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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1921-02-04 · Heft 3 (4.2.1921) · p. Seite 33

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
85 (1921)
Issue
Heft 3 (4.2.1921)
Date
1921-02-04
Page
Seite 33 (sequence 9)
Language
German
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—— 33 seine Predigt, die als ein Kunstwerk geistvoller Beredsamkeit galt und ihm die Herzen! aller Größen Wiens, eines & Kuranda, eines Ludwig August Frankl, eines Wertheimer, Guttmann, A. Sonnenthal, des Hauptes der Familie Rothschild, Sulzec usw. gewann. Dem Rufe nach Wien folgte er zum Laubhüttenseste 1857. Seine Rede im Leopoldstädter großen Tempel erregte bei Juden und Christen sensationelle Bewunderung, so daß hervorragende Staatsmänner, wie Staatsminister Auersberg, der Dichter Anastasius Grün verzückt vom „Pater Jellinek", redeten, der „den finsteren mittelalterlichen Geist der Unduldsamkeit niederringt und eine kulturfreundliche Zeit zum Stolze der österreichisch-ungarischen Monarchie sieghast vorbereitet". Als nach dem Tode Mannheimers Jellinek nach-der Seitenstettengasse in den inneren Stadttempel versetzt wurde, nannte die Wiener Presse seine Wohnung den „Vatikan in der Seitenstettengasse". Er galt als Oberhaupt der Gesamtgemeinde bei allen religiösen Richtungen und in allen städtischen Administrationen. Die immense Seelsorgerarbeit, der er sich mit allen Fasern seines grundgütigen Herzens widmete, vermochte nicht seinen rastlosen Gel e h r - tentrieb einzuschränken. Tag und Nacht zu forschen und seine Forschungen der Mit- und Nachwelt durch Schriftwerke großen Stils zu übergeben. (Fortsetzung folgt.) Die Milche Sühne. Ei-w theatergeschichtliche Studie. Bon Samuel Meisels (Wien). I. D a s T h e a t e r i n A l t - I u d ä a. icht der Zionshügel war der Lieblingssitz Thalias, 4^/sondern der Gipfel des Helikon. Nicht aus den rauschenden Wassern des Jordan trank sich Thalia Begeisterung und Schöpferkraft, sondern aus den sprudelnden Quellen der Hippokrene. Das Theater — im weitesten Sinne — ist ein stämmiger Baum, der unter dem südlichen Himmel Griechenlands emporwuchs und die herrlichsten Früchte trug. Auf dem Boden Palästinas konnte er nie recht heimisch werden. In Alt-Judäa gab es viele Kultstätten, heilige Gräber, Versammlungsorte, Vergnügungslokale, Tanzgärten, aber keine Theater, keine Volksbelustigungen und Schaustellungen. Die festen Religionsformen, die gleich eisernen Reisen das ganze Leben umzirkelten, ließen ein Bedürfnis nach ähnlichen Dingen gar nicht auslvmmen. Und doch war Jerusalem nichts weniger als eine Totenstadt, in der alles pulsende Leben erstickt, jede Freude verbannt und jede Lust ausgemerzt ist. Wir wissen vielmehr, daß man auch in Jerusalem die Schönheit des Weibes zu schätzen verstand, dem Gesang in ausgiebigster Weise huldigte und vom Wein die richtige Erkenntnis hatte, daß er des Menschen Gemüt erheitere. Es gab dort Volksfeste, auf denen es sehr lustig zuging. Die Gartentänze am fünfzehnten Ab, die zum Zwecke der „Brautschau" veranstaltet wurden, waren von einer echten, reinen Heiterkeit, die den Bacchanalien fehlte. Selbst das Weinlaub im Haar gehörte dort nicht zu den Seltenheiten. Aber die Religion setzte jeder Belustigung einen Dämpfer auf. .Fast möchte ich sagen, die Juden in Judäa freuten sich mit Ueberlegung; sie kannten genau die Grenzen, wo die Begeisterung aufhört und der Rausch beginnt, wo die Freude von der Ausgelassenheit abgelöst wird. Und sie hüteten sich, die Grenzlinie zu überschreiten. Zudem waren sie die Verstandesmenschen, die geborenen Zwecksucher, die Jnhaltspedanten; demgemäß war ihnen jede äußere Forpi belanglos, sobald sie nicht einen wertvollen Inhalt enthielt oder einem höheren Zweck diente. Der Schönheit der Schönheit wegen , oder der Freude der Freude wegen irgendwelchen Wert beizumessen, wäre ihnen nie in den Sinn gekommen. Gerade eine entgegengesetzte Wesensart besaßen die Griechen. Die Juden hatten Propheten, die Griechen Poeten; die Juden hatten Prediger, die Griechen Redner; die Juden hatten heilige Festtage, die Griechen dionysische Festspiele. Aus den Dionyfien ist die griechische Schauspielkunst hervorgegangen; aus dem Dithyrambos hat sich das Drama entwickelt. Also das Theater, das Drama, die schönste aller griechischen Künste, ist aus dem Schoße des orgiastischen altgriechischen Götzendienstes geboren — dieser Umstand genügte für die Juden in Palästina, die Wirkung mit der Ursache zu verwechseln und das Theater an sich als etwas Heidnisches, Unerlaubtes, mit der Ethik des Judentums Unvereinbares zu betrachten. Mit dem Siegeszug Alexanders des Großen durch Asien begann sich das Griechenwesen auch in Palästina einzubürgern. Eine maßlose Schwärmern für alles Griechische bemächtigte sich der jüngeren Elemente, und der Hellenismus nahm im Laufe der Zeit geradezu bedenkliche Dimensionen an. Unter der syrischen Herrschaft des Antiochus Epiphanes, der eine Bildsäule Jupiters im Tempel zu Jerusalem aufstellen ließ, errichtete der Hellenist und Hohepriester Jason Turnschulen nach griechischem Muster und führte die Kampsspiele ein. Das erste Theater in Jerusalem wurde durch den baulustigen Herodes den Großen errichtet; er ließ auch in der Nähe Jerusalems ein Amphitheater erbauen, ebenso Schaubühnen in Cäsaren, Liberias und in anderen Großstädten seines Königreichs. Die Herodäer scheinen eifrige Theaterbesucher gewesen zu sein: gegen Herodes den Ersten planten Verschwörer einen Ueberfall im Theater; Herodes Agrippa starb eines Plötzlichen Todes im Theater zu Cäsarea. In Alexandrien, wo sich die Verschmelzung des jüdischen Geistes mit der griechischen Kultur unter weit normaleren Verhältnissen vollzog, trat zum erstenmal ein jüdischer Dramatiker namens Ezekitzlos auf, der ein den Auszug aus Aegypten behandelndes Drama schrieb. Hüben und drüben widmeten sich jüdische Jünglinge der Schauspielkunst. Kein Buch meldet von ihren Leistungen, kein Blatt verzeichnet ihren Namen. Bekannt ist nur, daß der jüdische Schauspieler Alityros der Liebling des Kaisers Nero und seiner Gemahlin Poppäa war. (Josephus erzählt in seiner Lebensbeschreibung Kap. 3, er habe in Puteoli einen gewissen Alityrus, einen Juden, kennengelernt, der als Mime beim Kaiser Nero in großer Gunst stand. Durch diesen Alichrus wurde Josephus der Gemahlin des Kaisers, der Poppäa, empfohlen.) Ferner soll es im Altertum eine jüdische Schauspielerin oder Tänzerin namens Faustina gegeben haben. In der visssrtatio äs larvis scenicis des Franciscus Ficoronius findet sich nämlich die Abbildung des Deckels einer Graburne, der mit drei szenischen Larven geschmückt ist. Die Abbildung läßt deutlich erkennen, daß die Larven ein weibliches Gesicht darstellen. „Der Deckel bildet ein längliches Oval, auf dessen rechter Seite eine viereckige Tafel angebracht ist: auf der Tafel liest man (in griechischer Sprache) die Inschrift: H i e r l i e g t F au st i na. Darunter befindet sich das Wort Schalom in hebräischen Buchstaben und das Bild eines Palmzweiges, des siebenarmigen Leuchters und des Salbhorns. Daß die Verstorbene eine Schauspielerin oder Tänzerin gewesen sei, läßt sich aus dem Emmeme der Schauspielkunst, den szenischen Larven, nicht bezweifeln, und daß sie eine Jüdin gewesen, zeigt das Wort Schalom und die dabei stehenden Symbole offenbar. Wer aber sonst die Faustina gewesen, wann sie gelebt, davon wissen wir nichts."

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