parallelismen. Tief und klar redet Jellinek, reich und voll von Wissen, gewandt und zeitgemäß, oft klassisch und lapidar, ohne S a l b u n g s p a t h o s, die ganze Seele aufwühlend und durchflutend; daher, der Ethik dienend, will sein Wort das religiöse und ethische Wollen der Hörer tief beeinflussen. (Siehe meinen Aufsatz in „Rahmers Literaturblatt" zu Jellineks 70. Geburtstag: Die Philosophie in der Rhetorik Jellineks.) Die Buch- und Messestadt an der Pleiße begünstigte die unermüdlichen Forschungen des jungen, auch vom Sachsenkönig Johann dem Ersten gewürdigten' jüdischen Predigers und begründete auch seinen Ruf als Gelehrter. Zu seinen Freunden in Leipzig zählten die Vorsteher Kohner, Nachod, die Gründer des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes, und der Völkerpsychologe Professor M. Lazarus. 1856 berief ihn die Wiener israelitische Kultusgemeinde, in der Prediger Jsak Noah Mannheimer ruhmvoll wirkte, zu ihrem Seelsorger. Am Sabbat Noah desselben Jahres Hielt er über das Thema „Jeder Mann hat seine Zeit und jede Zeit hat ihren Mann"