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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1920-12-24 · Heft 39 (24.12.1920) · p. Seite 454

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
84 (1920)
Issue
Heft 39 (24.12.1920)
Date
1920-12-24
Page
Seite 454 (sequence 10)
Language
German
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H 454 und am Sabbat Schübah. Der Rabbiner übernimmt die Verpflichtung, an jedem Sabbat in der damaligM Hauptsynagoge „Landschul" zum Gebete zu erscheinen. Dieselbe Verpflichtung übernimmt er in der -später zu erbaueniden Gemeindesynagoge"). Zu den Obliegenheiten des Landtzsrabbinersgehörte auch die tägliche Unterweisung von Jünglingen im Talmud. Lehren und Lernen bildete damals die Haupttätig-keit eines Rabbiners, und so gehörte die Muhe, die ihm das Amt ließ, einer großen literarischen Tätigkeit. Tiktins zahlreiche Schriften zeigen tiefe Gelehrsamkeit auf dem weiten GM-etö der talmudisch-rabbinischon Literatur und großen Scharffinn in der Behandlung halachischer Fragen, so daß er mit Recht von seinen gelehrten Zeitgenossen als „Gaon", als „Fürst der Thora", bezeichnet wurde. . Wir könnten so große geistige Produktivität kaum fassen, wüßten wir nicht, daß die Weisen in Israel das Wort der Schrift buchstäblich nahmen: „Du sollst dich mit der Lehre beschäftigen Tag und Nacht!" Nur wenige Stunden dürften für den Schlaf hingereicht halben. Zwölf Schriften hat Tiktin verfaßt, von denen nur eine NNL) 1820 noch bei seinen Lebzeiten in Dyhernfurth im Druck erschienen ift12). Von einer anderen Schrift (njH*? ipin) ist ein Teil 1891 in Krakau erschienen, von der Schrift (ivsn fTIJB) ein Teil in Warschau 1881, die übrigen befinden sich als Manuskripte in Bibliotheken. Aber nur ein kurzer Zeitraum von vier Jahren war Tiktin vergönnt, in der Gemeinde zu wirken, die ihn liebte und wie einen Heiligen verehrte"). Am 27. Dezember 1820 hauchte er, 56 Jahre alt, seine Seele aus. Auf dem jetzt ältesten Breslauer Friedhof, wo viele berühmte Männer schlummern, fand er seine Ruhestätte. Ein einfacher Sandstein trägt die Ueberschrift: minn “IST. Sein Name aber lebt in feiner Gemeinde fort. Dem Hauptbahnhos geradeüber liegt die schweigsame, altertümliche Totenstadt, ohne prunkende Erbbegräbnisse, ohne Gräberschmuck. Den Eintretenden empfängt eine heilig« Stille. Da gewahren wir einen Gast aus Galizien, gekleidet in langen Kaftan, die Löckchen an den Schläfen, der an einer Gedenktafel lehnt und ein Gebet verrichtet. Er sagt uns in seinem Jargon, daß unter dem Denkmal ein groißer Mann begraben liegt: R. Abraham Tiktin. Er und viele Angehörige seines Stammes suchten, wenn sie ihr Weg nach Breslau führt, dieses Grab auf, um dort zu beten"). Von seinen Kindern wuvde ihm schon in Schwersenz ein Sohn (Gedalje) in jugendlichem Alter entrissen, der verheiratet war und Kind-er hinterließ"). Ein anderer Sohn war Moses, ") Die .Ianbschul" war die älteste Syn-agiM und das Bethaus, der schlesischen Landjuden, deren religiöses Oberhaupt der Landes-' rabbiner war. Sie befand sich im P oko y h os, einer langen Durch gangspassage von der Wallstraße bis zum Karlsplatz mit einem gewaltigen Häuserkomplex, in welchem zu damali>ger Zeit über hundert jüdische Familien wohnten. Vor einigen Jahren wurden alle alten Gebäude niedergerissen und eine moderne Passage mit großen Geschäften angelegt. Die alte Romantik ist aber dahingeschwunden. ") Eine neue Auflage erschien in Warschau 1910. Die Originalausgabe. befindet sich in der Bibliothek .des Berliner Rabbinersemimars, deren Benutzungmir der leider vor kurzem verstorbene Dozent Dr. Eppenstein sreundli-chst überließ. _13) Bgl. die Trauerreden von Mose Kronick, R. Jakob Lissa, Si'Pleßner und Miro. ") ,L3reslauer Zeitung" vom 16. August 1903. . ls) Ein Sohn dieses früh Verstorbenen war Salomon Tiktin, der 1870 in Berlin sta-rb und in „Tiktius Erbbegräbnis", Schönhauser Allee, ruht. Die Inschrift bezeichnet ihn als. Enkel von Abraham Tiktin. An seiner Seite ruht dessen einiger -Sohn, Justiz«! Dr. Gustav Tiktin (1900 in Berlin kinderlos gestorben) der stellvertretender Repräsentantenvorsteher in Berlin war. Seiner Witwe Henriette, geb. Horwitz, die hier lebt, verdanke ich einige Mlitt-eilungen über die Familie. Ein anderer Sohn des oben genannten Gedalje war Aron Tiktin, Vorsteher der Jüdischen Gemeinde in- Lyck (Ostpreußen). Von ihm stammt sein in Berlin verstorbener Sohn Gustav Tiktin, dessen Witwe Thea-, geb. Menkes, hier lebt. Ein anderer Zweig dieser Familie ist nach Polen abgewandert und dort ansässig. der die Drucklegung des „Petach lmbajit" besorgte und eine kurze Einleitung dazu in klassischem Hebräisch") schrieb. Von seinen beiden Töchtern war die eine an Hirsch Bloch, Mitglied der Gesellschaft der Brüder in Breslau, verheiratet"). Nachfolger von R. Abraham Tiktin wurde dessen Sohn R. Salomon, der wegen seiner Gelehrsamkeit und seines Edelsinns als Hoffnung und Trost -der Gemeinde für den Verlust des Vaters bezeichnet wird"). Dieser erreichte nur ein Alter von 52 Jahren, wirkte bis zu seinem Tode als Oberrabbiner und ist durch seine Fehde mit Abraham Geiger weiten Kreisen bekannt geworden. Er hinterließ zwei Söhne und vier Töchter. Der älteste Sohn, Gedalje, war mein Oheim, der andere Sohn, Aron, mein Vater"). R. Ged-alje, der seinem Vater 1843 im Breslauer Ra-bdinate folgte, erhielt von König Friedrich Wilhelm IV. auf Empfehlung des auch als Dichter bekannten Fürstbischofs von Breslau, Kardinal v. Diepenbrock, den- Titel „Königlicher Landrabbiner in Schlesien3"). Als er am 8. August 1886 starb, schrieb die „Allgemeine Zeitung des Judentums", S. 554: „Durch das Ableben dieses Gott-esmannes hat ein Rabbinatsgeschlecht zu bestehen aufgehört, das seit Anfang dieses Jahrhunderts in der Provinz Schlesien und später in Breslau durch seine Wissenschaft, Lehre und Tat Großes für Israel geleistet hat." Aeugrkundenr hebrmlchr Arlmndrn aus oorntaftfcafcäifdjfr Leit. Don Dr. S. I a m p e I (Schwedt a. d. Oder), re Genisahfunde in Altkairo, die uns vor einigen Jahren den -hebräischen Sirahtext schenkten, haben uns auch noch eine andere Schrift aus ungefähr derselben Zeit beschert. Diese in fließendem Hebräisch abgefaßte Schrift steht, wie die neuesten Untersuchungen, besonders die Ed. Meyers, zur Evidenz zeigen, aus -dem Boden orthodox-jüdischer Religionsanschauung, und die Separierte Gemeinde, deren religiöses Statut diese Schrift darstellt, steht den Hellenisten, deretwegen sie Jerusalem 'beziehungsweise Palästina verläßt, ganz feindlich gegenüber.. Die fromme Priesterschaft, der der Hellenismus am meisteir das Leben verleidet hat, steht so sehr im Mittelpunkte dieser Gemeinde, die sich! in der Gegend von Damaskus angesiedelt hat, daß diese Schrift, sooft sie vom Judentum spricht, neben Israel auch Aron nennt. Dem entspricht es auch, wenn sie in ihren Satzungen, die sie für die neuen Kolonien aufstellt, die Forderung erhebt, daß der religiöse Repräsentant jeder Gemeinde ein Aronide (Kohen) sein soll, selbst wenn er in religiösen Dingen ein Ignorant ift, so daß man ihm einen gelehrten Laien als Adjutanten an die Seite stellen muß. An einer Stelle wird nun der berühmte Hohepriester Zadok, der Zeitgenosse Davids, als Ahnherr der frommen Priesterschaft genannt, wie dies auch in Ezech. 44, 15 und öfters der Fall ist. Dieses Moment, sowie auch einige geringe Abweichungen von den späteren pharisäischen Lehren, hat manche dazu verleitet, in dieser Bundes gemeinde Sadduzäer zu seh en, was aber bei näherer Betrachtung ganz unmöglich erscheint. Denn die außerordentlich scharfe Betonung der genauen 16) Er starb in Breslau, nachdem, er bei Lebzeiten seine Kinder verloren hatte. Durch feine Frau war er mi,t dem Dozenten am JüdischTheologischen Seminar Dr. Zuckermann verwandt. 17) Ein Sohn von Bloch war der gelehrte und tiefgläubige Hermann Bloch, der als Stiftgelehrter an der Morah-Leib^iger-Stiftung in Breslau starb. Ein anderer Sohn. Armand, ein Jugendfreund von Ferdinand Lassalle, war Freidenker und wird in den Briefen von Lassalle erwähnt. ^). Siehe die Trauerrede von Kronick. lfl) Auf dem Gebiete des jüdischen Schrifttumsheimisch, führte er mich aindasselbe ein. Am 28. November 1896 starb er in Breslau. -0) Bon seinen Söhnen ist einer, der Lektor am Orientalischen Seminar in Berlin, Professor Dr. H. Tiktin, eine Autorität auf dem Gebiete der rumänisck-en Sprache.

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