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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1920-12-24 · Heft 39 (24.12.1920) · p. Seite 452

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
84 (1920)
Issue
Heft 39 (24.12.1920)
Date
1920-12-24
Page
Seite 452 (sequence 8)
Language
German
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452 ' Einern Ley'raE'.e^wird 'nicht -viele Lehrer. 'geben, die es io wie er verstehen/ sich in die Seele der Hörer einzusühlen. Er trat zu jedem einzelnen in persönliche Beziehungen, jeden versuchte er und verstand er nach seiner Eigenart und seinen Fähigkeiten zu fesseln, und alle interessierte und förderte er. Den Aufgaben des Semibars, die sich unter dem Umschwung der Kriegsereignisse bedeutungsvoll wandelten, brachte er ein reifes Verständnis entgegen und hals den Weg suchen und bereiten, auf dem er ihnen gerecht werden könnte. Bei seinem Lehramt und seiner 'schriftstellerischen Tätigkeit mar es besonders wichtig, daß er in dieser Zeit, in der das Hebräische zu neuem Leben und zu erneuter Bedeutung erwacht als verbindende Sprache für die in den verschiedensten Ländern wissenschaftlich arbeitenden und wissenschaftlich interessierten Juden, das Hebräische in Wort und Schrift mit voller Meisterschaft beherrschte. All das Geschilderte zeichnet aber muden äußeren Rahmen der Persönlichkeit und des Wirkens: wichtiger als dieser ist die Seele, die seiner Persönlichkeit Eigenart gab. Sie war Temperament, geprägt und ausgezeichnet durch ein heißes durch eine starke Leidenschaftlichkeit des Empfindens. Eppenstein war ein Mensch, der sich dem, was er als Pflicht erkannte und von anderen auch zu fordern das Reckst fühlte, mit Ausschließlichkeit hingäb, der seinen Gedanken keine Abschweifung gestatten wollte. Eine Kömpromißnatur war er nicht. Was zu tun und zu fordern war, das sollte auch ganz und gar geschehen und gefordert werden. Glühend war seine Liebe zu Israel: es war nicht Zufall, daß er seinerzeit zum Leitwort seiner Antrittsvorlesung am Seminar sich das Wort erkor: ki nefesch kol ho«-sorbadom lii („denn das Leben allen Fleisches ist im Blüte"): er fühlte es, daß nur die starke Blutwärme des Empfindens und nicht die kalte Berechnung den Juden ausmacht und daß mau mit der ganzen Glut, mit der das Blut durch die Adern pulst, seinen Zusammenhang mit der Ju-denheit und der jüdischen Geschichte betätigen muß. Leidenschaftlich war aber auch seine Liebe zu Deutschland. Als ein in den Ostmarken Geborener und in der Ostmark Wirkender hatte er ein gereiftes Verständnis für Deutschlands Kulturleistung in jener Gegend. So war er ein deutscher Patriot geworden, wie es wenige gab: wer je in den Kriegsjahren mit ihm zusammenkam, wurde immer aufs Neue ergriffen und durchglüht von dieser- Tiefe des Verbundenseins mit Deutschland und der Glut des Glaubens an Deutschlands Stern. Mit der Wärme des Empfindens verband er das Gemüt eines Kindes. Es offenbarte sich nicht bloß in der vollendeten Herzensgüte, mit der er jedermann entgegenkam, in der Fähigkeit zur' Freundschaft und zur Betätigung der Nächstenliebe, es tat sich vor allem kund in der kindlichen Reinheit und Unschuld des Urteils, er sah die Welt nicht, wie sie ist, sondern wie sie sein soll, wie sie gefordert wird vom Standpunkt dessen, dem Gerechtigkeit und Liebe, Zedokoh, die selbstverständliche und unentbehrliche Voraussetzung allen persönlichen und politischen Erlebens ist. ' Alle Enge seines persönlichen Lebens jüdische Gelehrte pflegen selten zu denen zu gehören, denen ein Leben frei von materieller Beschränkung gegönnt ist war ausgewogen dilrch das Glück, das er in seinem Familienleben fand. Er hatte eine Frau von seltener Art gewonnen und war glücklich, mit solcher Krone sein Leben geschmückt zu sehen.. Er hatte das wenigen Vätern beschiedene Glück zu erleben, daß' Dr. Simon Eppenstein, geb. 1864 zu Krotoschm, gest. 19. November 1920 zu Berlin. seine Kinder volle 'Harmonie 'des'Geistes- und ve's Willens mit ihm betätigten. Gräm um den Tod des ältesten Sohnes,'der als Opfer des Krieges starb, Schmerz über das graüerwolle Schicksal der Illden im europäischen Osten und Kummer über den Verlust der von ihm heißgeliebten ostmärkischen Heimat zehrten an seiner Lebenskraft. Er selbst hatte keine Ahnung davon, daß sein Ende bevorstand, war noch bis in die letzten Lebensstunden hinein voller Pläne für neue wiffenschäftliche Arbeit. Sanft und ohne Kampf entschlief er, nachdem er eben mit dem 'beginnenden Sabbat seine Kinder gesegnet hatte. „Das Andenken des Frommen bleibt zum Segen." N. pbrshsm Tilttin Oberlandesrabbiner in Breslau. An feinem h undertjährigen Todestage. Voll Dr. S et l o in o n Tiktin (Berlin), ld. Jahrhundert weist eine Reihe bedeutender Rabbiner ans, die durch ihr Wirken und ihre Gelehrsamkeit einen nachhaltigen Einfluß auf ihre Zeitgenossen und weit über diese hinaus geübt haben. Ihre Heimat ist, soweit der Osten unseres Vaterlandes in Betracht kommt, zumeist Polen und Litauen, das noch heute der Sitz jüdischer Gelehrsamkeit ist. Zu ihnen gehört auch mein Urgroßvater R. Abraham Tiktin. Sein Vater (R. Gedalje) stammte ans dem Städtchen Tikocin in der Nähe von Bialystok und Lomza, von den polnischen .Glaubensgenossen bis heute kurz Tiktiist) genannt. In der Nähe dieses Ortes mit einer überwiegend jüdischen Einwohnerzahl tobten im Weltkriege heftige Kämpfe, und Hoch in jüngster Zeit war er der Schauplatz von Kämpfen' zwischen Sowjetrußland und Polen. Hier befand sich eine altehrwürdige Ieschiba (talmudisches Lehrhaus), an deren Spitze, wie der Sohn in einer hebräischen Vorrede zu seinem Werke berichtet, als Lehrer R. Gedalje stand, in der Tradition der Juden Polens der „große Gedalje" genannt. Gemeinderabbiner im gewöhnlichen Sinne scheint er nicht gewesen zu sein. Später siedelte er nach Schwersenz bei Posen über, um in gleicher Tätigkeit zu wirken. Hier wurde ihm sein Sohn Abraham geboren. Zahlreiche Schüler, die später als Rabbiner in großen Gemeinden Polens wirkten, saßen zu den Füßen des Meisters. Während sich aber seine Schüler an den Lehren ihres Meisters erfreuen konnten, war es seinem einzigen Sohne nicht vergönnt, seiner Lehre zu lauschen. Denn schon im Alter von neun Jahren wurde ihm der Vater, erst 51jährig, entrissen, und er stand einsam und verlassen da, nur von seiner treuen Mutter Freidet geleitet. Aber dem verwaisten Knaben entstand bald Hilfe. Vier Wochen vor seinem Tode legte der Vater seinem Schwiegersöhne, dem Rabbiner der Gemeinde Greiditz (Grätz in Posen) in eindringlichen Worten ans Herz, sich des Knaben anzunehmen, nicht weil er sein Schwiegersohn sei, sondern weil er viele Jahre sein Schüler gewesen. Und dieser erfüllte die Worte des Sterbenden, indem er dem Knaben zum Vater wurde und ihn in den biblischen und talmudischen Fächern ausbildete, Seine Studien setzte dieser fort bei seinem andern Schwager, R. Jakob in. Posen, den er als scharfsinnigen Gelehrten schildert. L) Die Vokale werden im Hebräischen gewöhnlich nicht geschrieben.

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