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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1920-12-24 · Heft 39 (24.12.1920) · p. Seite 453

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
84 (1920)
Issue
Heft 39 (24.12.1920)
Date
1920-12-24
Page
Seite 453 (sequence 9)
Language
German
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. In.jungew Jahren heiratete er.EMer.b.ie Tochter des angesehenen und.wohlhabenden Aron Kuttner aus Kurnick'in Posen-), und wohnte, wie es zu jener Zeit oft üblich war, ohne ein Amt zu bekleiden, eine Reihe von Jahren im Hause seiner Schwiegereltern, wo er sich sorglos seinen Studien widmen konnte. So gelang es ihm, ausgerüstet mit reichem Wissen, in seiner Geburtsstadt Schwersenz, einer Gemeinde „voll von Thora und Gottesfurcht", zum Rabbiner gewählt zu werden. Da aber hier Gehalt und Einkommen nur knapp bemessen waren, so wurde er noch weiter von seinen Schwiegereltern unterstützt. Bon hier aus kam er als Rabbiner nach der berühmten Gemeinde Lenschce in Polen, von den Juden Luntschitz genannt, in der viele Gelehrte lebten. In dieser Gemeinde scheint er aber nur wenige Jahre gewirkt zil haben. Inzwischen war der Ruf seiner Gelehrsamkeit weithin gedrungen, und die älteste Gemeinde Schlesiens, Kroß-Glogau, wählte ihn um das Jahr 1803 zu ihrem religiösen Oberhauptes. Diese hohe Ehre ward ihm, wie er in seiner Bescheidenheit sagt, nicht um seiner Verdienste willen zuteil, sondern um der seiner Väter. In dieser Gemeinde, aus der auch hervorragende Gelehrte der neueren Zeit, wie Munk, David Cassel, Michael. Sachs, hervorgingen, erfreute er sich eines großen Ansehens und unterhielt Beziehungen zu seinem gelehrten Zeitgenossen R. Jakob Lissa, 1800 Rabbiner in Lissa, der durch seinen Kommentar zu. Jore doali bekannt wurde'). Als der nachmals so berühmt gewordene R. Akiba Eger 181! nach Eisenstadt in Ungarn übersiedeln wollte, wo er ztlnr Rabbiner gewählt wurde, erbot sich R. Abraham Tiktin auf Ersuchen des Vorstandes von Friedland, die Eisenstädter zu veranlassen, R. Akiba von der gegebenen Zusage zu entbinden, womit sich dieser einverstanden erklärtes. Hier, wo Tiktin 13 Jahre als Rabbiner und Lehrer des Talmuds wirkte, zählte er zu seinen Schülern u. a. den ausgezeichneten Talmudisteu Jsak Levy, dervorher die Talmudschule in Metz besuchte und sich mit den Schriften Rousseaus und denen der Enzyklopädisten bekannt machte8). ') Tie Familie stammte aus Kutno (Gouveruemeut Warschau! und nahm nach 1912 den Namen Kutschinski an. ®) Die Annahme von Braun („Gesch. des Landesrabbinats in Schlesien", in Gr atz, Jnbelschrist, S. 277), daß er erst seit 1811 in Glog.au ge'lvitkt hat, ist ein Irrtum. Der Freundlichkeit des Herrn Rabbiners Dr. Luoas in Glogau verdanke ich ei neu, Auszug aus dem Verzeichnis .der Juden 1812, aus Melchern hervorgeht, daß er schon seit Beginn des Jahrhunderts dort wirkte. *! L. Lewin, „Geschichte der Inden in Lissa", S. 205. '0 Lewin n. a. £>., S. 245. 8) Später Rabbiner in Schildberg (Posen), wo er 1858 starb. Sein Als Napoleon im, Jahre 1807 in Glogau war, chatte er, rvie man noch heute rn Breslau erzählt, mit Tiktin eine Unterredung'). J-M Jahre 1816 erfolgte durch ein Königliches Reskript vom 5. September die Ernennung Tiktins zum Oberlandesrabbiner zu Breslaus. In dieser altehrwürdigen Gemeinde war im Anfang, des vorigen Jahrhunderts ein nngewöhinliches Ereignis eingetreten. Die Begeisterung für Napoleon, der Glaube an i einen . messianischen Beruf hatte den Oberlandesvabbiner Lew in Saul Frankel derart ergriffen, daß er beschloß, das Land zil besuchen, das unter dem Zepter Bonapartes stand. Er erbat zu diesem Zwecke 1807 einen mehrmonatigen Urlaub von seiner Gemeinde und zog nach Paris. Hier trat er, wie die Pll?ovinzialblätter von 1809 berichteten, „wegen geänderter Glaubensüberzeugung zur katholischen Kirche über. Er hat in dieser Absicht seine Entlassung als Oberlandesrabbiner nachgesüchet". Unstet und flüchtig zog er. später umher, bis er reumütig und zerknirscht am 30. November 1815 in Frankfurt a. M. starb. Nach seinem Weggang von Breslau hat der von ihm eingesetzte Stellvertreter R. Ahron Karfunkel das ihm übertragene Amt bis ,31t seinem Tode im Jahre 1.816 verwaltet"). Dieses Ereignis hatte einen düsteren Schatten auf die Breslauer Gemeinde geworfen. Ein unbekannter Zeitgenosse drückt es zartsinnig in hebräischer Sprache aus'"): „Der letzte, unfcr Rabbiner und Lehrer, ein Gaon, hat das Land verlassen vor langen Jahren, und wir staunten die Sonne ist uns untergegangen. Aber eine neue Sonne ist uns ausgegangen. Wir preisen uns glücklich, eineu von den Heiligen im Lande gewählt zu haben, einen Fürsten der Lehre." In dem Anstettungsvertrage Tiktins wird gesagt, daß es niemand gestattet sein soll, ohne dessen Erlaubnis in einer Synagoge zu predigen. Tie Gemeinde verpflichtet sich zur Zahlung eines Jahresgchalts von 750 Talern und 150 Talern Wohnungsgeldzuschuß sowie 12 Talern für die Abhaltung je einer Drascha, eines längeren tatmndifch-halachischen Lehrvortrages am Sabbat Hagadol ältester Sohn war der bekannte LeritograPh Professor Dr. Jakob Levy iin Bveslaiu. . Siehe Lewin: „Alls der Verggngenlieik der Jüdischen Gemeinde in Pinne", S. 14. Ein Enkel ist Professor Dr. I. (Mögen hier, der mich auf diese Bezieh-ungena ufmerfj.mii machte. 7) Leider ist es mir nicht möglich. eine Quelle hierfür anzusühren, da die Akten der Jüdischen Gemeinde in Wogau, lvie mir Herr Dr. Luoasmitteilte, bei einem Brande vor. -hundert Jahren zugrunde gegangensind. The Jewish Encyclopedy, Bd. TV, S. 146. ") Brann a. a. O., S. 275. . M-itge teilt in der Einleitung zur neuen Auflage des Petaeh habajith (Warschau 1910). R. Abraham Tiktin, Oberlandesrabbiner in Breslau, geb. 24. Dkzember I7o4, geft. 27. Dezemver 1820.

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